Ausstellung über das Glück...

von Quentin May
Mitglied

...im Hygienemuseum Dresden ist ein Songtitel von Erdmöbel auf deren Album „Krokus“. Ich war vor einigen Jahren im selben Monat in Dresden wie die Band, aber leider in einer anderen Woche. Das wäre ja auch zu schön gewesen: Ein Konzert einer meiner Lieblingsbands während eines Städteurlaubs weit auswärts. Darüber hinaus muss ich leider zugeben, dass ich es nicht geschafft hatte, das erwähnte Hygienemuseum zu besuchen. Es ist ja auch nahezu unmöglich, in einer Stadt wie Dresden alles in einer Woche anzusehen: Zwinger, Grünes Gewölbe, Gemäldegalerien, Frauenkirche, Semperoper als Pflicht, Gartenstadt Hellerau, Elbschlösser, Blaues Wunder als Kür und Eissporthalle oder Dresdner Heide als Sonderwünsche. Aber so wie das Hygienemuseum die Band Erdmöbel zu einem tollen Song inspiriert haben mag, ging es mir im Völkerkundemuseum Dresden. Mir gingen rudimentäre Ansätze zu einem Gedicht mit dem Titel „Ausstellung über die Steinzeit… im Völkerkundemuseum Dresden“ duch den Sinn. Aber nein, das wäre zu billig abgekupfert… Obwohl, das Versmaß des Titels hat was und stolpert wie ein Radklassiker über das Kopfsteinpflaster im Frühjahr in Flandern.

Was ich eigentlich sagen will: Es ist erstaunlich, dass von ca. 8.000 Jahren Menschheitsgeschichte so wenig Gegenstände erhalten sind. Selbst aus den letzten achtzig Jahren ist nicht übertrieben viel übrig. Auf unserem Planeten haben x Milliarden Menschen gelebt, sind von hier nach da gelaufen, dann wieder zurück, dann wieder los, ich weiß auch nicht wohin. Im größten Teil der Zeit haben die meisten alles, was sie brauchten, überall, wo sie es brauchten, selbst hergestellt. Supermärkte und Kaufhäuser gab es ja fast nie. Und da wir das alles, was unsere Vorfahren produziert haben, nicht in unseren Schränken finden, stellt sich die Frage: Wo sind sie alle, die Scherbenhaufen der Geschichte? Die paar Reste in unseren Museen können ja nicht alles sein. Vermodert, verrottet, verloren? Nichts geht verloren, es ist nur woanders oder ganz woanders.

Vielleicht ist diese Fragestellung aus der heutigen Sicht nicht ganz richtig. Ich habe im besagten Museum die interessante Ausstellung „Funde, die es nicht geben dürfte.“ gesehen. Mich hat ein bestimmter steinzeitlicher Tontopf am meisten beeindruckt. Er wurde mit Pech und Birkenrinde wieder geflickt, nachdem er beschädigt worden war. Später wurde er nochmals mit Hilfe von Pech mit einem neuen Muster überzogen, um das scheinbar unmodern gewordene alte Muster schnell unter die Decke des Vergessens zu schummeln. Und in diesen beiden Aktionen scheint eine Erklärung zu liegen. Schauen Sie doch bitte einmal zu Hause in Ihre Küchenschränke. Welche Gegenstände dort sind, nun ja… alt? Sammlungen natürlich ausgenommen. Hier geht es nur um Gebrauchsgegenstände! Bei uns sind ja schon von den Eltern übernommene Küchengeräte bemerkenswert. Haben Sie noch Sachen im Schrank, die zwei oder drei Stilepochen alt sind? Und benutzen Sie die auch oder starren Sie sie nur manchmal an? Falls Sie sie immer noch regelmäßig verwenden: Willkommen im Kreis der Zeitlosen!
Sehen wir uns mal diesen Tontopf genauer an. Wahrscheinlich wurde er vor der Beschädigung bereits mehrere Jahrzehnte oder vielleicht sogar Jahrhunderte genutzt. Dann kam der Moment, als er von einem unglücklichen Tölpel unbeabsichtigt vom Herdrand gestoßen wurde. Im kompletten Steinzeithaus breitete sich augenblicklich eisige Stille aus.

Jemand… hat… einen… Topf… kaputt… gemacht…

Zum Glück nicht in viele Scherben. Das kann man vielleicht reparieren, mit ein wenig Pech und Birkenrinde, gib mal her. Ummgkko kriegt das wieder hin. Hat er dann nach einigem Gefummel auch. Und Ummgkkos Urenkel Arrrgko hat der alten Schale dann fünfzig Jahre später noch ein neues Outfit verpasst. Das kommt davon, wenn man die jungen Leute zuviel mit den Schnur-Keramikern rumlungern lässt. Keinen Sinn mehr für steinalte Traditionen. Ganz egal, der Topf funktioniert, er hält das Wasser in sich und das ist das wichtigste. So wurde der Topf noch viele Jahrhunderte weiter genutzt. Warum? Weil er eine Funktion hatte und diese tadellos erfüllte. Einen neuen? Nee, warum?

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich sollte man keine barocken Porzellanvasen mit Gips bestreichen um sie dann mit supercoolöden 70er-Retromustern in orange und braun zu versehen.
Aber bekommt unsere Wegwerfgesellschaft aus diesem Blickwinkel nicht einen neuen Geschmack?

Werfen wir mit den nicht mehr ganz so neuen Mustern und Moden nicht auch permanent einen Teil von uns selbst weg? Muss es wirklich alle sechs Monate ein neues Handy und alle drei Jahre ein neues Auto sein, obwohl beide noch tadellos funktionieren? Was ist der Grund dafür? Nur weil immer jeder Nachbar/Arbeitskollege/Freund auch schon das/der/ die neueste… (den Gegenstand bitte nach Belieben einsetzen) hat?

Andererseits sieht man am oben genannten Beispiel, dass auch der Steinzeitmensch gerne mal hin und wieder neue Muster und Motive sah. Jedoch macht auch hier der Ton die Musik und wurde darüber hinaus nur sehr begrenzt für neue Krüge verwendet.

Wenn man feststellt, dass die Modezyklen im Laufe der Zeit von ein paar Jahrhunderten bei den Stone Age-Veteranen zu alle paar Monate heutzutage ziemlich komprimiert wurden, kann man sich schon fragen: Wo soll das alles noch hinführen? Führt das überhaupt irgendwo hin oder dreht sich alles nur noch um sich selbst? Der Konsumgüterindustrie, die immer mehr von immer mehr Produkten verkaufen möchte, gefallen solche Fragen wohl eher weniger. Sie lebt ja davon, dass man morgen davon angeekelt ist, was man heute noch superspitzenklasse findet.

Aber nur Mut, unser Kopf dient nicht nur dem Zweck, möglichst viele unterschiedliche Mützen und Frisuren zu tragen. Nutzen Sie die Funktionen, die unterhalb der Schädeldecke auf Beschäftigung warten und fallen Sie nicht auf jede Modewelle rein, die lautstark aus Fernsehern, von Plakaten oder von sonst wo verkündet wird.

Als Zusammenfassung noch ein Zitat, ich weiß leider nicht mehr, wo ich es zuerst gelesen habe: „Nur tote Fische schwimmen permanent mit dem Strom.“

Veröffentlicht / Quelle: 
Veröffentlicht in Quentin Mays Buchdebüt "Jyväskylä ist auch nur eine Stadt"

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Kommentare

15. Jan 2020

Das höre/lese ich gerne. Danke für das Feedback!

Viele Grüße
QM