Der aufrechte Gang

von René Oberholzer
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Eines Tages baute der Staat eine grosse Röhre, so hoch wie eine Fabrikhalle und so lange wie ein grosser Bahnhof. Die Menschen strömten bei Wind und Wetter in diese Röhre und blieben darin stehen. Aus einem Lautsprecher ertönte dann immer dieselbe Stimme. Die Menschen hörten ihr aufmerksam zu. In der Röhre war es dunkel, einige fürchteten sich, andere waren einfach nur gespannt, was passieren würde. Die Menschen kamen nicht freiwillig, irgendjemand hatte ihnen gesagt, dass sie in der Röhre erscheinen müssten, sonst würde etwas Schreckliches passieren, mit ihnen, ihrer Familie, ihren Bekannten oder ihrem Freundeskreis. Einige kamen noch als Menschen aus der Röhre, andere hatten den Verstand abgegeben oder verloren oder bewegten sich wie Tiere oder gaben merkwürdige Sätze von sich.

Eines Tages wurde unweit der Röhre ein Mann schwer verletzt aufgefunden. Man hatte ihn in dieser Gegend noch nie gesehen. Er schrie um Hilfe. Wie es der Zufall wollte, erkannte die Frau, die den Mann gefunden hatte, die Stimme des Mannes. Es war dieselbe Stimme, die man auch immer wieder in der Röhre hören konnte. "Soll ich ihn liegen oder sterben lassen?", dachte sie zuerst. Aus lauter Angst, es könnte später herauskommen, wenn sie ihm nicht geholfen hätte, schrie sie in alle Richtungen, bis andere Menschen herbeieilten und den Mann in Sicherheit brachten. Die Frau sah den Mann nie wieder.

Doch jedes Mal, wenn sie aus lauter Angst in der Röhre stand und die Stimme des Mannes hörte, fragte sie sich, warum sie nicht mutiger gewesen war. Und sie hörte die Stimme des Mannes, dessen hilfloses Gesicht sie nie vergessen konnte, noch lange in ihren Ohren. Als sie Jahre später wieder einmal die Röhre verlassen hatte, brach sie zusammen und war sofort tot. Wie Augenzeugen berichteten, soll ihr Gang dem von aufrechten Menschen geglichen haben.

© René Oberholzer, 2018

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