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Schattenkälte des Lichts

Bild von lea19
Bibliothek

Es musste in diesen Tagen geschehen sein, als ich von einem Termin zu einem noch wichtigeren Termin eilte, als ich vergeblich darauf wartete, dass der Schnee schmelzen möge. Als ich entdeckte, dass mein Mädchen einen Büstenhalter trug und mein schwarzes Fahrrad neue Pneus benötigte. Langsam breitete sich in mir die Gewissheit aus, dass mein Leben an mir vorbeieilte, ohne mich mitzunehmen. Wie damals, als er in die Ferien fuhr, jeden Sommer, und uns zu Hause liess.
Lea spricht mit leicht heiserer Stimme und blickt dabei aus dem Fenster ihrer kleinen Küche, wir trinken Kaffee aus Tassen, die mit Comicbildern bedruckt sind. Sie hat den Atlas mit dem glänzenden, dunkelblauen Ledereinband aufgeschlagen und fährt mit dem Zeigefinger in einer geschwungenen Linie über den Atlantik. Wäre der Finger ein Schiff, ich würde seekrank. Ihr Finger bleibt stehen und zeigt nun auf eine kleine, erdbeerförmige Insel mitten im Atlantik. Ich habe alles notiert, was wir brauchen. Sie hält mir die herausgerissene Seite einer alten Illustrierten hin, darauf hat sie mit einem schwarzen Filzstift geschrieben. Ich schaue aus dem Fenster, langsam bricht die Nacht herein, die Sonne ist verschwunden. An der Strasse, in der wir aufgewachsen sind, hat die dicke Frau Beck von morgens bis abends aus dem Fenster geschaut. Ihr Leben glich einer Glaskugel, in der sie gefangen war, bis zu dem Tag, als sie lautlos umkippte. Keiner hat sie je vermisst. Wir liefen weiterhin mit den Rollschuhen an ihrem Haus vorbei und schlugen uns die Knie auf. Lea war schon damals hübsch mit ihren lockigen, langen Haaren. Er hat sie gemocht und sie mit stolzen Blicken angesehen.
Lea stupst mich an die Schulter, hast du meine Notizen gelesen. Ich weiss nicht, was ich sagen soll, bin umgeben von schattenhaften Gedanken, die mich gefangen halten. Er hätte das niemals gutgeheissen. Wobei das keine Rolle spielt, er hat nie etwas gutgeheissen, hat mit mir nie gesprochen und ich war ihm egal. Wir werden bis nach Glasgow fliegen und danach mit dem Zug und der Fähre weiterreisen. Die Insel befindet sich auf dem 60. Breitengrad, sie malt ein rotes Kreuz direkt auf die Insel.
Ich sehe mir ihre Notizen genauer an, eine Liste von vielen, ihr Leben ist eingebettet in Listen, ohne diese hätte sie das Geschehene wohl nicht unbeschadet überstanden.
Chinesische Wochentage rückwärts
rennen, bis ich ins Heidegras falle
Ruderboot und Zelt
Als ob ich im aufgewühlten Atlantik nach einem versunkenen Schatz suchen müsste, versuche in ihre Überlegungen einzutauchen. Wirst du einen Chinesischkurs besuchen. Der Chinese, der in unserer Strasse gewohnt hatte, schimpfte uns in einem unverständlichen Schweizerdeutsch hinterher, wenn wir seinen Garten betraten, um Erdbeeren zu stehlen. Wir haben Erdbeeren geliebt.
Ich habe zwei grosse Rucksäcke gekauft, deine Sachen werden darin Platz haben, auch die Glaskugel. Lea sieht mich mit ihren dunklen Augen an. Ich nicke
zustimmend. Draussen hupt ein Auto mehrmals hintereinander, danach kehrt Ruhe ein. Durchs Fenster sehe ich ins gegenüberliegende Haus, eine Familie sitzt am Tisch und isst zu Abend. Leas getigerte Katze hockt vor dem Fenster, sie ist in der Dunkelheit kaum zu sehen. Ich öffne das Fenster und sie springt mit einem Satz herein, mitten auf eine am Boden liegende Liste. Das raschelnde Geräusch des weissen Papierbogens erinnert mich an das Feuer.
Für die Reise werden wir einige Flaschen Wasser mitnehmen müssen und Lampen, ohne Licht werden wir uns nachts nicht zurechtfinden. Ihr Stift gleitet über das am Boden liegende Papier, warme Kleidung und den Kompass. Sie springt auf und holt einen neuen Bogen, den sie neben die anderen auf den Boden legt. Die Katze schlägt mit der Vorderpfote nach dem kleinen Papierknäuel, den ich ihr zuwerfe. Lea sammelt Papier in unterschiedlichen Farben, Grössen und Qualitäten. Auch leere Zündholzschachteln, einzelne Socken, Kerzenstummel und Tassen. Das Feuer knistert in meinen Ohren, das Geräusch wird lauter und ich kann den Brandgeruch wahrnehmen. Die Hitze brennt auf meiner Haut und nimmt mir den Atem. Sie schreibt noch immer: Heftpflaster, Sonnenbrille.
In meinem Kopf beginnt sich alles zu drehen, ich öffne das Fenster und lehne weit hinaus. Versuche, tief ein- und auszuatmen. Das Feuer hatte sich rasch aufs ganze Haus ausgebreitet. Einige Tage später war von einem Feuerwehrmann aus den verkohlten Überresten die Glaskugel geholt worden, russig, aber unbeschadet. Ich hätte mir gewünscht, sie wäre in tausende kleine Splitter zersprungen. Wenn er am Schreibtisch gearbeitet hatte, spiegelte sich sein Gesicht darin, wurde zu einer Fratze, die mein Herz zum Klopfen brachte und mir die Kehle zuschnürte.
In zwei Tagen fahren wir los. Sie poliert die Kugel mit einem weichen Lappen, solange, bis ich ihr Gesicht darin nicht mehr erkennen kann. Mir ist kalt. Nach der Beerdigung haben mich viele seiner Bekannten umarmt, mir tröstend über den Rücken gestrichen und von schrecklichem Verlust gesprochen. Hätte er auch nur einmal umarmt oder getröstet.
Seine geliebte Glaskugel an diesem wilden Ort im aufgewühlten Meer zu versenken, anfänglich hatte ich mich gegen Leas Idee gewehrt, ich wollte mit ihm nichts mehr zu tun haben. Dass ausgerechnet sie, von ihm geliebt, mir helfen möchte, so, wie ich ihr geholfen habe, wenn sie beim Rollschuhlaufen stürzte, hat mich berührt. Ich stehe langsam auf, hole einen von Leas Papierbögen, klebe ihn an die Wand und beginne zu schreiben:
seine Kälte erfrieren, bis Bluttropfen den Steinboden bedecken
das Mädchen umarmen
die Glaskugel zertrümmern
ein Kilogramm Erdbeeren
Ich umarme Lea, zum ersten Mal. Der Duft frisch gepflückter Erdbeeren steigt mir in die Nase.

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