Der Wahnsinn

von Ventus Bitterblossom
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Über den schmalen Grad zwischen Kreativität und Wahnsinn.

Das schlimme am Wahnsinn ist, dass man ihn erst bemerkt, wenn es zu spät ist.Es fängt nicht mit dem Flüstern aus der Wand an, sondern mit Neugier.
Wenn du die Stimmen das erste mal hörst beginnst du die Tapete herunter zu reißen und die Wand aufzustemmen. Doch dort ist nichts, außer Leere und Distanz. Dann kommt die Panik.
Sie schnürt die Kehle zu und du beginnst dir die merkwürdigsten Erklärungen einfallen zu lassen.
Es war sicher nur ein Streich deiner Kinder.

Doch sobald es erneut passiert und du alles andere ausschließen kannst, versucht das Gehirn sich zu schützen.
Niemand gesteht sich gerne ein, dass er krank ist. Es muss ein Spuk sein.
Es werden Kreuze aufgehängt und Kristalle platziert, magische Schutzamulette getragen. Verse gegen dunkle Mächte geschrieben und heilige Lieder gesungen.

Dann beginnt die Paranoia.

Bald begleitet dich das ätherische Flüstern wohin du auch gehst.
Alle Augen in der Stadtbahn sind auf dich gerichtet. Die Bahnsteigsuhr geht extra falsch, nur um dich zu quälen.
Ihre obszönen Worte wagst du kaum auszusprechen und du schämst dich, weil sie dir gefallen.
Du sitzt Nachmittags am Hauptbahnhof und schreist die Züge an, weil sie sich gegen dich verschworen haben.
Sie fahren aus purer Boshaftigkeit im falschen Takt.

Dabei hörst du auf einem Kassettenrekorder deine Schutzverse in ewig wiederholender Rezitation und singst mit, weil es dir richtig erscheint.

Andere Menschen beginnen dich zu meiden. Dabei verteidigst du dich nur.
Statt zu helfen lachen sie dich aus. Sie verstehen dich nicht.
Du beschließt sie zu ignorieren. Deine Ärzte helfen dir nicht, ihre Medizin wirkt nicht.
Sie betäubt dich nur. Sind die Helfer Teil des Ganzen?

Langsam findest du dich damit ab und erkennst nach und nach, dass du den Verstand verlierst.
Die Zeichen lassen sich nicht mehr ignorieren.
Du hörst es von jedem den du fragst - Du bist krank. Geschädigt. Abnormal.
Du brauchst Hilfe, wärest eine Gefahr für andere.

Als es schließlich soweit ist, du den letzten Funken verlierst und endlich aufgibst, beschließt du loszulassen.
Egal was sie dir geben - du schluckst es.
Sie pumpen dich voll mit allem was sie finden. Pharmazie, Therapie und Diagnosen. Jeden Tag.
Doch es wird nicht besser. Die Stimmen werden lauter.

Die Schatten werden auch weiterhin schwärzer, wenn du sie in der Nacht genau ansiehst.
Sie bilden Gestalten und gehen zur Tür heraus. Aus dem Flur beobachten sie dich mit leuchtenden bunten Augen, die keine Augen sind und winken dir zu.
Schaltest du das Licht ein, sind sie verschwunden.

Die gewisperten Stimmen sind längst unerträglich lauten Schreien gewichen. Aus den Suggestionen wurden Befehle.
Und kurz nachdem du endlich nachgibst und beschließt ihnen zu gehorchen, verhaften sie dich.
Sie werfen dir vor du seiest ansteckend. Dein Wahnsinn würde sich in der Nachbarschaft ausbreiten.

Du hättest Bilder gemalt, bei deren Anblick manche Polizeibeamten sich erbrechen mussten und in Panik das Haus verlassen haben, als sie dich geholt haben.
Manche deiner geisteskranken Texte haben es sogar in die Zeitungen geschafft und die Jugend in Panik versetzt. Viele Leute reden schon über dich.
Doch kannst du dich an nichts davon erinnern. Du hast nur versucht die Stimmen loszuwerden, die dich lenken wollen.

Eine besondere Stimme hat sich im Lauf der Zeit aus dem Chor der Namenlosen gelöst und du hast begonnen sie klarer und deutlicher als die anderen zu verstehen.
Aus Wirren, verwobenen Sätzen wurde eine Botschaft.
Der Richter glaubt dir. Deine Krankenakte spricht für sich. Deine Geschichte wird zum Medienskandal und man beschließt dich öffentlichkeitswirksam zu behandeln.

Es gibt eine Therapie für solche wie dich. Offiziell ist sie verboten, doch hinter weißen Vorhängen passiert viel Ungesehenes.
Schultern werden geklopft und der Zuspruch wird lauter. Und so fesseln die stählernen Handschellen dich bald an ein rostiges, überfordertes Klinikbett.
Die Luft ist feucht und das Zimmer dunkel. Du kannst dich kaum bewegen. Sie haben dir einen Katheter gelegt. Du wirst gut aufbewahrt.
Das einzige was du trotz der Fesseln bewegen kannst ist dein Kopf. Auf deiner rechten Seite siehst du den dreckigen Besteckwagen und auf der linken den Bettpfosten, den du grade so mit dem Kopf erreichen kannst.

Mit fiebrigem Blick erkennst du auf der Tapete die Teufel tanzen. Rund um ein Feuer kreisen sie in ihrem unheiligen Sabbat und bewegen ihre Leiber ekstatisch zu einem weit entfernt klingendem Trommelschlag.
Sie springen um den Bettpfosten, auf dem deine trockenen Augen etwas fokussieren.

Bissspuren. Bissspuren deiner Vorgänger.

Wie viele haben vor dir hier gelegen? Mit Blut geschrieben erkennst du den Namen von so manchem bekannten Künstler.
Ihre Anzahl kannst du nur raten. Kurz nachdem auch du mit einer rostigen Sprungfeder aus der Matratze deine Haut aufritzt, um dich auch auf der vierten Wand zu verewigen, kommen sie dich holen.

Sie schieben dich, auf dein Bett geschnallt, in den Flur. Ein gleißend helles Blitzgewitter blendet deine müde Seele und bannt sie auf Papier.
Du hast hier durch das beständige Brüllen der Toilettenschüssel kaum Schlaf gefunden.
Große Flügeltüren schwingen auf und sie schieben dich in einen riesigen Saal. Unter viel zu heißen Studiostrahlern lassen sie dich schwitzend liegen.

Vornehm gekleidete Herren und Professoren stehen um dich herum und betrachten dich wie ein Bildhauer sein fast fertiges Werkstück.
Eine junge hübsche Frau serviert gekühlten Sekt und Popcorn an mit Masken von Pestdoktoren, Harlekinen und Henkern verschleierte reiche Männer.

Einer von ihnen, mit einer wichtig wirkenden Erscheinung und einer Lampe auf der Stirn, beugt sich über dich und eine spärlich bekleidete Assistentin reicht ihm eine dicke, silberne, glänzende Nadel.
Seine große, schwere Hand legt sich auf deine Stirn und du beruhigst dich. Gleich wird es vorbei sein. Dein Atem wird langsamer.
Die Geräusche werden leiser.
Sogar die Stimmen beginnen endlich zu schweigen.

Kurz bevor er die Nadel an der Tränendrüse vorbei in dein Auge drückt und die Musik in dir für immer zu verstummen droht, erkennst du plötzlich, dass du doch nicht wahnsinnig warst.
Du warst einer der wenigen Gesunden.

Als die Nadel deinen Hirnlappen verlässt folgt ihr ein kleiner Faden roten Blutes.
Mit völliger Stille in deinem Kopf hörst du deinen Therapeuten unter Applaus zu seinem Publikum gewandt eine Dankesrede aufsagen.
Dann erkennst du seine Stimme.

Es war die Stimme in der Wand, die Stimme der Züge und die Stimme der Teufel am Feuer.

Es war die Stimme aller Menschen, die dir je gesagt haben, du seiest falsch.
Entsetzt und unwiderruflich fällst du in einen traumlosen Schlaf.
Ein paar Wochen später sitzt du mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht in einem Supermarkt an der Kasse.

Deinen schönen kalten Augen ist kein bunter Glanz des Wahnsinns mehr anzusehen.

Du schiebst einen Joghurt Becher über das Band.

Und ein Brot.

Und noch einen Becher Joghurt.

Endlich bist du nicht mehr verrückt!

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Interne Verweise

Kommentare

14. Mai 2019

Wirklich lesenswert
und, obwohl es anders scheint,
wirklich wirklich.
LG Uwe