Maria und Elisabeth

von Angelika Zädow
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Maria erfährt: Sie soll schwanger werden. Ungewollt. Keine Ahnung, ob der Vater bei ihr bleiben wird.
Unverheiratet ein Kind bekommen - das war eine Schande zu der Zeit. So mancher Mann machte sich lieber aus dem Staub statt sich zu kümmern.

Wenn der Bauch sich nicht mehr unter weiten Kleidern verbergen ließ, würde es anfangen: das Tuscheln und Lästern hinter vorgehaltener Hand. Die halblauten Sätze im Vorbeigehen: „Guck mal die Maria. Nen Kind, aber keinen Mann…“ „So eine ist das also!“ Nachbarn und Freunde würden die Straßenseite wechseln, wenn sie kam - so tun als sähen sie sie nicht.

Begegnung mit der Schande in aller Öffentlichkeit - darauf verzichteten die meisten.

Alles in Maria schreit „NEIN“ auf die Botschaft, dass sie schwanger wird. Kann gar nicht sein! Ich will das nicht! Ich will keine Schande sein.

Der Engel, der die Botschaft überbringt, beeilt sich, den Beweis dafür zu bringen, dass bei Gott mehr möglich ist als bei den Menschen: ihre Kusine sei doch auch schwanger.

Elisabeth? Das war die deutlich ältere der beiden. Bei ihr hatte Maria gelernt, was es hieß, dem Gerede der Leute ausgesetzt zu sein. Denn keine Kinder zu bekommen, war ähnlich schlimm wie unverheiratet schwanger zu werden.
„Ihr lasst euch noch Zeit oder?“, war eine der milderen Sätze. „Da liegt kein Segen auf den beiden“, war schon deutlicher. „Wer weiß, warum Gott sie straft“, dann der unverhohlene Vorwurf, dass sie sich etwas zuschulden hatte kommen lassen.

Elisabeth litt stumm. Betrachtete die Kinder ihrer Freundinnen beim Spiel, wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln und verschwand immer schnell in das vor Blicken und Lästereien schützende Zuhause.

Auf Begegnungen dieser Art konnte sie verzichten.

Und nun sollte die alte Elisabeth ein Kind erwarten und schon im 6. Monat sein? Nun, das ließ sich ja überprüfen.
Maria geht los. Klopft an die Tür. Elisabeth öffnet. Maria sieht sie an. Elisabeth strahlt: „Maria! Du bist es. Gut schaust Du aus. Sag mal, bist Du schwanger?! Ich finde, das sieht man. Ja, ich sehe es dir an. Wie schön. Ich freue mich so für Dich! Und schau. Mein Kind hüpft und strampelt auch. Weil ich mich freue. Das merkt es auch.“

Maria bleibt. Bleibt ganze drei Monate. Am Ende bringt Elisabeth ihr Kind zur Welt.

In den drei Monaten bei Elisabeth wird Maria sicher. Sie wird dieses Kind bekommen. Die Angst wird klein. Und je weniger die Angst, desto mehr hat die Freude Platz. Wie bei Elisabeth. Ihre Freude hat sie angesteckt. Ja, sie wird es annehmen - das Kind.

Maria ist voll Glück. Alles in ihr jubelt: „Gott hat mir dieses Kind geschenkt. Ich bin gesegnet und geliebt. Alle sollen es sehen und sich mit mir freuen.“

Elisabeth und Maria - zwei Frauen begegnen Gott. Zwei Frauen werden zu Hoffnungsträgerinnen dafür, dass sogar im vermeintlich kleinsten und geringsten, im ärmsten und unansehnlichen Gott wohnt.

Vielleicht begegnen wir ihm heute - wer weiß?

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Interne Verweise

Kommentare

13. Dez 2018

Mariä Heimsuchung. Sehr gut nacherzählt. Danke, liebe Angelika. Was für ein Glück, dass sich die Zeiten geändert haben - in Bezug auf Tratsch, Häme und Zuschiebung einer "Schandtat".

Liebe Grüße,
Annelie

26. Dez 2018

Diese schöne Geschichte ist für sich selbst schon ein Weihnachtsgeschenk. Als ich gestern meinen Schwiegervater im Krankenhaus besuchte, stand ich plötzlich vor einem Schild.
"Babykörbchen hinter dem Haus".
Die Meinung der Menschen über unverheiratete Mütter scheint sich bis heute nicht geändert zu haben. So manche junge Frau muss, statt Hilfe zu erfahren, ihr Kind heimlich ins Babykörbchen legen. Hinter dem Haus. Möge Gott über diese jungen Mütter und ihre Kinder wachen.

Alles Liebe und noch schöne Feiertage,
Susanna

26. Dez 2018

Liebe Susanna,

vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich finde ja, dass junge Familien und insbesondere Mütter unbedingt wert geschätzt und unterstützt werden müssen. Vielleicht ersteres sogar noch mehr...
Liebe Grüße und einen schönen zweiten Christtag
Angelika