Bedingungslos

von Theresa Leseeule
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Der Regen traf auf den Boden und bildete beim Aufprall kleine 'Hütchen', wie meine Mutter sie immer nannte. Sie hatte diese Bezeichnung von ihrem Opa, der der Meinung war, dass wenn es 'Hütchen' regnete, eben dieser noch den ganzen Tag anhalten würde - was bisher ehrlich gesagt auch immer der Fall gewesen war. Ich hatte meinen Jackenkragen nach oben geschlagen und meinen Schal fest darum gebunden, damit der Wind nicht seinen Weg unter meine Jacke fand. An der nächsten roten Ampel hielt ich inne und beobachtete ein junges Pärchen - die Frau schmiegte ihren Kopf sanft an die Brust des Mannes und dieser nahm sie fest in den Arm. Das Ganze wirkte so unglaublich schön, dass ich grinsen musste. Zum Glück war niemand da, der mich beobachtete. Wahrscheinlich hätte man mich auch nur ausgelacht und sich gewundert, warum ich andere Leute belächelte und mich nicht um mein eigenes Liebesglück kümmerte, so wie es alle anderen Menschen auch tun. Nur genau da wäre das Problem - oder anders ausgedrückt ich hatte immer schon das Problem, dass ich in jede Situation zu viel hineininterpretieren und mir meine eigene Gedankenwelt damit schaffte. Nur leider konnte ich nicht immer daraus entfliehen und stecke darin fest und bekam so die wirkliche Welt nur oberflächlich mit. Deswegen fiel es mir schwer mein eigenes Liebesglück aufzubauen. Versteht mich nicht falsch, ich habe bereits geliebt, aber eben zu sehr. Schon immer war ich wahrscheinlich zu intensiv für meine Umwelt - abgesehen von den Menschen, die mich liebten, wie ich bin, wie meine Familie und meine engsten Freunde, schreckte ich die anderen damit ab, dass ich, wenn ich mich einmal wohl fühle zu sehr daran glaubte, dass das das Richtige und Einzige war, was ich wollte und stieß hierbei auf Ablehnung. Verständlicherweise, denn eine 'Klette' mag ein niemand, aber mir fiel es unheimlich schwierig mal nicht über eine Situation nachzudenken, denn das war es, was ich immer und immer wieder tat - nachdenken. Über Alles, Jeden und ständig. Wahrscheinlich war ich einfach zu weich für diese Welt, zu naiv und wie man so gerne sagt hoffnungslos romantisch. Eine Mischung, die es einem nicht allzu einfach macht seinen eigenen Weg zu gehen, wie man ihn gerne gehen möchte. Menschen, die genau wissen, was sie möchten und es sich auch nehmen, ohne die Auswirkungen zu bedenken, kreuzten immer wieder meinen Weg und ließen mich spüren, dass ich zu oft nicht an mich selbst dachte und eher mir eine Version ausmalte, wie alle glücklich sein konnten. Einer Vision, die zu viele Gegenspieler hatte, was ich aber erst ziemlich spät feststellen sollte.
"Seinen Weg im Leben finden" ist ein Satz, den man sehr oft hört und bestimmt auch verinnerlicht, aber ihn nie so ganz versteht. Wie sollte man auch? Die Lösung dafür ist man selbst und das ist nunmal das Schwierigste überhaupt - zu erfahren und akzeptieren, wer man selbst ist. Immer wieder versucht man allen Bedingungen im Leben gerecht zu werden und dabei spielt es keine Rolle, ob man diese aufgelegt bekommt oder sich selbst auferlegt - in beiden Fällen ist es unheimlich schwierig auszubrechen und nicht "diesen Weg" zu gehen, sondern "seinen eigenen Weg" zu entdecken. Ein Jeder hat andere Wünsche und Träumen. Manche erfüllen sich niemals und trotzdem sind sie unser Antrieb. Ein Traum kann als Ziel gelten und den Weg weisen. Wünsche und deren Erfüllungen können uns helfen daran zu glauben, dass auch Träume in Erfüllung gehen können. Ab und zu jedoch drängen sich Aufgaben in unser Leben, die wir nicht erfüllen können, weil wir nicht die Begabung dazu haben oder gar den Willen. Es fehlt einem das Wichtigste - der Antrieb. Diese Aufgaben sind, so denken wir, von Wichtigkeit - was jedoch wenn dies nicht der Wahrheit entspricht? Was ist, wenn es einen anderen Weg gibt, der diese nicht beinhaltet? Was wenn dieser Weg der unsere ist?
Klirrend fiel die Tasse auf den Boden und ich erschrak dermaßen, dass ich mit einem kurzen Aufschrei sie Aufmerksamkeit auf mich zog. Der nette Kellner kam sofort auf mich zu und fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich entschuldigte mich und spürte, dass mich alle anderen Gäste anstarrten, als hätte ich jemanden erstochen und wurde schlagartig rot. Dieser Umstand machte die Situation noch peinlicher. Elias, das war also laut dem Namensschild der Name des Kellners, kam mit einem Kehrblech zurück und entfernte schnell die Scherben. Noch Einmal entschuldigte ich mich peinlich berührt und er schaute mich mit seinen nussbraunen warmen Augen an, nickte lächelnd und ging zum Tresen zurück. Ich konnte hören, wie er die Scherben der Tasse in den Müll warf. Auf meinen Block starrend bemerkte ich ihn erst wieder, als er neben mir stand und eine neue heiße Schokolade auf meinen Tisch platzieren und meinte, ich sollte jetzt besser nur trinken, wenn ich nicht in meinen Gedanken versunken sei - aber nicht aus Angst, dass noch mehr Geschirr kaputt ginge, sondern damit ich mich nicht an der heißen Schokolade verbrannte. Ich musste kurz auflachen, bedankte mich und kehrte zurück in meine Gedankenwelt. Mein von mir selbst aufgelegter Auftrag hieß 'normal' wirken und nicht erneut die Aufmerksamkeit der anderen Gäste auf mich zu ziehen. Aufmerksamkeit von anderen war etwas, mit dem ich nicht besonders gut umgehen konnte und die mich meistens peinlich berührte. Die meisten Menschen meinten es wahrscheinlich nennt, aber selbst ein Kompliment machte mich verlegen, v.a. dann wenn ich es selbst nicht von mir glaubte. Ich verharrte noch eine Weile in meiner Gedankenwelt und zerbrach mir den Kopf über die Liebe, denn alles, was ich mir je gewünscht hatte war es bedingungslos geliebt zu werden und diese Liebe mit all ihren Facetten zurückzugeben - die Art von Liebe, die ein jeder von uns verdient.
Mit diesem Gedanken stand ich auf, zog mir meine Jacke und meinen Schal an und machte mich fertig, um in die Welt hinaus zu gehen und es meinem Liebesgednaken gleich zu machen. Einfach zu leben, denn dieses war ohnehin zu kurz um darüber nachzudenken, was falsch und richtig war, was besser und weiser war, was gesünder und sicherer war, was einen beliebter machte und stärkte - man selbst zu sein ist die Lösung, nur der Weg dahin ist gefüllt mit Enttäuschungen, Missverständnissen, Wut, Angst, verletzenden Worten und Taten, Tränen und dem Mut sich daraus zu befreien. Mit einem voller wirren Gedanken gefüllten Kopf schaute ich in den Spiegel, der am Ausgang des Cafés hing und lächelte - ich war in meinem Kapitel angekommen, an dem ich aus tiefstem Herzen mitschreiben würde und hin und wieder eine Pause einlegen müsste, um dem Leben eine Chance zu geben sowohl positive, als auch negative Situationen hinzuzufügen, um diese dann zu meistern.

14.02.2019

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