Der Hafiz

von Klaus Taumel
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Die Geschichte von der sagenumwobenen Stadt Aqba kennt jeder in der Wüste. Sie ist so alt, dass sie schon seit Menschengedenken von Generation zu Generation erzählt wird. Keiner weiß mehr, ob es diese Stadt jemals wirklich gab oder sie nur eine Erfindung wandernder Märchenerzähler ist. Dennoch wird sie immer wieder in den Träumen und Fantasien aus dem Nichts neu zum Leben erweckt und verschwindet wieder im Nichts.
Eine Perle war sie einst in der Wüste. Als ein Stamm von Nomaden bei ihrem Zug durch die Wüste vom Weg abkamen und nach einem geeigneten Platz zum Übernachten suchten, ließen sie sich am Fuße eines Felsens nieder. Einer Sage nach erschien in jener Nacht einem kleinen Hirtenjungen eine Schlange und führte ihn über einen engen Pass in ein Tal, versteckt in den Felsen, eingebettet in der Tiefe eines Beckens. Er eilte zu den anderen seines Stammes und erzählte ihnen von seiner Entdeckung. Diese folgten dem kleinen Jungen in das Tal und wurden von dem Anblick, der sie hier erwartete, überwältigt.
Das Tal war riesig, Dattelpalmen und exotisches Gewächs ragte hier und da in die Höhe. Aus den Felsen floss Wasser in das Tal und versammelte sich zu einem Fluss, welches das gesamte Tal durchzog und anschließend wieder in den Felsen verschwand. Die Luft war feucht und warm. Sie war wie eine andere Welt, die sich mitten in der Wüste aus dem Sand und kargen Felsstein erhob. Die Nomaden nannten das Tal Farida. Nie zuvor sahen sie eine vergleichbar schöne Gegend. Sie beschlossen, sich im Tal niederzulassen und nicht mehr weiter zu ziehen.
So kam es, dass die Nomaden sesshaft wurden und ihr Geheimnis versuchten, so gut wie möglich zu hüten. Es vergingen Jahre und sie erwirtschafteten mit den Früchten und dem Gold, welches sie in den Felsenhöhlen fanden und abbauten, ein Vermögen. Das einst kleine Dorf der Nomaden wurde immer größer. Wanderer fanden zum Tal und bewunderten sie. Sie ließen sich nieder und zogen nicht mehr weiter. Unter den neuen Siedlern waren auch viele Gebildete aus nah und fern. So kamen Dichter, Denker aber auch Bauherren, die sich auf der Suche nach neuem Wissen auf den Weg in die Ferne machten, doch hier im Tal verblieben und ihre neue Heimat fanden. Von ihnen profitierten die Talbewohner. Sie gründeten Schulen und ließen ihre Kinder in den verschiedenen Wissenschaften unterrichten. Jahre vergingen und das einst kleine Dorf wuchs zu einer prächtigen Stadt, die sie Aqba nannten. Die Nachkommen der Nomaden waren nun gebildete Bürger in einer der prächtigsten und schönsten Städte der Wüste. Ihre Stadt wurde ein Schmelzpunkt für Wissen und Kunst.
Die immer größer werdende Zahl der Einwohner machte den Bewohnern der Stadt jedoch große Sorgen. Immer mehr von dem kostbaren und fruchtbaren Boden musste geopfert werden um mehr Platz zum Bauen abzugewinnen. So versammelten sich die Ältesten der Stadt, deren Herkunft auf die ersten Siedler zurückzuführen war, und berieten sich.
Sie beschlossen, dass sie in Aqba keine neuen Siedler mehr zulassen würden. Der Bau neuer Häuser sollte zunächst auch nicht mehr stattfinden und man bat die Bewohner, enger in den Häusern zu leben, bis eine neue Lösung gefunden würde.
Einer der berühmtesten Bauherren der Stadt, der große Teile der weiten Welt bereist und gesehen hatte, berichtete vor dem Ältestenrat von Häusern, die nicht in die Breite sondern in die Höhe ragten. Die Menschen jener Gebiete bauten sich diese Häuser, um auf dem wenigen Platz auf den Felsen so viel Wohnraum wie möglich zu schaffen.
So wurde die Stadt nicht mehr in die Breite sondern in die Höhe ausgebaut. Es vergingen Generationen und die Häuser wurden immer höher. Nur die Häuser der alt eingesessenen Familien hatten das Privileg, weiterhin ihre ursprünglichen Formen zu behalten.
Von der Ferne sah Aqba beim Betreten des Tales wie eine Stadt bestehend aus hoch in den Himmel ragenden Türmen aus. Zwischen ihnen bahnten sich enge und dunkle Gassen. In der Mitte der Stadt befand sich ein großer freier Platz. Er diente als Marktplatz und zum Feiern wichtiger Feste der Stadt wie die Gründungsfeier, die jährlich stattfand. Viele Gäste aus fernen Gegenden kamen um die prächtige Stadt zu bewundern. Am Eingang der Stadt befand sich ein großer Brunnen. Er war mit einer Steinmauer umgeben und wurde von allen Bewohnern als Wasserquelle benutzt. In riesigen Fässern bewahrten die Bewohner in ihren Wohnungen ihre Wasservorräte auf, um sich die langen Wege jedes Mal zu ersparen. Auch wenn Aqba nicht mehr größer wurde, wuchs dennoch ihr Ruhm und Reichtum über die Jahre hinweg unaufhaltsam. Die riesigen Häuser wurden mit aufwendigen Fassaden bearbeitet und die Böden der Stadt mit Steinen bepflastert, die man von den umliegenden Felsen abtrug.
Aqba war in der Wüste die einzige Stadt ihrer Art. Sie hatte viele Namen. Man nannte sie die steinerne Stadt oder die Perle der Wüste. Doch alle wussten welche Stadt gemeint war, wenn man von Aqba sprach. Der einzige Weg, welcher in die Stadt führte, war leicht zu kontrollieren. So war es unmöglich, die Stadt einzunehmen. Auch konnte keiner in die Stadt gelangen, ohne die Posten zu passieren. Die Stadt war sicher und uneinnehmbar. Dennoch verfügte sie über eine große Armee, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein.

In dieser Stadt wohnte auch Abdallah. Er war ein einfacher Mann und lebte mit seiner Tochter ein bescheidenes Leben. Seine Familie zählte nicht zu den einheimischen Nomaden. Seine Vorfahren kamen vor langer Zeit in die Stadt, da sie vor dem wütenden Krieg in ihrer Heimat flohen. In ihrer Heimatstadt waren sie für die Bewässerungsanlagen der Felder zuständig und somit auch in dieser Stadt sehr willkommen. Sie wurden geduldet als Arbeiter auf dem Feld. Als Dank errichteten sie eine Bewässerungsanlage nach dem Vorbild ihrer Stadt und leiteten das Wasser aus den Felsen in ein System von Kanälen, welches eine große Fläche versorgte und somit eine ständige und regelmäßige Wasserzufuhr gewährleistete. Um ihre Stellung zu sichern, behielten sie ihr Geheimnis nur für sich. Abdallah lernte alles über das Bewässerungssystem von seinem Vater. In seiner Heimat nannte man diese Formen von Bewässerungssystemen Qanat.

An jenem Tag hörte er mit

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