Eine wahre Engels(?)-Geschichte

von Alfred Krieger
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Obwohl sich folgende Begebenheit vor circa 17 Jahren abgespielt hat, lebt sie in meiner Erinnerung so zeitlich nah, als hätte sie sich erst kürzlich ereignet. Deshalb verbürge ich mich auch für die absolute Wahrheit des Erzählten, mit der Ausnahme, dass die Ortsnamen aus Diskretionsgründen frei erfunden sind.

Ich unterrichtete damals an zwei Schulorten, an der Grundschule in Haselfels und der Hauptschule in Mitterbach. An jenem Donnerstage war ich zuerst vier Stunden in Haselfels beschäftigt, wobei ich die fünfte und sechste Stunde in Mitterbach zu arbeiten hatte. Nach dorthin machte ich mich in der Pause also auf den Weg, wobei ich unterwegs noch beabsichtigte, zu tanken. Ich stand bereits vor der Tanksäule, als mir einfiel, dass ich tags zuvor einen größeren Einkauf getätigt und deshalb zu wenig Bargeld bei mir hatte, was bedeutete, dass ich am entfernten Schulort Mitterbach noch die dortige Sparkasse aufzusuchen hatte, was – durch die verschobenen Pausen an beiden Dienststellen – zeitlich eigentlich nicht problematisch gewesen wäre.
Dennoch fragte ich mich: „Hat das jetzt auch noch sein müssen?“ Es war eben so, dass die ganzen vergangenen Wochen - sehr sorgenträchtig und reich an Ärgernissen, wie sie sich gezeigt hatten – nicht ohne Wirkung auf mein armes Nervenkostüm geblieben waren und dass deshalb inzwischen schon Kleinigkeiten ausreichten, dieses noch weiter zu zerknittern.
Ich fuhr also wieder los in Richtung Mitterbach. Während der Fahrt hatte ich damit zu tun, nicht ständig in bedrückende Gedanken abzugleiten … „Du musst dich jetzt nur um den Verkehr kümmern, sonst brauchst du dir bald überhaupt keine Sorgen mehr zu machen“, redete ich mir – mich ermahnend – zu. Dabei ertappte ich mich dabei, dass ich dies laut vor mich hingesagt hatte. Ich schüttelte verwundert darüber den Kopf und fügte in Gedanken hinzu: „Ein Wunder ist es nicht nach allem, was derzeitig falsch läuft.“ Ich ergänzte: „Ich bräuchte jetzt dringend irgendeinen Engel!“ Dabei huschte mir ein verzweifeltes Lächeln über mein sorgengrames Gesicht … welch vermessene und verwegene Wünsche ich doch hatte, gerade ich, der überaus kritische Zweifler, Skeptiker und Agnostiker!
Auf der Sparkasse hob ich 600,00DM ab, welche ich beim Entgegennehmen nicht nachzählte, da sie mir der Bankangestellte langsam vorgezählt hatte. Daraufhin setzte ich meinen Weg zur Hauptschule in Mitterbach fort.
Nach Unterrichtsschluss suchte ich wieder die Tankstelle auf. Beim Bezahlen an der Kasse stellte ich fest, dass ich 200,00DM zuviel in der Geldbörse hatte.
Sollte man mir am Schalter der Sparkasse versehentlich 200,00DM „geschenkt“ haben. Nun, ein derartiges „Präsent“ wäre nicht zu verachten gewesen!
Ich fuhr also wieder zur Bank zurück und äußerte dort meinen Verdacht, einen höheren und damit falschen Betrag ausbezahlt bekommen zu haben. Die von mir angeregte Kassenprüfung erbrachte einen Fehlbetrag von 198,80DM. Ich lächelte und entnahm meinem Geldbeutel zwei "blaue Riesen". Der Angestellte, welcher mir das Geld gut zwei Stunden zuvor ausbezahlt hatte, wurde gar nicht damit fertig, sich bei mir zu bedanken …
Seine Freude erleben zu dürfen, hatte auch mir gut getan. Da fiel mir ein, dass ich ja unterwegs den unerfüllbaren, also rein rhetorischen Wunsch nach einem Engel so vor mich hingesagt hatte. Dieser hatte sich mir gegenüber zwar nicht erfüllt, aber eigentlich war dafür MIR die Rolle eines Engels für den jungen Sparkassenmitarbeiter zuteil geworden.
Moral: Wenn man einen Engel braucht, wenn man mit einem zu tun haben will, braucht man ja nur zu versuchen, für andere einer zu sein!

… und wenn die ganze Geschichte nur zufällig so abgelaufen sein sollte? - äußerst eigenartig und auf seltsame Weise beglückend finde ich sie immer noch, weshalb ich sie auch für wert erachtete, niedergeschrieben zu werden.

aus der Erinnerung erzählt am 15. Juli 2016

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Kommentare

15. Jul 2016

Eine feine Story, die sich lohnt!
(Wie hier der Englert gern betont ...)

LG Axel

16. Jul 2016

So kann es gehen!
Besonders schön, den Blick von sich weg auf andere zu richten.
Gefällt mir sehr, die Geschichte!

16. Jul 2016

Ich danke Ihnen, Monika, noé und Axel für die lieben Kommentare und das Verständnis für diese wahre Geschichte. Ich hatte mir nämlich schon überlegt, ob ich sie niederschreiben und veröffentlichen sollte, fürchtete ich doch, für ein bisschen "ga-ga" gehalten zu werden. Auf alle Fälle haben Sie mir Mut gemacht, ein zweites ganz anderes, aber vom Sinne her ähnliches Erlebnis demnächst schriftlich festzuhalten.

17. Jul 2016

In meinem Alltag gibt es gibt es oft Situationen, bei denen ich die Vermutung habe, jemand stände mir hilfreich zur Seite. Deshalb gefällt mir Deine Geschichte so gut. Und wie schön, wenn wir auch einmal ein hilfreicher Engel sein dürfen.

Herzliche Grüße, Susanna

18. Jul 2016

Werte Susanna,
danke für Ihren Kommentar, in welchem Sie schreiben: "... schön, wenn wir auch einmal ein hilfreicher Engel sein dürfen." Da haben Sie natürlich recht und ich will mich ja nicht beklagen,aber bei mir läuft es meist so, dass ständig ich der helfende "Engel(?)" sein (dürfen) muss :-).
Das für MICH zuständige diesbezügliche beflügelte Personal scheint eher verhindert oder anderweitig überlastet zu sein. (Aber das geschieht mir altem Skeptiker recht - ich glaube ja nicht einmal so richtig an den Osterhasen!)
Eine gute Nacht wünscht
Alfred

18. Jul 2016

Wahrscheinlich trauen sie Dir viel zu, dass sie Dich ihren Job machen lassen.

LG, Susanna