Zwei Minuten

von Theresa Leseeule
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Den ganzen Prozess war ich tausend Mal durchgegangen, aber trotz allem war ich nervöser als vor meinem Staatsexamen. Ich denke, dass das daran liegt, dass es hierbei nicht darum ging gelerntes Wissen zu präsentieren, sondern meine Gefühle.
Ja viele würden jetzt sagen, dass ich mir umsonst Gedanken darum mache, aber ich bin nicht die Beste darin vor Leuten meine Gefühle preiszugeben. Zumindest nicht, wenn mich dabei alle anstarren, denn dadurch werde ich nervös und gehe in Gedanken immer wieder verschiedenste Paragraphen durch, um auf andere Gedanken zu kommen - was auch jedes Mal funktionierte, nur traute ich mich nicht dies jemandem zu erzählen, weil ich nicht für verrückt gehalten werden wollte. Glücklicherweise konnte ja noch niemand die Gedanken eines anderen lesen. Ich schloss die Augen und atmete mehrmals so langsam ich nur konnte tief durch. MIt noch geschlossenen Augen fühlte ich mich nun besser - ich genoss es, dass mir die Sonne leicht auf den Rücken schien. Es war keine unangenehme Wärme mehr, da wir den Hochsommer hinter uns gelassen hatten und der Herbst sich langsam vollkommen ausgebreitet hatte. Die Zeit, die ich dachte, die vergangen ist wäre Stunden gewesen, die tatsächliche Zeit allerding war nur ein paar Minuten . Beim Öffnen meiner Augen merkte ich das kleine Kribbeln der Trockenheit, die entstanden war, weil die Kontaktlinsen keine Luft abbekommen hatten und nun mein Auge wieder einmal überfordert war klar zu sehen. Ich schaute lange in den Spiegel und mir gefiel seltsamerweise mein Anblick - ich sag seltsamerweise, da ich normalerweise kaum Schminke auftrage und meine Schwester ganz stolz gewesen war, dass sie mich heute fertig machen durfte - ich hatte sie wahnsinnig lieb, aber meine kleine Schwester neigte ein wenig zur Übertreibung und ich hatte vorab Angst, ich könnte aussehen wie ein Kanarienvogel kurz nach der Geburt, der mit seiner Farbenpracht noch nicht umgehen kann. Sie schaffte es allerdings mich so herzurichten, dass ich anders aussah als sonst, jedoch trotzdem wie ich und ich war ihr sehr dankbar. Mal wieder stellte ich im Nachhinein fest, dass ich mir viel zu viele Gedanken gemacht hatte was hätte passieren können und was passiert, wenn's passiert ist. Jedes Mal sagte ich mir ich würde es das nächste Mal nicht wieder so machen und während ich das dachte wusste ich eigentlich schon, dass das einer meiner größten Lügen überhaupt war. Aber solange ich mich nur selbst belügte und es niemand bemerkte verspürte ich keine Angst davor. Ich atmete noch einmal schnell tief durch und stand auf - es klopfte und meine Schwester trat fröhlich-kwitschend in den Raum. Ich konnte hören, wie sehr sie sich freute, dass ich ihr Werk an mir nicht zerstört oder gar entfernt hatte und das wiederum machte mich glücklich. Sie sah mich mit funkelnden Augen an und hielt mein Kleid in die Höhe, als wäre es eine Trophäe. Ok vielleicht war es das für sie auch, da sie von Kind an im Gegensatz zu mir Kleider liebte und es kaum erwarten konnte mit all der Schminke unserer Mutter spielen zu dürfen - nach dem Spiel kam das Leben und umso älter sie wurde, umso besser wurde sie darin und irgendwann war sie unschlagbar darin geworden sich zu verwandeln. Als große Schwester war ich sehr stolz auf sie. Dieser Moment bereitete mir Gänsehaut und das konnte ich dank knapper erotischer Spitzenunterwäsche nicht verbergen. Meine kleine süße Schwester, die gar nicht mehr so klein war, lächelte mich mit breitem Grinsen an und ich wusste, dass sie wusste, dass ich nervös war und wenn ich nervös war, war ich glücklich. Sie hielt mich ein wenig in ihren Armen und half mir dann in mein wunderschönes von ihr geschneidertes Kleid hinein - ich fühlte mich wie Aschenputtel. Dazu muss ich anmerken, dass das nicht wie bei meiner Schwester ein seit Kindheit gehegter Traum war, sondern sich so ergeben hat, es sich trotzdem unglaublich wunderbar anfühlte - ich hätte dies zwar im Leben nie von mir erwartet und wahrscheinlich auch kein anderer, der mich länger und genauer kannte - wunderbarer, als ich je gedachte habe, insofern ich je darüber nachgedacht hatte und ja ich dachte viel nach, aber Gedanken darüber hatte ich mir wirklich nicht viele gemacht, nicht weil es mir nicht wichtig war oder ich es nicht schön fand, sondern einfach aus dem Grund, dass ich mich zu nervös machen würde. Wir beide starrten noch eine gefühlte Ewigkeit in den riesigen Spiegel des Raumes, der eben diesen fast vollkommen ausfüllte und nahmen uns noch einmal in den Arm. Plötzlich stürmte meine kleine unglaublich süße Tochter in den Raum und schrie in den höchsten Stimmlage, die sie besaß: "2 Minuten noch Mama! 2 Minuten noch!" und verschwand wieder aus dem Raum.
Ok 2 Minuten noch bis zu dem Zeitpunkt, auf den so viele Mädchen von Kind an träumten - " Minuten bis zu weißen Traumhochzeit, die ein Mädchen bekam, dass nie daran gedacht hatte, jetzt aber jedoch unglaublich nervös war und sich darauf freute, weil sie gelernt hatte sich nicht mehr vor Nervosität ängstlich zu verhalten sondern glücklich.
Meine Schwester öffnete die große braune Eichendoppeltür der Kirche und ich schritt lächelnd hindurch und machte mich auf dem Weg zu dem Menschen, der es geschafft hatte all meine negativen Gefühle in positive zu verwandeln, ohne mich zu verändern.
Diese letzten 2 Minuten waren langsamer vorbeigegangen, als mein gesamtes Jurastudium, einfach weil ich hierfür nichts lernen musste oder jemandem etwas beweisen musste, sondern ´einfach nur´ glücklich sein musste, damit ich lieben und geliebt werden kann.
Nun war die Nervosität vollkommen in Glücklichkeit der vollkommenen Liebe aufgegangen.

15.08.2018
Erster Gedanke zur Entstehung: dauerhafte Gedanken über alles

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