Getragen von Minuten ward ein Held - Minutenheld

von Monika Laakes
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Da verließ an einem Spätnachmittag Mitte Januar ein junger Mann mit einer abgewetzten Kordjacke den Kinopalast, ließ sich mit dem Strom der Menschenmenge über die Rolltreppe in Richtung Ausgang treiben und durch die sich automatisch öffnende Glastüre hinausdrängen. Er kniff kurz die Augen zusammen, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen und bog leicht nach rechts ab in Richtung City. Es war ein trüber Tag, und es schneite schon seit Stunden dicke, wässrige Flocken.
Der junge Mann setzte bedächtig und doch fest einen Fuß vor den anderen und lief schnurgerade die Passage entlang. Er hatte den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen. Unaufhörlich fielen hauchdünne, flüchtige Eisgebilde auf seine Haarspitzen, überzogen seine Schultern und zerflossen in der Körperwärme, um langsam den Stoff zu durchtränken. Er schien von alledem nichts zu bemerken. Trance. Dieser Zustand heißt Trance.
Rechts und links warfen erleuchtete Schaufenster ihr Licht auf vorüberhastende Menschen mit missmutigen Gesichtern, die mit ihren Schirmen gegen den aufkommenden Wind ankämpften. Bei jedem Schritt spritzte der Schneematsch gegen die Beine. Ein Mann, schätzungsweise so um die Vierzig, stapfte mit schweren Schritten geradewegs auf den jungen Mann zu, rempelte, rutschte, verlor sein Gleichgewicht und stürzte in den Schneematsch.
„Hast wohl keine Augen im Kopf, Du Idiot! IIIIIdiot!“ brüllte er los.
Der junge Mann, der seinen Kopf betont aufrecht hielt, schaute geradeaus und lief weiter. Seine Augen hatten das Grau eines schmutzigverhangenen Winterhimmels. Herjemine. Wer wollte ihm nach alledem, was geschehen war, noch etwas anhaben? Bei dem Gedanken streckte sich sein Körper um ca. einen Zentimeter, als würde er auf Zehenspitzen laufen.
Wie wird man ein Held? Durch Vorsatz oder Zufall?
Hatte er sich nicht schon von jeher nach der Euphorie der Größe gesehnt? Einmal beachtet zu sein, einmal im Mittelpunkt zu stehen?
Oftmals lag er nachts wach, um sich Geschichten auszudenken. Plötzlich war er umringt von hübschen Mädchen, bestaunt und beneidet von seinen Klassenkameraden. Nächte, in denen er eine andere Gestalt annahm, groß und breit in den Schultern mit einer feingeschnittenen Nase und einem überaus gewinnenden Lächeln. So wie es die Werbeplakate zeigten. Da hielten junge, gut gewachsenen und stets überlegene Männer ihre Zigaretten im Mundwinkel, rechts und links gertenschlanke Mustermädchen in den Armen, an feuerrote Cabriolets gelehnt. Oder sie saßen auf Pferden und ritten daher, als wären sie auf deren Rücken angewachsen, oder sie schwebten frisch gestylt durch ihr Büro und teilten Befehle an wunderschöne Schreibgrazien aus. Da gab es immer wieder Neues am Reklamehimmel, der sich nachts über die Träume des jungen Mannes breitete.
Doch soeben war etwas Wundersames geschehen. Binnen zwei Stunden, eine Spanne, die im Zeitenstrom wie das Zucken eines Tropfens im Windhauch erscheint, sich ebenso zu einer kleinen Ewigkeit ausbreiten kann. Die Vorstellung grässliche Zahnschmerzen ertragen zu müssen, macht die Dehnbarkeit von Zeit deutlich. Also in diesen zwei Stunden wurde das Leben des jungen Mannes total umgekrempelt. Er wurde ein Held.
Also, das war so. Ein kleiner Mann mit Brille und wirrem Haar, langer Nase und holprigen Bewegungen entdeckte in einer Bahnhofspassage mehrere blaue, tickende Müllsäcke. Zuvor hatten drei Männer, Alter zwischen Mitte zwanzig und vierzig, von einem Meter und siebzig bis einen Meter und fünfundachtzig groß, dunkelhaarig bis dunkelblond, schlank bis untersetzt, diesen Sack dort abgestellt und sind dann wie gehetzt davonmarschiert. So gewollt stramm, weil sie nicht rennen und damit auffallen wollten. Der eine, dunkelhaarige und untersetzte drehte sich mehrmals um. Dann stiegen die drei in einen silbermetallic Sportwagen, der vor dem Eingang parkte und in dem ein vierter Mann am Steuer saß, brausten mit quietschenden Reifen davon. Dieser kleine, unscheinbare Mann sah die blauen Säcke und die Teilnahmslosigkeit vorüberziehender Menschen.
Der junge, kleine Mann presste seinen Körper tief in die Polster des Kinosessels. Auf der breiten Leinwand zog er die Mundwinkel herunter und die Stirn in Falten. Auf der breiten Leinwand hetzte er zum nahegelegenen Schalter und brüllte dem Beamten zu: „Bombenalarm! Bombenalarm! Dort, in der Passage, da liegt eine Bombe!“
„Wie bitte?“
Der Schalterbeamte rückte seine Brille zurecht, reckte sich und schaute ärgerlich durch das kleine, ovale Fenster in der Glasscheibe.
„Sie müssen schnell eine Durchsage machen und die Menschen warnen!“
„Wollen Sie mich verärgern oder verarschen?“
Die Stimme des Beamten wurde übertönt vom Geschrei des kleinen Mannes.
„Wir gehen gleich alle zusammen hoch. Wir fahren gleich alle zur Hölle, wenn Sie jetzt nicht sofort den Bahnhof räumen lassen!“
Der kleine Mann hatte sich tief in den Sessel des Kinos gepresst klemmte dort zwischen schmatzenden und knabbernden Turnschuhtypen beiderlei Geschlechts, zwischen umschlungenen und weggetretenen Liebespärchen. Jetzt, die Chance! Er lehnte sich weit vor und stampfte mit den Füßen. Die Füße auf der Leinwand stampften wütend und ungeduldig auf den Boden. Eine Frau blieb stehen. Ein dicker und schnauzbärtiger Mann kam hinzu und klopfte gegen die Glasscheibe.
„Nun tun Sie doch etwas, Mann!“ schrie er den Beamten an.
„Ich komm raus und schau mir das an!“
Der Beamte schloss das ovale Fensterchen, öffnete die Türe, schloss sie schnell hinter sich ab und rannte hinter dem kleinen Mann her, der sich sofort in Bewegung gesetzt hatte.
„Schneller, schneller!“ kommandierte der Kleine und wieselte an den Passanten vorbei.
Die Füße des kleinen, jungen Mannes scharrten auf dem Teppichboden des Kinosaals. Er hielt sich die Faust vor den Mund. Sein Atem ging gepresst. Auf der Leinwand war sein Gesicht rot, und die Adern an den Schläfen traten hervor. Er hörte das Ticken in den blauen Müllsäcken. Er sah, wie ein kleines Mädchen vorüberhüpfte, stehen blieb und zu den Müllsäcken blickte.
„Tick, tick, tick!“ sang es und hüpfte im Rhythmus des Trällerns. Es sprang unentwegt um die Säcke herum und lachte und sang und lachte und kreischte. Die Augen glänzten vor Spaß.
„Bitte , lauf schnell weg! Bitte!“
Die Kleine blieb stehen und lachte.
„Bitte, bitte, bitte.“ äffte sie ihn nach.
Der kleine Mann umfasste das sich heftig wehrende Kind und trug es mehrere Meter fort, setzte es ab und jagte es in Richtung Ausgang.
Kindergebrüll! Protest! Angst! Empörte Passanten.
Das Gesicht des Bahnbeamten hatte inzwischen eine graugelbe Farbe angenommen. Er schrie den Leuten zu:
„Raus! Raus! Mensch, haut ab! Nur raus hier! Bombenalaaaaaaarm!“
Seine Stimme war schrill und bildete ungewollt Jodler, die in Atemlosigkeit ausrollten.
„Zum Lautsprecher! Los Mann, lauf! Mach ‘ne Durchsage!“ schrie

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Kommentare

16. Apr 2016

Der Minutenheld -
Gefällt!
(Gefällt WURDE er natürlich nicht!
Gut gefällt diese Geschicht ...)

LG Axel

17. Apr 2016

Freu mich über Deinen Kommentar. Die Geschichte über einen Grenzgänger ist schon älter und ein Spiel mit Empathie. Beobachtungen, die mich berührten. Nochmals danke für Deine Beachtung lieber Axel.
LG Monika

17. Apr 2016

Am Ende der Geschichte wusste ich nicht, ob ich traurig sein sollte oder glücklich. Obwohl ich zu Anfang Schwierigkeiten hatte, zu verstehen, hat sie micht "voll in den Magen" getroffen.

Liebe Grüße, Susanna

17. Apr 2016

Oje, einerseits freu ich mich über die Wirkung, andererseits möchte ich Dir den Sonntag nicht vermiesen. Danke Dir, dass Du durchgehalten hast.
Noch einen entspannten Sonntag wünscht Monika

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