Heuschrecken

Bild von CruepL
Mitglied

Es zog einst ein Wanderer durchs Land und der kehrte jeden Abend in einen anderen Hof ein und bat um eine mickrige Speise und etwas Wasser. Und weil er so verlumpt und gequält aussah, da hatten die Bauern mitleid und sie gaben ihm Speis und Trank.
Dann kam er auch zu uns ins Haus und bat um eine mickrige Speise und etwas Wasser. Mein Vater jedoch, der hatte kein Mitleid und er jagte den armen Wanderer fort.
Als der dann auf unserer Schwelle stand, da drehte er und sagte: “Nun gut Bauer, ich schere mich von dannen, aber so wisset, dass noch in dieser Nacht ich euch ein Fünftel eures Korns holen werde und noch vor dem Morgengrauen, da werde ich euch holen.”
So ging der Tag dahin und ich ruhte mich zu Bett und ich drehte mich hin und her und konnte nicht schlafen, denn ich gedachte immerzu den Worten des Fremden. Als es mir doch gelang, weilte der Schlaf nur kurz, denn schon bald weckte mich ein Summen vor dem Fenster. Es wurde lauter und lauter und lauter. Und da ich von oben nichts erkennen konnte, beschloss ich unten nachzusehen.
Dort schwirrte Getier über dem Feld in solch einer Masse, dass es dem Nachthimmel sein Mondlicht stahl. Ich wollte sehen und verließ das Haus und ich sah, dass die Tiere das Korn fraßen und es niedermähten. In der Mitte des Feldes stand der Wanderer und dirigierte die Horden. Der Wind hatte seinen Anzug geöffnet und seinen Hut gelüftet und man sah die Apparatur, die sein Gerippe war von Stroh und Heu bedeckt und seine großen Facettenaugen und die starken Kiefer.
Da stand bald mein Vater hinter mir und wies mich an ins Haus zu laufen. Die Angst ließ mich nicht fort.
Bald war ein fünftel des Korns vernichtet und es zeigte sich ein großes, fremdes Symbol in dem Feld. Es öffnete sich ein Loch im Himmel und ein daraus erstrahlendes Licht erfasste Vater.
Da sprach der Fremde: “Ich bin der Heuschrecken und ich bringe die Heuschrecken und du Bauer sollst erkennen.”
Kurz bevor der Morgen hereinbrach, da war Vater verschwunden und der Fremde auch und der Wind auch und die Sonne erblickte mich allein und verwirrt auf dem geschändeten Feld und sie musste gar das frevelhafte Zeichen darin erkennen - was sie dabei wohl gedacht haben musste?

Mein Vater tauchte drei Tage später wieder auf, aber er war nicht derselbe. Fortan rührte er sich nicht mehr und er sprach nicht mehr und seine Augen waren schwarz und man konnte darin die Sterne sehen.
So musste ich ihn pflegen, für den Rest seines miserablen Lebens und jeden Abend saß ich neben ihm und fragte: “Vater, was hat man dir bloß gezeigt?”
An seinem letzten Abend, als seine Augen schon begannen Milchig zu werden, da griff er plötzlich nach meiner Hand und antwortete: “Alles” - und schied dahin.

HINWEIS! Nicht für Kinder gedacht.

Mehr von Kaspar Liebe lesen

Rechtshinweis:
Für diesen Beitrag ist eine unkommerzielle Nutzung erlaubt, alle Rechte verbleiben jedoch beim Autor/bei der Autorin.

Interne Verweise

Kommentare

16. Jun 2018

Eine super Geschichte, die mich in ihren Bann gezogen hat, lieber Kaspar. Sie würde auch älteren Kindern gefallen. Sie erinnert mich - im positiven Sinne - an die alten Geschichten, die früher in Lesebüchern standen. Ich mag diese "Storys", auch wenn sie oft sehr gruselig sind. Dein Text hat auch etwas Religiöses. Als Lehre könnte man daraus ziehen: Hilf, so wird Dir geholfen. So sollte es sein.

LG Annelie

16. Jun 2018

Liebe Annelie,

ich bin froh, dass dir die Geschichte gefällt und bedanke mich, für deinen Kommentar. Der Warnhinweis ist auch für Eltern gedacht, damit sie es nicht als Material zum vorlesen verwenden. Ältere Kinder wird er ohnehin eher anziehen als abstoßen.
Ich bin froh, hier einen Platz für meine Werke gefunden zu haben.

K.L.