Dankbarkeit

von Theresa Leseeule
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Eine sanfte Meeresbrise huschte mir über meine Arme und ich spürte, wie ich eine leichte Gänsehaut bekam. Ich hatte mir heute Morgen extra noch meine dünne Lieblings Strickjacke drüber gezogen, weil ich wusste, dass der morgendliche Wind noch kühler sein würde. Bis zur Ankunft am Haus meiner Eltern hatte ich eine 11 stündige Fahrt vor mir - normalerweise fahre ich überall mit meinem geliebten dunkelgrünen Auto hin, aber ich genieße die Zeit in der Bahn auf dem Weg in die Heimat, um nachzudenken. An den schönen Weinhängen und den großen Feldern vorbei bis zu der kleinen Bahnstation, die so abgelegen ist, dass mich mein Vater dort abholen muss, weil kein Bus fährt. Jedes Jahr an Weihnachten treffen wir uns mit der ganzen Familie und feiern gemeinsam. Wir sind eine sehr große Familie, denn ich allein habe schon 6 Geschwister und da wir alt genug sind haben viele schon ihre eigene Familie, die natürlich herzlich eingeladen ist und so wächst der Weihnachtstisch jedes Jahr. Ich habe noch nie jemanden mitgebracht, da ich mich meiner Meinung nach noch nie verliebt habe, um sagen zu können, du darfst an Weihnachten mit zu meiner Familie, aber darum geht es in dieser Geschichte nicht und ich habe auch kein allzu schlechtes Gewissen, denn ich bin gerade einmal 21. Meine Brüder sind allesamt älter als ich und ich wurde stets als Prinzessin erzogen. Versteht mich nicht falsch, ich hatte auch meine Grenzen und habe auch Ärger bekommen usw., aber ich war nunmal das einzige Mädchen und dann auch noch das Nesthäkchen und ich habe auch nie gegen irgendwas rebelliert oder bin besonders ausgeflippt, also gab es kaum einen Anlass wirklich sauer auf mich zu sein - v.a. da meine Brüder schon einiges an Unsinn gemacht hatten.
Am Bahnhof schaute ich noch einmal auf meine Fahrkarte, obwohl ich genau wusste welchen Bahnsteig ich nehmen musste, da es der Selbe war wie jedes Jahr. Allerdings war ich ein Mensch, der gern alles unter Kontrolle hatte, deswegen schaute ich auch noch im Zug selbst auf meine Fahrkarte und kam erst zur Ruhe, als ich Platz genommen hatte. Der Zug war nicht sehr voll, denn auch ich wohnte ein wenig außerhalb, was ich auf jeden Fall genoss, da mein Haus direkt am Meer lag und ich von meinen Fenstern einen unglaublichen Blick auf das Meer hatte. Eine etwas ältere Dame saß mir gegenüber und lächelte mich an - auf ein Gespräch hatte ich keine Lust, dass sollte nicht böse gemeint sein, aber ich wollte die Fahrt nutzen um nachzudenken.
Nach einer halben Stunde Fahrt war ich soweit für mein Nachdenkmarathon. Themen wie was mache ich wenn ich wieder bei mir bin und wo kaufe ich dies und das und wann packe ich die restlichen Geschenke ein, für die ich keine Zeit mehr hatte, weil etwas dazwischen gekommen ist und erzähle ich alles, was das Jahr über passiert ist oder nicht gingen mir durch den Kopf. Dann passierte mir etwas, dass mir so in diesem Ausmaß noch nie passiert ist - ich schlief ein und wachte erst wieder auf, als ich schon fast an meiner Station angekommen war. Ein wenig verwirrt und neben der Spur schaute ich mich langsam um und bemerkte, dass ich fast alleine in meinem Abteil saß. Erst jetzt durchsuchte ich ein wenig panisch meine Tasche - zum Glück war aber alles noch da. Ehrlich gesagt hätte ich auch nicht so recht gewusst, was ich gemacht hätte, wenn etwas weg gewesen wäre. Ich packte alles zusammen, nahm meine Handtasche und ging noch einmal auf Toilette - ich mochte die Zugtoiletten nicht wirklich und war deswegen auch noch nicht gegangen und zögerte es immer so weit hinaus, dass es ausreichte nur ein einziges Mal zu gehen. Nach dem etwas anstrengenden Toilettenbesuch, da ich haarklein darauf achtete kaum etwas anfassen zu müssen, nahm ich meinen Koffer und ging zur Tür.

Mein Vater war immer schon eher ein Mann der wenigen Worte, was ich allerdings immer sehr an ihm geschätzt und geliebt habe, denn so konnte ich mich immer entspannen von meiner Nachdenkerei. Er stand trotz der kalten Temperaturen vor seinem Auto, weil er rauchte. Er hielt eine dicke Winterjacke in der Hand, aus dem einfachen Grund, weil er wusste, dass ich keine eigene hatte. Bei mir wurde es nie so kalt, dass ich eine brauchen würde und mein lieber Vater brachte mir deswegen immer eine mit, wenn er mich von der Bahnstation abholte. Wir grinsten uns an, er legte mir die Jacke um die Schulter und nahm mich ganz fest in den Arm. Wir standen bestimmt 2 Minuten so da und ich genoss es sehr. Die Fahrt über erzählte ich ein wenig wie es mir geht, was sich das Jahr über verändert hatte und er ebenfalls, allerdings in Kurzform. Als wir ankamen nahm er meinen Koffer und trug ihn ins Haus - dieses Haus ist ein absoluter Traum eines Hauses und ich fühlte mich wenn ich herkam immer so, als wenn ich 10 wäre und noch mit allen zu Hause wohnen würde.
Drinnen angekommen fiel mir zuerst meine Mutter um den Hals und erzählte in einem Schwall alles was ihr einfiel. Meine Brüder waren noch nicht da und wir setzten uns ins Wohnzimmer. Ich bestaunte wie jedes Jahr den riesigen und wunderschön geschmückten Tannenbaum. Nach einiger Zeit klingelte es und mein erste Bruder traf ein und der ganze Prozess von meiner Begrüßung fand erneut statt, bis nach einiger Zeit all meine Brüder eingetroffen waren.

Wir erzählten uns viel, aßen viel und lagen uns viel in den Armen. Wir lachten und hielten Mal inne, wir weinten vor Lachen und zwischendurch waren wir auch mal traurig, weil nunmal nicht alle rosig war. Während wir dort saßen kam mir der Gedanken, wie wunderschön dieser Anblick von oben sein musste und dass ich neidisch wäre, wenn ich dieser Zuschauer wäre und mir wurde warm ums Herz, denn ich war kein Zuschauer, sondern ein Teilnehmer und unheimlich dankbar dafür - ich konnte meine Dankbarkeit nicht mir Worten beschreiben, versuchte dies dennoch und am Ende schaffte ich es, dass selbst meine Brüder ergriffen davon waren.

16.08.2018

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