Geschichte einer Irrfahrt

von Hans Reiter
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Griesbach ist ein Name, den Orte, Personen und Familien, aber auch Wasserläufe tragen.
Da ist es kein Wunder, dass bei ungenauer Deutung Verwechslungen und folgenschwere Verquickungen eintreten können.

Hannes Griesbach, der gleichnamige Sohn des Vinzenz Griesbach, allgemein der Griesbach genannt, womit nicht weniger ausgedrückt ist, als dass es sich um einen der großen Bauern im Gau handelt, lud gönnerisch zum Geburtstag.

Ein solches Namensprivileg wurde tatsächlich nur wenigen zuteil. So gab es neben dem Griesbach noch den Hollander und den Schmieder, wobei der Griesbach vielleicht ein paar Stück Vieh mehr sein Eigen nannte, der Hollander dafür ein oder zwei Hektar mehr an Grund und der Schmieder schließlich ein größeres Gehöft.

Gemein war den Großen ihre Strahlkraft. Hob einer zu einer Äußerung an, kam es nicht selten vor, dass andere schneller ausführten, was sie glaubten, dass der Privilegierte im nächsten Moment von sich geben würde, bevor dieser überhaupt ein Wort über die Lippen gebracht hatte. Mit dieser Art gehorsamer Unterwerfung kamen die edlen Herrn Großbauern sehr gut zurecht. Reagierte einer zwar untertänig, aber nicht erwartungsgemäß, las man ihm die Leviten, und zwar so lange, bis er schlussendlich entweder die Gepflogenheiten kapierte oder sein Zeug packte und sein Glück anderswo suchte.

Das waren die Regeln.

Wie leicht zu erkennen ist, bezog sich diese Gunst ausschließlich auf die Männlichen unter ihresgleichen.

Den Frauen jener Männer kamen andere Vorzüge zu. Weniger an Gewicht, vielleicht, aber nicht an Wirkung.

Unverheiratete Frauen in vergleichbarer Stellung gab es nicht, weshalb eine theoretische Erörterung an dieser Stelle nichts brächte und unterbleibt.

Hannes Absicht war es, wie in jedem Jahr, seit er 18 geworden war, seinen Geburtstag mit großem Tamtam zu begehen. Dazu gehörte am frühen Morgen eine gehörige Vesper für alle, die am Hof arbeiteten, zu Mittag ein üppiges Mal für die Familie und Honoratioren und ab dem späten Nachmittag ein ausgelassenes Fest für die geladenen Spezis. Die Lokalität für Letzteres blieb immer ein Geheimnis, bis zum Schluss, und wer teilhaben wollte, musste diesen Ort erst einmal ausfindig machen. Des Rätsel Lösung war jedoch niemals besonders kompliziert, denn dem Hannes waren die Defizite vieler seiner Freunde durchaus bewusst.

Selbstverständlich waren auch die Söhne und Töchter Hollander und Schmieder geladen. Daneben zahlreiche Basen und Vettern, Spezis aus dem Ort und Umland, sowie allerlei Weibsvolk, das meist die männlichen Gäste mitschleppten, weil doch der Spaß ein umfänglicher werden sollte.

So stand in der Einladung, konservativ auf eine Karte gedruckt, das Folgende:

Ich, der Hannes, lädt zum Geburtstag!
Kommst hoch zum Griesbach,
um 17:00 Uhr geht’s los!

Kein Datum, denn wer geladen war, kannte Hannes Geburtstag. Und, wie schon erwähnt, den Ort der Begegnung sollten die Burschen und Madln leicht auffinden können, denn so viele Möglichkeiten gab es nicht. Griesbach, der Hof, Griesbach, der gleichnamige Bach und der vom selbigen Bach gespeiste Weiher, der Griesbachweiher. Und just an der Wiesn, wo der Bach den Weiher bildet, würde das Festzelt stehen und der Ferdl, ein Wirt aus dem Ort, für das leibliche Wohl sorgen. Vom Feinsten versteht sich.

Eine weitere Bezeichnung mit dem Namen Griesbach hatte der Hannes gedanklich erst gar nicht auf dem Schirm. Sie wäre zu absurd, als dass sich dahin jemand verirren würde.

Der Tag kam und sie fuhren hinauf. In Gruppen oder alleine.

Die einen direkt zum Ziel, andere über Umwege und wieder andere kurvten solange durch die Voralpenwelt, bis es keine Alternative mehr gab und selbst sie es schafften.

Der Lärm der Ausgelassenen war weithin zu vernehmen und nur Wenige störten sich daran. Einer von jenen war Bertrecht Einfaltl. Dazu ist zu sagen, dass die Mehrheit üblicherweise gelassen darüber hinwegsah, wenn etwas dem Bertrecht auf den Wecker ging und umgekehrt.

Und so war es auch kein Wunder, dass so gut wie niemand Notiz nahm von Bertrechts wildem Gefuchtel, welches er bei herabgelassenen Scheiben vom Auto aus aufführte. Auch das zusätzliche mehrmalige Betätigen der Hupe änderte daran nichts. Bei dem Trubel hörte eh keiner auf derart Banales.

Als er gar keine Ruhe geben wollte, brüllte schließlich einer der Geladenen hinüber, dass er sich schleichen solle, wenn es ihm hier nicht passe.

„Na, dann halt net“, brummte der Bertrecht vor sich hin, griff zum Handy und wählte die 112.

Schon kurz darauf zerschnitten gellende Martinshörner das Hinterland. Näher und näher kam ihr markerschütterndes Getöse dem Treiben am Griesbachweiher, erreichte es aber nicht gänzlich und drang vor allem nicht in die bereits zugedröhnten Schädel der Anwesenden.

Etwa dreihundert Meter davor, parallel zum Bachlauf, waren zwei Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr aufgefahren, dazu ein Fahrzeug der Bergrettung sowie einige private Karossen, denen freiwillige Angehörige beider Fraktionen entstiegen, die über Funk zum Einsatzort dirigiert worden waren.

„Ja, was hat die denn veranlasst, da hinauf zu steigen?“, rätselte der Einsatzleiter der Feuerwehr und der Chef der Bergrettung ergänzte nach einem Blick durchs Fernglas: „Und in dem Schuhzeug. I glaub I spinn!“

Schnell waren sich die Helfer einig, was zu tun sei, dann machten sich die Männer der Bergrettung daran, in die Wand einzusteigen.

Gute 30 Meter oberhalb eines beängstigenden Felsvorsprungs drängte sich eine Gruppe von Personen an die Felswand, offensichtlich nicht in der Lage entweder weiter nach oben zu steigen oder den Rückweg anzutreten.

Vorsorglich hatten die Feuerwehrleute die mögliche Aufschlagstelle für den Fall eines Absturzes mit einem Sprungpolster abgesichert. Ob dieses allerdings bei einer Fallhöhe von etwa 40 Metern noch eine wirkungsvolle Maßnahme dargestellt hätte, vermochten sie nicht abzuschätzen.

Indessen grölten die Feiernden am Zelt immer wilder durch die Gegend. Das Fehlen einiger Eingeladenen, war bis zu diesem Zeitpunkt niemandem aufgefallen. Der Hannes hatte mittlerweile bereits eine derartige Schlagseite, dass sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Treiben zu seinen Ehren nicht mehr auszuschließen war und viele andere, wenn nicht sogar die meisten, taten es ihm gleich.

Einer nach dem anderen wurde abgeseilt und schließlich waren alle gerettet.

„Was hat euch denn veranlasst, da hinaufzusteigen? Und in dieser Aufmachung?“, wollte einer der Bergretter wissen.

Noch mitgenommen vom Anstieg und der glücklichen Rettung murmelte schließlich jemand ziemlich kleinlaut: „Wir kommen aus der Stadt und wollten zum Geburtstag des Hannes Griesbach. Er hat uns eingeladen, aber mit einer undeutlichen Ortsbeschreibung, eigentlich gar keiner. Da habe wir Leute im Ort gefragt und jemand hat gesagt, dass es in diesem Jahr oben am Griesbach sei und erklärt, dass wir den Felsvorsprung überwinden, dann noch einige Meter nach oben klettern müssten, um schließlich auf ein dahinterliegendes Tableau zu gelangen, der sogenannten Griesbachplatte. Na ja, den Rest kennen Sie ja.“

„Da hat euch jemand einen schönen Bären aufgebunden. Es stimmt schon, von der Stelle aus, an der ihr hängen geblieben seid, noch ein gutes Stück weiter, gibt’s tatsächlich die Griesbachplatte. Das ist aber bei Gott kein Ort, um Geburtstage oder sonst was zu feiern. Aber das wisst ihr jetzt ja auch.“

Zum Feiern war den Geretteten die Lust vergangen. Feuerwehr und Bergrettung nahmen sie mit zurück in den Ort.

Am Zelt bekamen sie von alledem nichts mit. Die allermeisten lagen irgendwo herum, entweder kurz vor einer Alkoholvergiftung, bereits im Delirium oder Koma. Um ihr Nachhausekommen würde sich niemand kümmern, jedoch war die Ausgangslage für eine öffentliche Rettungsaktion nicht gegeben, schon deshalb nicht, weil niemand außerhalb um ihren Zustand wusste.

Den Bertrecht Einfaltl, der vielleicht bei einigem guten Willen dem Griesbach hätte Bescheid geben können, hatten sie ja verscheucht und deshalb, wenn auch unwissentlich, die Option familiärer Hilfe ausgeschlossen.

So war das Fest eines für Draufgänger und Haudegen geworden, grad nach dem Gusto der Beteiligten, selbst unter der Maßgabe ihrer gegenwärtigen geistigen Unzulänglichkeit, etwaige Folgen ihres Treibens abzusehen. Die Madln, eng an ihre angestammten oder neu hinzugewonnenen Burschen geschmiegt, der Wirt und seine Helfer sturzbesoffen im Zelt, andere in Gruppen oder gar einzeln irgendwo im Freien verteilt, harrten sie der aufgehenden Sonne.

Weil es die Sonne an diesem Morgen aber nicht besonders gnädig meinte und stattdessen ein frischer Wind und Dauerregen für ein ungemütliches Erwachen der Halbtoten sorgte, manche es jedoch nicht sogleich hinunter ins Dorf schafften, mussten die immer noch nicht klar bei Verstand Umhertorkelnden, weitere, weniger gemütliche Stunden am Griesbachweiher zubringen.

Trotz ärztlicher Schweigepflicht ist gerüchteweise durchgedrungen, dass die örtlichen Betriebe und Großbauern aufgrund zahlreicher Krankmeldungen für Tage erheblich in Mitleideschaft gezogen waren.

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Kommentare

18. Feb 2020

Lieber Funky,

eine urige, knorrige und recht unterhaltsame
Geschichte aus dem Hinterland. Dort aber
versteht man es noch zu feiern. Unter fünf
Promille geht da gar nichts.

Bertrecht Einfaltl, den Namen fand ich genial.
Er muss diametral zum IQ stehen, denn der
Bertl, wie er ja meist genannt wird, gilt noch
als der fähigste Denker und Grübler im Ort.

Sehr gern gelesen, mit viel Spaß an der Sach´.

Gruß von Gherkin

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