Fabrikokuluss - Teil 4

von Frank Tegenthoff
Mitglied

,, Einem Abenteuer hinterher jagen", so wollte es Anonymus und sah die Reise von Lilly und Robbo schon voraus - entgegen dem Nordwind bis zum nördlichsten Eismeer. Und bis dorthin mag auch ein Mister Speed nicht so schnell zu kommen, um ihm beim Schreiben aufzuhalten.
,,Sie beide träumten laut vor sich hin. Sie wähnten sich am Strand einer Pirateninsel. Sie ahnten es ja auch nicht, wie schnell sich etwas verwirklichen kann. Doch vorerst träumten sie davon." Anonymus sah sich übers Deck flanieren. Er hatte wohl auch einen Tagtraum. Lilly und Robbo sollten auf ein Segelschiff anheuern. So schrieb er es dann auch. Robbo, obwohl zu klein für einen Seemann, heuerte als Maat an. Lilly hingegen wurde der Kombüse zugeteilt. Daraufhin wurden die Segel gehisst; und mit der ersten Welle ging es ins offene Meer nach Norden. Immer dem kalten Wind hinterher, dem Abenteuer hinterher jagen! Schließlich zeigte sich auch der Käpt'n an Deck. Er hatte noch keinen Namen, aber sein Rotbart wuchs ihm aus dem vernarbten Gesicht bis zum Wams hinunter. Sein Blick wirkte finster und sein Auge, denn das Andere war ein Glasauge, spähte misslaunig über's Deck und hinauf zu den Masten. Dort oben tanzte der Wind nach seiner eigenen Melodie. Der Käpt'n noch ohne Namen wollte Robbo hochschicken, um Ausschau nach weißen Walen zu halten. Sein Blick wartete nicht lange. Robbo robbte sich den Mast hinauf. Schließlich stand er im Ausguckkorb und lauschte dem Meer zu. Von irgendwo weit draußen kommen die Wale und Tümmler. Bisher hatten sie nichts als nur eine Meereswüste entdeckt. Langsam fraß an allen vom Schiff eine gierige Unruhe. Der Käpt'n ließ einen neuen Kurs setzen. Die Insel der Harlekine war sein Ziel! Im Bauch seines Schiffes hatte er reichlich Rumfässer geladen. Die Inselbewohner liebten seinen Rum.
Und Anonymus entführte sie weiter nordwärts - mit jeder Zeile seiner Gedanken! So setzte er ihre Reise fort:,, Im Innern eines Schiffbauchs - im rhythmischen Tanz der Wellen." So begannen sie auch abzugleiten, in unbekannte Tiefen. Aber es waren seine Gedanken, die abdrifteten. Anonymus riss sich aus diesem Sog. Sogleich drohte auch dem Schiff etwas. Vom Horizont spukten Irrlichter herbei. ,, Und die Gezeiten tickten wie eine große Uhr. Dort, wo dein Herz schlägt. Dort, wo ein erster Schrei nach dem Leben greift. Wo zwischen Geburt und Tod nichts anderes existiert. Und tatsächlich entdeckt Robbo eine fliegende Uhr am Horizont.
,,Wir sind richtig auf Kurs!" schallt es von unten, zu ihm rauf. Und er kann den Ausguck wieder verlassen! Jetzt zeigte sich die Morgenröte mit neuer Pracht. Aus ihr wuchs die Insel und wirkte zunächst klein und uninteressant für Piraten. Das Schiff ritt immer zügiger durch die Wellen. Lilly und Robbo kauerten am Boden und spürten jeden einzelnen Wellenbrecher. Dann hörte es auf zu schaukeln und die Segel wurden eingerollt. Robbo und Lilly gingen kurz danach ins Beiboot. Die Insel hatte jetzt nicht nur an Größe gewonnen. Die Harlekine warteten bereits. Sofort erkannten sie die Fässer mit dem Rum."
Anonymus musste kurz nachdenken. Er will den Moment am Lagerfeuer verinnerlichen. ,,Über mir der blaue, weite Raum..., wo Gewalten herrschen und die See wie entfesselt peitscht,...wo Schiffe auf Wellenbergen reiten oder im stillen Windärmel auf spiegelglatter See ausharren müssen."
Anonymus durfte nicht einschlafen. Er wollte, aber konnte nicht, die nächste Zeile schreiben. Gerade jetzt, wo der Käpt'n noch ohne Namen am Lagerfeuer eindöst. Der Rum hatte einfach zu gut gemundet. Auch den Harlekinen schmeckte es; nur sie bekamen immer mehr Durst. Daher veränderte sich ihr rhythmischer Tanz, zu einem wilden Stampfen. Sie peitschten sich gegenseitig in Ekstase; zerrissen ihre Gewänder und kratzten sich blutig. Ihr fröhliches Lachen taumelte zu einem frechen Grinsen und entstellten ihre bemalten Gesichter zu Fratzen. Anonymus erschrak beim Lesen. Etwas hatte sich unbemerkt in die Geschichte geschlichen. Es hatte ihm aufgelauert. Die Harlekine tanzten sich in den Wahn. Robbo erkannte sofort die Veränderung. Als Halbkind kann er jede Verwandlung aufspüren und wenn möglich: korrigieren. Robbo greift sich den Käpt'n unter beide Arme. Lilly sieht ihn noch, wie er mit dem Käpt'n zur Küste ins Wasser läuft. Dem Käpt'n fiel es gerade noch ein, seine Beine zu bewegen.Lilly springt den Beiden hinterher und kann mit dem Käpt'n zum Schiff schwimmen. An Bord nickt ihr Robbo dankbar zu!
Wie können sie jetzt entkommen? Offenbar hat Mister Speed Zugang zu seiner Erzählung gefunden. Er scheint was zu ahnen oder ist ihm zwei Schritte voraus. Anonymus, ob er will oder nicht, muss die Reise zum Eismeer fortsetzen. Auf dem Schiff ist es ruhig. Der Steuermann träufelte seinem Käpt'n noch ohne Namen etwas Schlafmittel ein. Vor Morgengrauen stehe er nicht mehr auf. ,, Aber bleibt nicht festgewachsen. Die Planken müssen blitzen!"
Dem Halbkind verdankt Anonymus, dass diese Episode ein gutes Ende gefunden hatte. Die weißen Segel füllten sich wieder mit dem kalten Nordwind.

Interne Verweise

Mehr von Frank Tegenthoff online lesen