Wie mache ich jemanden hirntot?

von Alf Glocker
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Früher (= stark antiquierte Methode) schlug der Urmensch dem Urmenschen, oder der Verbrecher dem Opfer, einen dicken Knüppel über den Schädel und die Sache war erledigt. Heutzutage, im Zeitalter der extra-menschlichen Menschlichkeit, läuft das ganz anders. Man sieht einfach fern!

Besonders sensible Menschen sind von den angebotenen Programmen stark betroffen! Man zeigt ihnen einen Film mit „Einschüben“. Sagen wir mal, es handelt sich um eine Tafel in einem Schloss Ludwigs XIV. Alle sind fantastisch verschnörkelt gekleidet und sie benehmen sich geziert, jedoch sehr höflich.

Unter ihnen sitzt ein Gorilla, der frisst wie ein Warzenschwein, der mit Essen um sich wirft und schließlich die Tischdecke mit einer Kerze aus einem der Kandelaber abfackelt. Unsichtbar für den Zuschauer wird dabei andauernd „Ach, ist das nett“ in abwechselnder Folge mit „Oh, wie niiiedlich“ eingeblendet.

Dabei handelt es sich um sogenannte Spots, die im Unterbewusstsein landen und dort die Psyche untergraben sollen. Eine andere Möglichkeit ist XXL-Y, die Sendung über Kriminalität im Alltag. Gespannt verfolgt man mit, wie ein Mann auf einem belebten Platz von 3 anderen mit Messern niedergestochen wird …

Jetzt melden die Spots: „Das macht doch überhaupt rein gaar nichts aus“ und „Was stand der da auch so blöd herum?!“. Wieder ist die Psyche völlig verunsichert. Als aber dann noch eine weitere Gestalt auftritt, die mit Fingern auf die Mörder zeigt und sich umgehend in einen Teufel verwandelt, drehen die ersten bereits durch.

Der Mann ist also schuld, daß er da herumstand, während einer, der auf einen Mord aufmerksam machen will, in Wirklichkeit ein gaaanz böser Mensch ist?? In diesem Augenblick lösen sich bereits freundliche Synapsen in Wohlgefallen auf. Teile des Gehirns verweigern, aus Frust die Mitarbeit, an einer logischen Lösung.

Keines der zuschauenden Hirne möchte sich jetzt einer Bosheit schuldig machen, die nur aus der richtigen Einschätzung von Zusammenhängen entstehen kann. Viele schalten deshalb sofort auf Sparflamme – denn sie zweifeln an sich selbst. Sie müssen nun irgendwo nachlesen, was richtig oder falsch ist …

In diesem Augenblick vergewaltigt der Gorilla von der Tafel Ludwigs XIV. am hellen Tag eine Frau im Stadtpark. Die Umstehenden denken an den Teufel, der versucht hat, einen Mörder zu denunzieren und sie sind sich nicht ganz sicher, was sie jetzt tun sollen. Inzwischen ist der Gorilla fertig und hat die Überfallene erwürgt.

Als später darüber ein Bericht im Fernsehen kommt und die geheime Einblendung: „Die Frau war sicher nicht korrekt gekleidet“, da wissen plötzlich alle Bescheid: „Das geschieht ihr recht – Gorillas machen das eben so … das hätte sie doch wissen müssen!“ Ist das nicht schon wieder ein Grund für den Bürger, stolz zu sein?

Der alljährliche Bericht aus dem Staatsarchiv für gelöste Fälle bringt dann die letzendliche Hirn-Entwarnung, indem er einfach sagt: Die Kriminalität ist sehr stark zurückgegangen – falls jemand mordende Messerträger oder wütende Gorillas gesehen zu haben glaubt, können wir Entwarnung geben:

Es hat nichts dergleichen stattgefunden … wer daraus einen Skandal machen möchte, der muss mit seiner Verhaftung, wegen Verunsicherung hirntoter Zeitgenossen rechnen – ihm droht ein Spezialverfahren! Zeitgleich damit geben die Zuschauer den Geist auf. Sie sinken in ihren Sesseln zurück und lächeln auf erschreckende Weise.

Jeder weiß auf einmal alles! Das ist durch die Versenkung des Geistes in ein vorzeitiges Diesseits-Nirwana ausdrücklich, nein, empfohlenermaßen möglich, erwünscht, befohlen! Man atmet auf, die Gesellschaft funktioniert einwandfrei, jeder möchte ein Gorillakind adoptieren, Frauen verlieben sich in ihre Mörder usw.

Und Stille breitet sich über den Tischtüchern aus. Die Stadt wird zur Totenstadt, in der, allmorgendlich, wenn der Kupferball über die Hügel springt (die Sonne aufgeht), Untote, Realleichen aufstehen, um zur Arbeit zu gehen. Aufpassen dürfen sie dabei auf nichts, es kann ihnen ja kein Leid geschehen, denn sie sind tot!

Öl auf Karton
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Kommentare

19. Jan 2019

Deine Texte sind schon sehr lesenswert; aber Deine Bilder sind m.E. unschlagbar!

LG Annelie