Berlin

von Peter K.
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In den 90er Jahren gab es einen U-Bahnbettler, der aussah wie eine Leiche. Bis dahin hatte ich so eine Gestalt nur auf KZ Fotos gesehen, wenn man so will ein Gespenst, im wahrsten Sinne des Wortes Haut und Knochen, an Krücken gehend, ein paar dünne schlabbrige Fetzen um den Körper geschlungen, eine Art Turban auf dem Kopf. Das Wesen sah aus wie eine Frau, war aber ein Mann. Der Spruch, den er mit seiner dünnen, klaren, weiblichen Stimme jedes Mal von sich gab lautete: „Guten Tag meine Damen und Herren, mein Name ist Micha ich bitte Sie um eine milde Gabe für meinen Lebensmuuut“, (die Betonung auf „Muuuut“), „ich rauche und trinke nicht“ (Betonung auf „nicht“) usw. Er war immer freundlich und höflich und obwohl er sehr schrecklich aussah, war er nicht ungepflegt. Der Mann war stadtbekannt und ich nehme heute an, dass er ordentlich „verdient“ hat. Auch ich habe ihm häufig Geld in seinen Becher geworfen.

Eines Sonntagmorgens, es war ein warmer Sommertag, fuhr ich mit der U7. Die Bahn war leer. Mir gegenüber saß einer dieser typischen Berliner, denen man an einem schönen Sommermorgen nicht unbedingt begegnen möchte: Mitte vierzig, Bierbauch, Jogginghose, Plastiklatschen, Unterhemd, dazu die obligatorische Dose Bier, ein Accessoire was viele Menschen in dieser Stadt scheinbar als sehr schmuckvoll ansehen.

Soweit, so normal.

Dann kam Micha. Dem Mann mir gegenüber (der mit dem Bierbauch) fielen fast die Augen aus dem Kopf, ob dieser traurigen Gestalt. Micha sagte seinen Spruch und als er ausgesprochen hatte, redete der Bierbauch fremdschämend laut los: „Sach ma, wat is denn mit dir passiert, biste jejen nen Panzer geloofen oder wat?“
Ich war schockiert und holte gerade tief Luft, um mich schützend vor Micha zu stellen, als der Bierbauch weiterredete und dabei mit der freien Hand (in der anderen musste er das Bier festhalten), in der Tasche seiner Jogginghose kramte: „Komm’ma her, dir muss man ja helfen“, dabei 10 Mark aus den Tiefen seiner Jogginghosen hervorzauberte und in Michas Becher warf.
Micha bedankte sich artig, meinte, ach das sei gar nicht so schlimm und ich musste lächeln.

Ja, Berlin ist anstrengend, manchmal hart und unverschämt, aber solche Augenblicke können einen mit dieser Stadt versöhnen.

(c) Peter K. 2020

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