Bericht vom Sterben meines Vaters - 1. von 4 Teilen

Bild von Peter_Kleimeier
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Nein, sagen Sie das bitte nicht, ich kann das nicht gut hören. Wenn Sie sich verabschieden wollen, wählen Sie bitte andere Worte, denn das waren die Worte mit denen mich meine Schwester, am 11.10.2012, morgens um zehn vor fünf weckte. Dreimal musste sie es mir sagen, weil ich es nicht verstand, erst, weil ich noch Stöpsel im Ohr hatte, die ich herauspulen musste. Dann vernahm ich die Worte, aber sie erreichten mein Gehirn nicht, ich konnte ihnen keinen Sinn geben. Erst beim dritten Mal war das Gehirn in der Lage die Worte zusammenzusetzen, die Botschaft zu dechiffrieren. Es konnte gar keine andere Botschaft sein. Aus keinem anderen Grund hätte mich meine Schwester zu dieser Zeit im Gästebett ihres Hauses geweckt. Schließlich warteten wir seit zwei Monaten darauf. Es konnte nur diese eine Nachricht sein. Merkwürdig, dass ich sie in diesem Moment nicht verstand. Ich war nicht erstaunt, als mich meine Schwester weckte, es war selbstverständlich, ich hatte sie darum gebeten, sobald der Fall eintritt. Aber ihre Worte habe ich nicht verstanden, der Satz war außerhalb der Realität.

Die Realität hat gelegentlich Übertragungsschwierigkeiten. In Ihren Ohren mag diese Art der Todesnachricht merkwürdig klingen, morgens um zehnvorfünf. Anders für mich: etwas unglaublich Zärtlich-Trauriges schwingt darin mit. Vielleicht hat jede Familie eine eigene Sprache, einen Code, den man nur in diesem Kreis versteht. Dieser Satz passt in die Sprache meiner Familie, die Sprache meines Vaters. Es ist eine gezielte Respektlosigkeit, zu flapsig um angemessen zu sein, aber gleichzeitig ist es eine Distanzierung von den eigenen Gefühlen, von der Trauer vom Schmerz, es half in diesem Moment zu funktionieren, denn was dann geschah, war mechanisch, ein Automatismus, als hätten wir diese Szene schon hundertmal geprobt. Meine Schwester murmelte ein paar Worte, so als gäbe es einen lang vorbereiteten Plan. Sie, bereits fertig angezogen, fuhr los, ich machte mich fertig. Duschte ich? Wahrscheinlich. Ich habe es vergessen. Jedenfalls dauerte es nicht lange bis ich angezogen war und den Mann meiner Schwester in der Küche traf. Wenige Worte wurden gewechselt, wortlos ein Tee geschlürft, ein Happen Brot heruntergeschlungen und dann waren auch wir unterwegs, die drei Kilometer durch die dunkle menschenleere Stadt zur letzten Begegnung mit meinem Vater.

Ist Ihr Vater schon verstorben? Nein? Wenn Ihr Vater noch lebt, können Sie nicht mitreden. Vielleicht wenn Ihre Mutter bereits tot ist, mag sein, dass Sie dann mitreden können. Meine Mutter lebt noch, aber das Sterben meines Vaters war so ergreifend, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass der Tod meiner Mutter mich mehr berührt. Vor allem weil meine Mutter eine schwierige Frau ist. Mein Vater ist vor zwei Jahren gestorben, nach einem langen erfüllten Leben, wie man so sagt. Er hat alles getan, was man in einem Leben tun kann. In den Krieg ziehen, einen Sohn zeugen, ein Haus bauen, erfolgreich sein, sich bilden, reisen, ein Vermögen aufbauen und sterben.

Vielleicht war sein Tod das Schönste, was er mir geben konnte. Es war schrecklich. Und schön! Schrecklich wie das Sterben nur schrecklich sein kann. Unendlich traurig, furchtbar schmerzhaft und doch gleichzeitig so rührend, so bewegend, so wunderschön. Es war ein Sterben, wie es sonst nur in Filmen vorkommt. Das Sterben meines Vaters war das schönste Geschenk, was er mir je gemacht hat, jedenfalls solange ich mich erinnern kann.

Ich selber bin 55 Jahre alt und das Verhältnis zu meinem Vater war viele Jahre nicht gut. Ich habe den Kampf der Generationen ausgefochten, lange. Ich wollte mich aus den Fesseln meines Vaters und meiner Familie befreien. War es Zufall, dass ich meiner Heimat entfloh und fernab von Vater und Mutter lebte? Ich wollte unbeobachtet sein und mein Leben leben, ein unabhängiges Leben. Viele Jahre habe ich mit ihm gerungen und mich an ihm gerieben und ich habe nie so werden wollen wie er. Wenn ich allerdings heute in den Spiegel schaue, dann sehe ich immer stärker sein Gesicht hervortreten. Wenn ich aus dem Auto steige, steige ich aus, wie es mein Vater tat, wenn ich die Straße entlanggehe, gehe ich wie mein Vater die Straße entlang, wenn ich mich diskutieren und argumentieren sehe, erlebe ich, wie mein Vater argumentiert und diskutiert hat. Ich werde ihm immer ähnlicher und jetzt, wo er tot ist, kann ich ihm auch keinen Widerstand mehr entgegensetzen. Es fühlt sich so an, als könnte ich nun endlich mir selber erlauben, das zu tun und zu denken, was mein Vater von mir erwartete. Ich, der ich seit meiner Jugend gegen meinen Vater gekämpft habe, ich der ich ihn ablehnte, ich, der ich ihn einen Spießer schimpfte, ich der ich – wenige Wochen vor seinem Sterben – ihn mit meiner dem Lebensalter entsprechenden Überlegenheit runtermachte, weil er mit Stammtischparolen um sich warf, spüre nun, dass sein Auftrag auf mich übergegangen ist. Unmerklich, widerstandslos und mit unbezwingbarer Macht. Nun weiß ich, dass ich der Sohn des Vaters bin, der ich nie zu sein wünschte.

Ich bin kein gläubiger Mensch, auch wenn ich Kirchen sehr mag, ich glaube auch nicht an das Schicksal und dennoch scheint es mir so, als hätte sich mein Schicksal entschieden, als hätte ich einen Auftrag, einen Plan, dem zu entkommen unmöglich ist, so wie es schon Ödipus erleben musste. Er, der seinen Vater tötete, konnte seinem Schicksal nicht entkommen, und ich kann es ebenso wenig. Ironischerweise hängt auch mein Schicksal zusammen mit dem Tod meines Vaters.

Natürlich hatte ich in den letzten Jahren beobachtet, wie mein Vater älter und schwächer wurde. Sein Gang wurde gebeugter, sein Gesicht grauer, sein Reden und Denken langsamer. Aber er war mein Vater, wie ich ihn kannte: Nachdenklich, spöttisch, rational, mit den immer wiederkehrenden, gleichen Geschichten. Kaum, dass er je über seine Gefühle sprach. Ein typischer Vertreter der ‚skeptischen Generation‘, die Nazitum und Krieg als junger Mensch erlebt hatten und nun allen großen und damit falschen Versprechungen gegenüber immun waren. Diese Haltung war es, die die alte Bundesrepublik geprägt hat und die vermutlich einer der Gründe für ihren Erfolg war. Als Spät68iger musste ich mich zwangsläufig dagegen auflehnen. Radikalität, Ideologie, Welterklärungssysteme, Weltverbesserung war das Ziel meiner Jugend. Zweifel waren nicht angebracht. Ich unterschied mich in der Hinsicht nicht von der Generation meines Vaters, die ebenso einem Gaukler und Weltheiler hinterherliefen, wie ich es 40 Jahre später tat. Der Unterschied war, dass mein Gaukler nur über kleine Truppen verfügte und nicht so viel Unheil anrichten konnte wie der andere.

Nun also fuhr ich durch die dunkle Stadt. Schweigend neben meinem Schwager. Wir erreichten den leeren Parkplatz vor dem großen Seniorenhaus, gingen blinden Blickes durch das Foyer hinauf in den ersten Stock in das Zimmer in dem mein Vater seine letzten 43 Tage verbracht hat. Vermutlich eilte ich den Gang voraus, vermutlich ließ mir mein Schwager den Vortritt, vielleicht zögerte ich einen Augenblick bevor ich die Tür seines Zimmers öffnete.

Es war dunkel, nur eine Kerze brannte vor einem kleinen Kruzifix, das weiße Laken, das seinen Körper bedeckte, war mit roten Rosenblättern bestreut. Seine Mundwinkel waren weit heruntergezogen, der Kopf lag unnatürlich nach hinten gebogen auf dem Kissen. Seine Hände übereinandergelegt, halb bedeckt vom weißen Laken. Es ist banal, aber der Raum strahlte eine unendliche Traurigkeit aus.

Meine Schwester war vorgefahren und hatte als letzten Dienst an meinem Vater zusammen mit der Pflegekraft ihm sein Totengewand angezogen. Sie saß betend auf einem Stuhl beim Totenbett und erhob sich als wir hineinkamen. Wir umarmten uns. Weinte ich? Weinten wir? Ich weiß es nicht. Schweigend betrachteten wir den Leichnam unseres Vaters. Gleichzeitig verspürte ich den ungeduldigen Wunsch, mit meinem Vater allein sein zu wollen. Darum bat ich Schwester und Schwager, die zögernd sich entschlossen, nun meine Mutter zu wecken, die 12 Stockwerke höher seit sechs Wochen ein Appartement bewohnte.

Warum ich mit meinem Vater allein sein wollte, fragen Sie? Weil ich ihm danken musste. Ich musste ihm laut danken, damit er das hörte, solange er noch da war. Es wäre mir peinlich gewesen, wenn jemand zugehört hätte. Vielleicht war es auch einfach nur eine Sache zwischen meinem Vater und mir. Es ging niemand anderen etwas an. Also dankte ich meinem Vater. Sprach mit ihm. Ich weiß nicht wie lange.

Zeit fließt in einer solchen Situation anders. Langsamer oder schneller? Das Zeitgefühl geht verloren. Irgendwann verließ ich den Raum, trat auf den Flur und genau in diesem Moment erschien am Ende des Flures meine Mutter. Sie wackelte, starren Blicks, selbständig, flankiert von Schwester und Schwager den Gang entlang auf mich zu. Sah sie mich, sprach sie mit mir? Ich glaube nicht. Das einzige was ich tat, war die Tür vom Totenzimmer zu öffnen und hinter ihr wieder zu schließen. Ein unheimlicher Klagelaut drang durch die geschlossene Tür. Kein Tier, keinen Menschen habe ich je so jaulen hören, es ging mir durch Mark und Bein. Schweigend warteten wir einige Momente vor der Tür, bevor wir zu dem alten Paar hineingingen.
Ich wusste bis zu diesem Morgen nicht, was der Begriff „tiefe Trauer“ bedeutet. Jetzt weiß ich es. Seitdem erschüttern mich Todesnachrichten auch von Menschen, die mir nicht nahestehen. Ich verstehe plötzlich, was es auslöst. Meine Spiegelneuronen haben neue, dauerhafte Verbindungen aufgebaut. Ob ich auf diese neu gewonnene Empathie lieber verzichtet hätte, wollen Sie wissen?

Niemals! Das Sterben meines Vaters war die schönste traurige Zeit meines Lebens. Sie begann zwei Monate und 6 Tage vor seinem Tod.

Unspektakulär.

(c) Peter K. 2018

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