Bericht vom Sterben meines Vaters - 4. von 4 Teilen

von Peter K.
Mitglied

Seine größte Sorge galt meiner Mutter, sie solle es guthaben, sozial und finanziell abgesichert sein. Der Umzug in das Seniorenheim war das Beste, was ihr passieren konnte. Das sage nicht ich, sondern das sagt meine Mutter selber. Sie hat dort eine schöne Wohnung mit grandioser Aussicht. Sie wird bei Bedarf versorgt, sie hat es nicht weit bis zum Marktplatz und kann ein weitgehend selbständiges Leben führen. Das Wichtigste aber ist, sie hat Kontakte zu anderen Menschen. Sie ist beliebt, denn sie hat ein einnehmendes Wesen, auch wenn sie keine einfache Person ist. Sie bekommt viel Besuch und hat auch den ein oder anderen Verehrer. Seit sie in dem Seniorenheim lebt, ist sie regelrecht aufgeblüht, und vielleicht war mein Vater sich dessen bewusst, als er seine Meinung änderte und sich dafür entschied, im Pflegeheim sterben zu wollen. Er hatte mir schon früher erklärt, dass meine Mutter nicht alleine in diesem Haus bleiben könne, und vermutlich war ihm auch klar, dass wir meine Mutter nicht mehr aus dem Haus herausbekommen würden, wenn er dort sterben würde.

Auch das Finanzielle erwies sich auf Grund der guten Renten und eines kleinen Vermögens als unproblematisch. Die Finanzen waren nur etwas unübersichtlich, und ich musste mich einarbeiten. Als größte Schwierigkeit stellte sich dabei der Zugang zu den Bankkonten heraus. Verfallen Sie nicht dem Glauben, dass Sie mit einer notariellen Generalvollmacht Zugang erhalten. Keinesfalls. Sie brauchen das Geld dringen, weil sie die Pflege usw. bezahlen müssen, aber die Banken sagen Ihnen frech: Nein, nur wenn sie einen Erbschein oder eine unterschriebene Bankvollmacht vorweisen könnten, dann, ja dann dürften wir ihnen den Zugang zum Konto erlauben. Als ich einer Bankmitarbeiterin die Umstände erläuterte, war ihre erste Reaktion, dass man dann ja den Dispositionskredit meines Vaters streichen müsste. Ich war fassungslos. Eine Beileidsbekundung? Natürlich nicht. Wozu auch? Mein Vater lebte ja noch! Kein irgendwie gearteter Versuch dem verzweifelten Kunden eine Lösung anzubieten. Nein, stattdessen wird erst einmal der bis dato nie genutzte Dispokredit gestrichen.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als meinen Vater auf dem Sterbebett darum zu bitten, meiner Schwester und mir Kontovollmacht zu erteilen, indem er seine letzten Unterschriften leistete. Früher hatte er dies immer verweigert, obwohl wir ihn bekniet hatten, eine Vollmacht zu erteilen, für den Fall, dass ihm etwas zustößt. Ich glaube, für ihn bedeutete die Erteilung der Kontovollmacht den Verlust über die Kontrolle seines Lebens.

Das war ein weiterer, kleiner Schritt auf dem Weg, und sie alle bedeuteten dasselbe: das Leben loslassen und dem wartenden Tod entgegengehen. Das macht es so schwer. Es waren diese einzelnen kleinen Schritte, die das Leben meines Vaters implodieren ließen. Er war unfähig zu organisieren, sein Haus war geplündert, sein Geld nicht mehr unter seiner Kontrolle. Von der inneren krebsfressenden Auflösung seines Körpers ganz zu schweigen. Das, woran er Jahrzehnte gearbeitet hatte, sein Stolz, seine Beherrschung, sein Können, sein Überblick, sein Besitz, all das löste sich in Windeseile auf, fiel in sich zusammen, verlor seinen Wert.

Aber er ging diesen Weg und gab die Kontrolle ab. Die Unterschriften waren nicht mehr die, die ich kannte, nicht mehr diese mit altmodischem Federhalter und blauer Tinte hingeworfene geschwungene und selbstbewusste Schrift, es war ein kraftloses Gekritzel. Jede Unterschrift, die ich als Jugendlicher unter den Entschuldigungsbriefen für die Schule gefälscht hatte, waren besser gewesen als dieser Abklatsch seiner Unterschrift.

Den Banken war das egal, es öffnete alle Türen, und das Finanzielle konnte geregelt werden.

Bereits ein Jahr und zwei Monate vorher hatte er darüber gesprochen, dass er alt werde und dass er es merke, weil er beginne, Fehler zu machen. Aber loslassen konnte er trotzdem nicht und wer wäre ich gewesen, wenn ich sie ihm aus den Händen gerissen hätte? Mit diesen Unterschriften übertrug er die Verantwortung symbolisch an die nächste Generation.
Dieser Moment war eine Zäsur. Der Kampf zwischen Vater und Sohn war entschieden. Der Sohn ging als Sieger vom Platz. Endlich!

Nein, es hatte nichts mit einem Triumpfgefühl zu tun, es war – wie man heute so schön sagt – die normative Kraft des Faktischen. Es gab kaum eine andere Wahl. Doch plötzlich war der Druck weg. Das ist normal, wenn der Gegner abhandenkommt. Dreißig, vierzig Jahre habe ich mit ihm gerungen und bin stets gescheitert. Erst wegen seiner rhetorischen und intellektuellen Überlegenheit, die sich allein durch Lebenserfahrung einstellt, später wegen eines Eigensinns, der sich zum Schluss auch in Starrsinn wandelte. Und plötzlich war dieser Widerstand weg. In gewisser Weise spürte ich nun die Verantwortung, die vom Vater auf den Sohn überging. Durch dieses langjährige Ringen hatte er mich jedoch gut vorbereitet.

Ein Gegner gibt Sicherheit und Kraft, denn man kann an ihm seine eigenen Waffen schärfen. Ein Gegner hilft, die eigene Position zu finden und besser zu werden. Dazu dient das Ringen von Vater und Sohn. Viele Dichter haben es beschrieben. Von den Jungen, die antreiben, vorwärtsschreiten wollen, die – jede Generation aufs Neue – geblendet sind von der Hybris ihrer Jugend, ihrem Größenwahn. Sie versuchen die Bastionen der Alten zu stürmen, immer und immer wieder. Nur auf diese Weise können sie sich gegen das Beharrungsvermögen der Alten durchsetzen. Es ist ein ewiger Kreislauf der Erneuerung, und wenn man es philosophisch betrachtet, dann ist es die Aufgabe der Jungen, die Alten vor sich her zu treiben, und die Aufgabe der Alten, das Schlimmste zu verhindern. Insofern war ich Sieger und Verlierer in einem, denn spätestens ab dem Tag war klar, dass nun die Jungen mit mir ringen werden.

Die ersten Tage auf der Pflegestation waren voller Aufregung. Ärzte kamen und gingen, Pfleger stellten sich vor, Organisatorisches wurde geklärt, Medizinisches besprochen. Die Pfleger und Pflegerinnen spielten in diesem Schauspiel zwar nur Nebenrollen, aber sie hätten einen Oskar verdient.

Es waren einige, aber wie immer bleiben einige stärker in Erinnerung als andere.

Da war die Schwesterschülerin, die mit unendlicher Geduld meinem Vater beim Essen half. Ihm Löffel für Löffel Apfelmus einflößte. Das war das Einzige, was dieser ehemalige Genussmensch noch zu sich nehmen konnte und auch davon nur wenig. Gelegentlich aß er nur ein paar Löffel aus Höflichkeit, obwohl er nichts wollte. Das war es,

(c) Peter K. 2018

Seiten

Buchempfehlung:

[numberofpages] Seiten
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

19. Jan 2020

Ach du, so berührend hast du deine Empfindungen sowie alle Beteiligten beschrieben!
Klasse! Und nun bist du leider und gleichzeitig richtigerweise glücklich der Peter ohne das "chen"...
LG Uwe.

Seiten