Diese Gott verdammte Welt

von Dennis Wiebe
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Warum. Warum sitzen du und ich hier – lesend. Ich weiß nicht was dich geritten hat, das hier zu lesen, aber eines kann ich dir sagen – danke. Für mich ein andauerndes, gar pulsie-rendes – Gefühl. Ein Gefühl, wie morgens, wenn man von diesem Bett, kalt wie Schnee, in die warme Dusche geht, sich berieseln lässt. Stumpfe Schläge am ganzen Körper fühlend. Warm, sanft, bestimmt und dennoch – liebevoll. Das selbe Gefühl wie bei ihr. Wenn du sie bei dir hast, sie halten kannst, sie – lieben kannst. Wenn du anfängst ihren Hals entlang zu küssen, vorsichtig, Ihre Haare am Kopf ziehst, um noch mehr und weit mehr ins Detail zu gehen bis runter zum Bauchnabel. Für dieses schöne Gefühl, was du mir gibst, wenn du das liest, danke ich dir – selbst, wenn ich nicht weiß wer du bist. Verstehe das aber bitte nicht falsch, ich spreche von keinem Gefühl bei dem es um Sex geht, nicht zwangsläufig. Ich spre-che von diesem einen Gefühl, dieses Gefühl, was ihr liebe nennt.
Bevor ich mich jetzt weiter in leicht sexuellen Vergleichen verliere, erkläre ich dir mehr, da-mit du verstehst was ich meine. Zu Beginn, alles – und nichts. Zu Beginn ein Gefühl, ein Ge-fühl unglaublicher Geborgenheit. Für mich, keine Große Sache, musste ja noch nicht viel für machen. Für die um mich herum hingegen, atemberaubend, herzzerreißend, oder so manch einer auch in die Hose scheißend. Dann, ein Bruch im Spiegel. Der Impuls, kam zentral, in das Herz. Scheinbar langsam, desto trotz, ein Ziel, fest vor Augen, wie ein wildes hungriges Tier auf der Jagd, nach leichter Beute. So brach er, der einst so schöne Spiegel. Er brach in große Teile. Er brach in kleine Teile. Er brach in hundert Millionen Teile. Er brach und Er brach und Er brach und Er brach, bis er – zerbrach. Wie ein Mosaik hing er da, gebrochen und in 2 Teile, der, noch an wenigen Stellen zusammenhängende Spiegel. Was gebrochen ist hält nicht mehr lange – so heißt es im Volksmund. Doch, Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der stärkste, den je einer kannt. So blieb er, Riss sich zusammen, doch, es kam an-ders. Mit jedem Tag wo der Spiegel scheinbar mehr zusammen kam, bildeten sich noch mehr kleinere Risse, an Stellen, wo der Spiegel noch glatt und rein war. Jahr für Jahr, Stunde für Stunde, Moment für Moment. Jeder scheinbare warme Blick eines Sonnenscheins, war doch nur das bittere Lächeln der anderen. Das Spiegelbild von dessen, was auf ihn zu kam, der dreckigen, ekligen Welt. Im ersten Moment, Sanft und Frei, dann, verbittern und ausge-saugt. Pragmatisch? Übertrieben? Der Spiegel sieht die Dinge nicht auf seine Sicht, er reflek-tiert nur sein Äußeres, auch wenn keiner die Risse so richtig bemerkt.
Je mehr Jahre ins Land gingen, umso poröser wurde er. Die glänzenden Teile fielen ab, nach und nach. Die hässliche, schmerzende Fassade wurde frei. Das etwas, was durchschimmert und nicht zurückgeworfen wird, wenn man in den Spiegel schaut. Scheinbar nutzlos und zerstört wurde er weggeworfen, wie eine Tüte voll ekligem Abfall – benutzt. Zu Ende sollte es mit ihm sein, das letzte sollte mit den Jahren verfallen, bis er irgendwann zu Staub wird, von Staub zu Dreck, von Dreck zu Stein und von Stein zu Sand um vielleicht eines Tages wie-der ein Spiegel zu sein, dies konnte er damals aber nur hoffen und dafür beten. Vielleicht eines Tages, doch dieser Abgang ist ihm verwehrt geblieben. Wie das Schicksal meint, wollte ihn jemand. Jemand der den Spiegel betrachtete und in seiner schön kaputten Fassade et-was anderes sah, als nur Schmerz und Leid, jemand der Sah, dass dort ein Wille saß, der Wil-le durchzuhalten und jemand bewunderte das. Jemand entschloss sich den Spiegel aufzu-nehmen, bei sich zu halten, wieder – schön zu pflegen. Kurze Hand hatte der Spiegel eine glänzende Fassade, strahlend, nicht all zu lange davon entfernt, bekam er sogar sein Strah-len wieder. Jemand war liebevoll, zärtlich und herzerwärmend für den Spiegel. Die Fassade blieb auch weiß, weil sich nur noch jemand darin spiegelte. Blind von jemandem sah er nur noch jemand. Jemand mit grün funkelnden Augen, funkelnde Smaragde. Der Spiegel wusste, dass was er bisher gesehen hat, nicht gut war, es war schlecht, es war schmutzig. Doch er wusste das jemand – gut war, jemand war – vollkommen. Der Spiegel fühlt seit dem Anfang, das erste mal wieder richtig etwas, er dachte er sei schon ausgebrannt, von innen, eine schwarze Fassade, ein zerfallender Spiegel. Doch jemand gab ihm wieder etwas, jemand gab ihn ein Gefühl der Geborgenheit.
Jemand war allerdings nicht nur irgendjemand. Dieser Jemand, war besonders. Jemand sah zu Beginn vielleicht nicht alles, doch alles jemand alles sah, bleib sie. Sie blieb bei ihm, brachte ihm das Leben, das Lächeln und das Lieben bei. Er dachte wirklich er wüsste was Liebe ist, doch jemand belehrte ihm eines Besseren. Die Welt fühlte sich bei jemanden auf einmal … anders an. Die Welt war nicht mehr das groteske Abbild, die Welt war nicht mehr böse, die Menschen waren nicht mehr hinterhältig, es war gut – nein, sie war gut. Doch auch, wenn alles gut schien, irgendwas blieb, irgendetwas schlechtes. Das ein letzter Funken der Dunkelheit, der Schatten, welches das größte Feuer wirft, auch wenn er nur so klein ist. Er wurde größer. Es zerfraß ihn innerlich, es brannte ihn aus, bis er nicht mehr konnte. Sie merkte das und es erschütterte das Verhältnis. Sie distanzierte sich, nach und nach, suchte Ablenkung und auch Verständnis. Sie konnte aber nichts ahnen, da sie nicht mal ein Bruch-teil der Geschichte kannte. So fiel er, tiefer und tiefer in einen Abgrund, schwarz, voller Hass und Zweifel. Innerlich zerreißt es ihn, wie Papier – genau so brannte es auch. Dieser Kurze Moment, wenn man zu dicht am Feuer ist, dieser scheinbar kurze Schmerz – das, ewig. Seine Seele schreit, doch sein Mund blieb stumm, er konnte nicht, etwas hinderte ihn daran. Still-schweigend fraß er alles in sich rein, aber nein, nicht wie ein normales Essen, sondern Stei-ne, die nicht zu kauen sind, die man nicht schlucken kann, die im Magen liegen und ein permanentes Gefühl des Unwohlseins erzeugen. So ging es weiter, und die einst weiße Fas-sade bröckelte. Er wollte nicht mehr, er wollte nichts mehr, er wollte alleine sein, er wollte sterben, aber innerlich, weil er zu viel Angst vor Gott hat. So stieß er, vielleicht die einzige Hilfe in seinem Leben bei Seite, dachte er könne wirklich alles alleine schaffen – dumm im Jugendwahn. Das einzige was ihm das gebracht hat, war noch mehr, noch mehr Leid, mehr Hass.
So trennten sich die Wege – scheinbar – doch irgendwas war da noch. Nicht dieses rosarote Gefühl, diese Schmetterlinge im Bauch, sondern die bewusste Entscheidung, diese Vorah-nung, dass dieser Mensch, die richtige für ihn ist. Das wollte er aber nicht, nein, ganz im Ge-genteil. Dieser Spiegel, diese Reflektion der Außenwelt, wollte das nicht. So fing er an, ein Fehler nach dem anderen zu begehen, obwohl er tief, im inneren, des restlichen Herzes wusste, dass es falsch ist. Wahre Liebe vergeht nie. Er versuchte es mit dem Alkohol auszu-brennen, trank bis zu Besinnungslosigkeit, er nahm Drogen, um diesen Schmerz zu betäu-ben, dieses Brennen in der Brust. Dies brachte ihm aber mehr schlechtes als gutes. Nach außen blieb er aber standhaft, er lächelte, wenn die Sonne schien und weinte, wenn der Regen die Tränen verdeckte. Irgendwann, so musste es kommen brannte er nicht das Gefühl aus, er betäubte nicht sein Herz, er zerstörte seine Seele, bis nur noch eine leere Hülle, ein nichts, ein Körper unter Millionen, da war. Dies merkte er erst, als es zu spät war. Innerlich Tod – ein Abbild einer falschen Welt – Gefühlslos – das ist kein Leben mehr. Leben besteht eben aus Gefühlen, Schmerz, Leid, Hass, Freude und Liebe – davon hatte er nichts mehr. Als er das bemerkte, als es eigentlich schon zu Ende mit ihm war, fasste er alle was er hatte zu-sammen und ging zurück, zu jemandem. Der Entschluss gesetzt, der Wille, der noch das war gefasst und die Beine in die Hand genommen.
Denkst du jetzt wirklich es gibt ein Happy End? Wenn du sowas willst, geh´ zu einer Bord-steinschwalbe, oder wie der 8 Jährige Tim jetzt sagen würde: „Ne Hure „ey““. Nein, diese Geschichte nimmt kein gutes Ende, merkst du das auch?
Er kam nach der Arbeit, zog sein Rucksack aus und legte ihn auf den Tisch. Er schloss die Tür, lies den Schlüssel stecken. Seine Mundwinkel beugten sich der Erdanziehungskraft. Eine letzte Träne floss über seine Wange. Er nahm seinen Rucksack, holte das Paket heraus. Er drehte sich ein Joint, zündete ihn an und lächelte. Er nahm das Paket, öffnete es und holte ihn raus. Er öffnete ihn, setzte nur die Hälfte ein und drehte, er drehte und drehte weiter. Sein lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. Ein letztes Mal dachte er nach, über sein Le-ben, über die Dinge die geschehen sind, Dinge, die er niemals vergessen wird. Er drehte wei-ter und trotz letzter Träne, folgten weiter. Er setzte an, nahm noch ein letzten Zug, ein tiefen Zug, des grünen Gifts, des grünen Engels, des grünen Fluchs. Er schloss die Augen, er hielt ihn in sich, den letzten Zug. Ein letztes mal fühlte er seinen Schädel voll mit Rauschgift, sein Körper bleibt im Sarg, doch seine Seele nimmt den Rausch mit – es klickt.

Konstruktive Kritik ist gerne erwünscht!
Der Text ist die erste unüberarbeitete Fassung
Viel Spaß!

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