Die Vorstellung

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Langsam füllt sich der Saal vor der Bühne mit Menschen. Ältere Damen ummantelt in eleganten Abendkleider. Auf den Köpfen sorgfältig gesteckte Frisuren. Mit Programmheften unter den Armen zwängen sie sich durch die engen Sitzreihen. Es schimmert das Rot der gepolsterten Bänke. Allgemeine Hektik. Nur Hannes steht im Eck des Raumes. Sein Rücken berührt die kalte Marmoroberfläche einer Säule. Er beobachtet. Eine Pose aus irgendeinem Hollywoodfilm.
Von draußen dringt aufgeregtes Geschnatter herein. Mal vernimmt er ein laut aufhellendes Gelächter. Mal das zustimmende Gebrumme eines in die Jahre gekommenen Kehlkopfes. Das Rauschen von sich bewegenden kultivierten Menschen macht ihn nachdenklich. Tiefblaue Wellen verebben am Strand. Ihm ist schwindlig, denn seine Augen finden keinen Fokus. Ein Tal mit abertausenden Windmühlen. Alles dreht sich. Eine verrückte Landschaft, die in ihm wächst. Hannes landet hart im Sessel mit der Nummer 12.
Der Vorhang wird gehoben. Vorsichtig beginnen die Streicher und der unverkennbare Klang jammernder Violinen ertönt.
Ihre feuchte Hand streicht seinen Unterarm entlang. Hannes denkt an die Sommer am Gardasee. Die Ausflüge auf die Almen. Verliebt unter den Bäumen liegen. Füße im kühlen Wasser. Bei Nacht im See schwimmen, nackt. Den sanften Wind im Mondlicht spüren. Ihre Küsse und sein ewiger Durst danach.
Dann denkt er an die schweren Jahre dazwischen. Das ewige Geschrei. Die Vorwürfe. Die alles zerstörende Eifersucht. Den Tag als er sie zum ersten Mal geschlagen hat. Seine Reue. Sein Zorn. Die nie gesagte Entschuldigung. Als sie zu ihrer Schwester nach Graz zog und nach zwei Monaten wieder zurückkam. Wie das alles ihn schon lange nicht mehr kümmert. Die vielen Geschäftsreisen. Die hirnlosen Unterhaltungen. Erschöpft im Hotelbett liegen. Die Tschechinnen. Die zerknüllten Rechnungen vom Escort Service. Die Kreditkarten und das Meer auf Korsika. Das arme Ding um Zigaretten schicken. Das großzügige Trinkgeld. Ihre freizügige Bluse. Der rauchige Geschmack von Whiskey am Gaumen.
Ein Paukenschlag reißt ihn aus seinem Gedankensumpf. Hannes erinnert sich an den Sturm im Gebirge und wie sich die Lärchen bogen. Wie das Wasser die Felsen hinunterschoss. Ein Felsbrocken Angst. Das Grollen des Donners und seine Flucht vom Berg. Vorbei an der Stelle an der irgendein Kind in den Tod gestürzt ist. Der Vater hinterher. Ein moderndes Kreuz aus Holz.
Gierig blickt er auf die hell erleuchtete Bühne.
Die kleine Tänzerin mit der zierlichen Figur schmeichelt ihm. Wie sie leichtfüßig herumspringt, immer im Takt der Musik. Er achtet nicht auf die Bedeutung des Textes. Ihre klangvolle Stimme hart in der Magengrube.
Die Szene wird hektischer. Er sieht wie ein Streicher den Mund leicht nach oben verzieht und die Augen zudrückt. Trommelwirbel. Ein Offizier tappt auf das Parkett und fällt pathetisch vor der schönen blonden Tänzerin auf die Knie. Die buhlende Leidenschaft im Auftreten des Offiziers widert Hannes an. Die wohlproportionierten Glieder. Seine eigene Grobschlächtigkeit. Ein spitzer Dorn im Auge. Kinderstimmen singen Kosenamen. Elefant. Fettsack. Trallala. Immer im Rhythmus und im Takt der Jahre. Die Angst vor dem Schwimmunterricht. Das plötzlich Krank sein und das Davonlaufen.
Es war ein Kampf gegen Windmühlen den eigenen Körper zu verdecken. Er, der Don Quixote der Anatomie. Elend heiße Staubhügel irgendwo in Spanien. Schmerzendes Herz im dicken Jungenkörper.
Der Offizier macht weite Schritte. Streckt die stolz geschwellte Brust hervor. Ein paar Haare fallen ihm dabei ins makellose Gesicht. Wäre ich doch auch nur ohne Fehler auf die Welt gekommen, denkt sich Hannes und eine heiße Wut steigt ihn ihm auf. Schöne Menschen will man sehen und nicht die Gutherzigen. Nicht die Einfühlsamen und nicht die Fürsorglichen.
Der Pöbel weidet sich gern an jedem Konflikt und ist er auch noch so klein.
Ein Fagott dröhnt vor sich hin.
Was hätte er denn nicht alles werden können? Schauspieler, Model, Politiker. Kurz ein Mann mit Format, einem schönen Lächeln. Einer der Eindruck hinterlässt. Einer der jeden Tag aufs Neue Zahlen in den Computer tippt. Die prallen Konten, die vollen Mägen und die unzählbaren Freuden. Hannes hatte sich das Leben in der Stadt anders vorgestellt. Immer diese vielen Menschen, die einem nicht wirklich zuhören und ihre Enttäuschungen auf ihn abwälzen.

Der dritte Akt läuft und kommt zum Höhepunkt.
Die Aufführung langweilt. Was soll das, denkt er sich. Theater, Oper, Ballett, Harfe, Orgel. Das ist Schnee von gestern. Hannes greift in seine Hosentasche und kramt das Handy hervor. Vorsichtig blickt er sich um. Soweit wie möglich rutscht er in den Sitz hinein. Sie soll nicht sehen, was er tut. Hannes entsperrt seinen Touchscreen und sucht nach einem Video. Das IPhone ist neu. Ein jugendlich aussehendes Mädchen. Welliges blondes Haar mit unheimlicher Ähnlichkeit zur Tänzerin. Splitternackt auf einem Tisch. Ihr ganzer Körper zittert. Gestöhne. Um sie herum eine Gruppe Männer.785,000 Klicks. Hannes schließt das Video wieder. Er kennt das Ende schon.
Immer noch tanzen das Mädchen und der Offizier im Kreis und singen vom Frühling. Er schenkt ihr einen Blumenstrauß. Ihre Mäusestimme kichert. Der Offizier lächelt zurück und stimmt das nächste Lied an. Wann fällt der Schönling von der Bühne? Wann schlägt er mit einem lauten dumpfen Knall vor den Füßen des Publikums auf? Das Paar vor ihm blickt sich im selben Augenblick verliebt in die Augen. Neben ihm seine Frau. Ihre Nähe widert ihn an. Ihr Gestank. Die Art wie sie sich ihre Nasenspitze kratzt. Ihr vorwurfsvoller Blick. Was weiß sie?
Letzter Akt. Der Offizier sieht die Tänzerin Gift nehmen. Die Verzweiflung und sein Ausweg. Ein geladener Revolver, ein Schuss und die Stille des Publikums.
Morgen wird er es ihr sagen. Die Sache mit Marie und dem Babybauch.
Die blinkenden roten Lichter der Windräder am Nachthimmel. Der stumme Schrei nach Geborgenheit. Die zuknallenden Autotüren. Das nicht wollen und dennoch müssen. Die Suche nach Sinn. Die Ewigkeit und das Nichts. Hannes geht die Stufen zum Gehsteig hinab. Sie in seinem Arm. Ein Eichhörnchen läuft über den Ring. Die Monumente der Großstadt. Freud. Schnitzler. Schiele. Mozart. Falco. Der Dom. Die Statuen. Die Plätze. Die kleinen Helden. Die großen Verlierer. Unsere Kultur und sein Dasein.

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