Feuerteufelchen

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Unerwartet mußte Abraham am Heiligen Abend arbeiten. Leider hatte er der Gouvernante bis Neujahr frei gegeben, so daß seine Tochter Katharina allein zu Hause blieb. In der Abwesenheit ihres Vaters beschäftigte sie sich wieder einmal mit ihrem Chemiebaukasten, dank dem sie schon öfter glücklicherweise harmlos gebliebene Explosionen verursacht hatte. Als sie durchs Fenster schaute und sah, daß draußen Schneeflocken nieder rieselten, verlor sie die Lust an Mixturen, schob alles, was sie hergerichtet hatte, in den Papierkorb und begab sich zum Spielen in den nahen Park, dort Kinder rodelten und Schneemänner bauten. Gegen fünf Uhr war für Abraham Feierabend, und er freute sich auf sein Zuhause und einen Heiligen Abend mit Katharina, und er frug sich, ob sie sich wohl freuen würde über das Geschenk, das in einem großen Karton auf dem Rücksitz seines Wagens verborgen war.

Angekommen in der Straße, in der er wohnte, den Karton unter dem Arm, wunderte er sich über die Feuerwehrautos daselbst, und er scherzte mit einem Nachbarn, wessen Baum denn da brenne. Unter seiner Haustür kamen ihm Feuerwehrleute mit Äxten und Schläuchen entgegen. Entgegen kam ihm auch Katharina, sichtlich eingeschüchtert. Abraham erfuhr zum Teil von ihr, zum Teil von den Feuerwehrleuten, daß eine Chemikalie, die er nicht kannte, deren Namen er auch sofort wieder vergaß, im Plastikpapierkorb mit Feuchtigkeit in Berührung gekommen sei und sich entzündet habe, was dann zu einem Schwelbrand geführt hätte, der sich zum Glück, weil ein Nachbar frühzeitig nach der Feuerwehr gerufen hätte, auf das Kinderzimmer, das allerdings nun hinüber sei, beschränkt hätte.

Da saß sie nun, Katharina mit gesenktem Blick, und Abraham saß ebenfalls da und grübelte, es sei nun mal Heiliger Abend, und obgleich Leichtsinn ein Zimmer durch Schwelbrand ruiniert habe, so bestünde trotzdem ein feierlicher Anlaß, dem nichts vergällen sollte. So frug er angesichts des ramponierten Raumes nach einer Weile, „meinst du nicht auch, daß es zur Begrüßung völlig gereicht hätte, wenn der Baum gebrannt hätte.“ Katharina schwieg und kämpfte um ein krampfhaftes Lächeln. „Nun komm schon her zu mir, du Feuerteufelchen.“ Zögerlich kam sie herbei, und sie setzte sich neben Abraham. „Wie konnte denn das passieren?“
„Ich hab nicht aufgepaßt.“
„Das kann man wohl sagen. Wer hat denn die Feuerwehr gerufen?“
„Der Mann im Nebenhaus.“

So klemmte er sich den Geschenkkarton unter den Arm, nahm Katharina bei der Hand und beide suchten den Nachbarn auf, den Abraham wie auch die anderen Anwohner nur flüchtig kannten, weil er als eigenbrötlerischer Sonderling galt.

„Verzeihen Sie, Herr Nachbar, wenn wir stören. Aber ich, nein, wir wollten uns bedanken, daß Sie so rechtzeitig die Feuerwehr alarmiert haben, sonst wäre der Schaden sicherlich größer geworden.“ Der Nachbar bat sie herein, führte sie in einen Raum, in dessen Mitte ein Weihnachtsbaum leuchtete. Sie sprachen noch eine Weile über das Geschehen, bis der Nachbar sie einlud, bei ihm den Heiligen Abend zu begehen, weil er dann nicht alleine das Fest begehen müsse, zu dem es in Abrahams Haus des Brandes halber sicherlich nicht gut röche. Abraham nahm die Einladung an, und er überreichte Katharina den Karton, den er mitgebracht hatte. Sie öffnete ihn, ein Metallbaukasten gelangte zum Vorschein, aber nicht irgendeiner, sondern solch einer für eine Abbruchmaschine. Der Nachbar lachte, „wenn das mal gut geht!“ Katharina freute sich schon, doch vergaß sie nicht, was sie angerichtet hatte. „Darüber reden wir später einmal, im neuen Jahr vielleicht, aber nicht heute“, ermunterte Abraham.

Und dann gingen zwei Männer und ein Kind daran, die Maschine zusammen zu bauen. In tiefer Nacht stellten sie die Abbruchmaschine fertig, an deren Kranausleger eine Abbruchbirne pendelte, und es reizte, deren Wirkung einmal auszuprobieren. Der Nachbar brachte eine alte, häßliche, wie er meine, Vase herbei und stellte sie auf den Fußboden. Über eine Fernbedienung steuerten sie die Maschine, zielten gut, die Abbruchbirne traf die Vase, die klirrend zerbarst. Katharinawar dabei und bat um die Fernbedienung, fuhr die Räumschaufel der Maschine aus und kehrte mit ihr die Splitter zusammen und fuhr sie zu einem Papierkorb, wo sie sie ablud.

Nach Neujahr erinnerte Katharina, weil Abraham mit ihr über das, was sie angerichtet hatte, hatte reden wollen. Er frug, wie sie den Nachbarn, den alle ignorierten, finde. „Er ist ein netter Mensch“, antwortete sie. „Ja, das ist er. Obschon ich durchaus nicht unerwähnt lassen möchte, daß du für die nächste nette Bekanntschaft nicht unbedingt das Haus unter Wasser setzen solltest. Aber im Grunde trage ich Mitschuld an dem, was geschehen ist. Immerhin bist du ein Mädchen und dem schenke ich einen Chemiebaukasten und eine Abbruchmaschine. Mh, ist doch seltsam, nicht wahr?“ Sie schmunzelte, „darf ich etwas vorschlagen?“ Er nickte. „Dann schenken wir uns einen Baukasten für eine Wasserpumpe.“
„Das habe ich erwartet.“

So sprach Abraham und dachte, das sollte nun eine Ermahnung sein? Tut mir leid, ich kann nicht anders, Gott helfe mir...

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