Die Frau aus dem Nebel - Page 7

Bild von Nicole Schrake
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Annelore hing doch den aktuellen Gezeitenplan an die Pinnwand, für jeden sichtbar und gerade Du, der die Ecke und das Meer kennt wie seine Westentasche, droht fast abzusaufen, wie ein doofer Touri, der von Ebbe und Flut soviel Ahnung hat, wie ein Yanomami-Indianer von einem Quantensprung?“ Verblüfft sah Robert Sven an. Dieser lächelte kläglich. „Ja, ja, ist ja gut. Der Dorfbulle hat mich gerettet.“ Kurz schilderte Sven das Erlebte in der letzten Nacht. Robert horchte auf. Eine Frau? An Svens Stimmfarbe erkannte er, wie sehr diese Frau seinen Kumpel beeindruckt haben musste. „Und wo ist die Schöne jetzt?“ fragte er lauernd. „Keine Ahnung.“ antwortete Sven grummelnd. „Na, dann komm, erst mal frühstücken.“ Wenig später war der Tisch gedeckt, fluffige Brötchen, starker Kaffee und dazu Roberts berühmte Spiegeleier mit gebratenen Tomaten, Käse und jeder Menge Tabasco.

Am Nachmittag reiste Robert wieder ab. Beide Männer umarmten sich. „Mach‘s gut, Alter, und sage dem blanken Hans, wenn er Dich wieder scheucht, lege ich ihn trocken.“ „Keine Sorge, ich achte jetzt auf den Gezeitenplan, das kannst Du mir glauben. Grüße Deine Hübsche und Karl.“ Robert wuchtete den Trolley in seinen BMW-Combi und stieg hinter das Lenkrad. „Wir sehen uns, Alter.“ „Ciao.“ Weg war er und Sven fühlte sich ziemlich alleine, verwirrt und irgendwie unruhig. Gut, dass er gleich zu der „Strandmuschel“ musste. Arbeit lenkte ihn von seinen merkwürdigen Gedankengängen ab. Wenig später stand Sven unter der Dusche und das heiße Wasser brachte endgültig seine Lebensgeister zurück. Ob er Marleen wieder am Strand treffen würde? Er musste sie einfach wiedersehen. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Sven ging durch St.-Peter-Ording zu seinem Weinhändler. Die Sonne strahlte von diesem friesisch-blauen Himmel und auch der Wind strich milder über Svens Wangen. „Moin, Hinnerk.“ „Moin, Sven. Brauchst Du Nachschub?“ Sven sah in Hinnerks wettergegerbtes Gesicht. „Klar, ich nehme 15 Flaschen von dem Grauburgunder und 12 von dem Tignanello." „Alles klar, mache die Bestellung fertig und lasse Sie Dir dann liefern." Die beiden Männer klönten noch eine Runde, dann verließ Sven den Laden. Die Straße füllte sich. Die ersten Touristen belebten das Stadtbild und Sven freute sich schon auf den Beginn der Saison. Das Handy klingelte. „Ja?“ „Hi, Chef, Annelore, ich bin dann um 13 Uhr im Restaurant.“ „Alles, klar, ich komme auch gleich. Ciao.“ Sven stieg in seinen Jeep und fuhr Richtung Böhl. Es war einer dieser klaren Tage, von strahlender, leuchtender Schönheit, an dem sich die nordischen Farben besonders tief ins Herz gruben. Sven war weit gereist, doch er kam einmal mehr zu der Erkenntnis, das dies der schönste Flecken Erde auf der Welt war. Er stellte das Radio an, RSH. Der launige Moderator verkündete für die nächsten Tage sonniges, aber kaltes Wetter. Sven fuhr die Strandauffahrt hoch, hielt an. Die silbernen Wellen des Meeres, ein einsamer Lenkdrachen, der seine Kreise zog, emsige Möwen und Strandläufer suchten im Schlick nach Fressbarem.

Zu Svens unbändiger Freude erspähte er Marleen und Hector auf dem Deich. Sie trug wieder ihren hellen Wollponcho und die Sonne küsste ihre roten Haare und ließ es so aufleuchten, dass es wie ein kupferfarbenes Flammenmeer aussah. Sven stieg schnell aus dem Wagen und rief laut: „Marleen! Marleen!“ Doch die schöne Frau schien ihn nicht zu hören und war wenige Augenblicke später auf einem sandigen Nebenpfad des Deiches abgebogen. Sie ging vermutlich in das Kiefernwäldchen. Sven stieg schnell in das Auto und fuhr dorthin. Er stellte den Wagen ab und bog ebenfalls in den Seitenweg ein. „Marleen! Marleen!“ rief er laut und ging den Weg entlang Über Sven lachte gackernd eine Möwe. Der blonde Mann sah sich um. Nichts, Marleen schien wieder einmal so schnell verschwunden zu sein, wie sie aufgetaucht war. Das Einzige, das Sven erblickte, waren Abdrücke zierlicher Frauenfüße auf dem sandigen Boden. Sven seufzte. Mist. Er musste zum Lokal. Unschlüssig stand er noch eine kleine Weile da, dann drehte er sich seufzend um und ging Richtung Wagen.

Trotz des gut gefüllten Strandrestaurants schweiften Svens Gedanken immer wieder zu Marleen. Er ertappte sich dabei, dass er immer wieder suchend über den Strand sah, doch vergebens. Bei jedem Öffnen der Tür schlug Svens Herz einen kleinen Moment höher, doch Marleen ließ sich an diesem Tag nicht blicken.

Feierabend! Der letzte Gast verließ gerade die "Strandmuschel". Sven machte die Kasse und war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Annelore werkelte noch in der Küche herum. Sven sah nach ihr. „Man, perfekt.“ sagte er lachend und steckte der Blondine 50,00 € zu. „Chef!“ „Hast Du Dir heute redlich verdient. Ich bin sehr zufrieden mit Dir, Du hast ein gutes Auge, weißt die Kunden zu nehmen.“ lehnte Sven etwaigen Dank ab. Er konnte sich glücklich schätzen, auf Anhieb eine derartig fleissige und mitdenkende Kraft gefunden zu haben. „So, jetzt mach einen Abflug.“ Sven grinste. Marleen ließ sich das nicht 2 x sagen. „Nacht, Chef.“ Sie verließ die Küche und ging pfeifend zur Ausgangstür. Sven blieb zurück. Er seufzte und sah auf die Uhr. Höchste Zeit die „Strandmuschel“ zu verlassen. Ein zweites Mal würde ihm das Glück bestimmt nicht Florian schicken.

Sven öffnetete den Küchenschrank und entnahm ihm die Taschenlampe, die er wohlweislich mitgenommen hatte. Er zog sich seine Jacke an, ließ noch einmal den Blick schweifen. Keine Kerze brannte mehr, alles aus. Sven trat ins Freie und verschloss die Tür. Der Wind schien fast eingeschlafen zu sein. Der sternenklare Nachthimmel erstrahlte in seiner ganzen mystischen Pracht und der große Mann stand wie damals als kleiner Junge staunend unter diesem samtig-schwarzen Firmament, dann ging er über den Strand Richtung Parkplatz. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe tanzte über den Sand. Sven stockte. Das waren doch eindeutig Hundespuren, da im Sand vor ihm. Der Mann leuchtete weiter. Die Abdrücke führten geradewegs auf das Wasser zu. Sven folgte ihnen. Und da! Fußabdrücke von zierlichen Frauenfüßen. „Marleen?“ rief Sven in die Dunkelheit hinaus. Nichts, nur das Rauschen der Brandung war zu hören. Nachdenklich ging Sven zu seinem Jeep. Er drehte sich noch einmal um, leuchte in die Nacht, doch zu dieser späten Stunde war der Strand wie leer gefegt. Sven stieg in

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Kommentare

22. Jan 2017

Hallo, Ihr Lieben, es freut mich, wenn Ihr meine Story lesenswert findet, vielen Dank dafür.

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