Die Frau aus dem Nebel - Page 8

Bild von Nicole Schrake
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den Wagen und fuhr zu seinem Haus. Er fühlte sich einsam und Sehnsucht wallte ihn im auf. Obwohl er Marleen gar nicht kannte, vermisste er sie, ihre Gestalt, ihre Stimme, einfach ihre Nähe. Sven öffnete die Haustür und trat in den Flur. Der Anrufbeantworter blinkte, Sven hörte ihn ab: „Hi, Sven, Robert hier. Na? Wie geht es Dir. Melde Dich mal, ich möchte Neuigkeiten über die Fremde hören.“ Ja, Robert, schön wären Neuigkeiten, doch da gab es nichts. Sven öffnete eine Flasche Wein und belegte eine Scheibe Roggenbrot mit Schinken. Danach ging er in das Wohnzimmer, legte die Füße auf den Tisch und gab sich seinem einsamen Mahl hin.

Der nächste Morgen zeigte sich von seiner nebeligen, grauen Seite. Alle Geräusche schienen gedämpft, die Menschen schemenhafte Schatten, in den Bäumen hingen silberne Netze aus Raureif. Sven fuhr zur „Strandmuschel“ und begutachtete die Vorräte. Es war 10 Uhr und es schien, als würde sich der Nebel heute gar nicht mehr lichten. Die See lag in bleiernem Grau, kein Windstoß versetzte das Wasser in Wallung, eine spiegelglatte Fläche lag vor dem Auge des Betrachters. Die Melancholie des Tages legte sich über Sven. Er drehte das Radio lauter und wenigstens die Musik suggerierte Fröhlichkeit. Es klopfte an der Tür. Sven stutzte. Die Kellnerinnen? Er ging zur Tür und sah durch die Glasscheibe. Marleen stand vor der Tür und lachte ihn an. Schnell öffnete Sven. „Marleen.“ Ungestüm umarmte er die zierliche Frau. „Na, das nenne ich eine Begrüßung.“ Marleen trat ein, Hector folgte schwanzwedelnd. „Komm, setz Dich. Möchtest Du etwas trinken?“ „Oh, ja, mache mir bitte einen Pharisäer.“ bat Marleen. Sie setzte sich hin, Hector verzog sich in seine Lieblingsecke. Sven kredenzte zwei Gläser des alkoholischen Heißgetränks. „Bitte schön.“ Er setzte sich zu Marleen und sah unverwandt in das zauberhafte Gesicht. Ihre grünen Augen erwiderte seinen Blick. Sven streckte die Hände aus und ergriff Marleens. „Du hast mir gefehlt.“ Marleen lachte. „Was macht meine geheimnisvolle Schöne hier? Du musst mir jetzt alles erzählen, sonst lasse ich Dich nicht mehr gehen.“ „Nun, ich lebe in Husum, ich besitze dort eine Galerie, bin 36 Jahre alt, allein lebend, natürlich ist da noch Hector. Hier habe ich mir vor Jahren ein Häuschen zugelegt, das ich nur zu gerne besuche, wenn der ganz normale, alltägliche Wahnsinn in Husum mir zuviel wird.“ Marleen entzog Sven ihre Hände und rührte mit dem Löffel in ihrem Pharisäer. Dann nahm sie einen Schluck. „Meine Güte, hast Du das Mischverhältnis verwechselt?“ „Du hast mich abgelenkt.“ erwiderte Sven und lachte schelmisch. Verliebt blinzelte er Marleen an. Hector schien in das Land der Hundeträume entschwunden zu sein, er winselte und seine Hinterläufe zuckten. Bestimmt machte er gerade sämtlichen Kanichen hinter den Dünen den Garaus.

Der Nebel lichtete sich. Eine fahle Sonne lugte hervor, zaghaft tastende sonnige Finger, die den grauen Schleier lüfteten, wie ein Akteur den Vorhang bei einer bevorstehenden Theaterpremiere. Die ersten Strandspaziergänger liefen am Wasser entlang. „Hast Du heute Zeit?“ „Du, ich habe hier heute leider volles Programm. Nachher haben wir eine geschlossene Gesellschaft.“ bedauerte Sven. „Nun, egal. Sehen wir uns wir vielleicht nach Feierabend?“ „Ich denke, dass ich mich hier um 18.00 Uhr davonstehlen kann. Annelore hat alles im Griff.“ „Gut, ich muss nachher sowie noch einmal nach Husum zurück, ein Kunde möchte sein Domizil einrichten und will sich ein paar Bilder angucken.“ Marleen strich sich die roten Haare aus dem Gesicht und Sven konnte wieder den Blick nicht von ihr wenden. Die hohen Wangenknochen, der sinnliche, schön geschwungene Mund, den er so gerne küssen würde. Das Verlangen überkam ihm, fast schmerzhaft und doch sogleich lustvoll. Marleen sah den veränderten Ausdruck seiner Augen und rückte etwas von Sven ab. Er bemerkte ihren Rückzug, sie schien sich zu verschließen, wie eine Auster. Ihr Lächeln wirkte jetzt etwas unsicher und sie wich seinem Blick aus. Die unverhohlene Lust in seinen Augen machte ihr etwas Angst. Eine Liaison war das Letzte, was ihr vorschwebte.

Nach vielen Irrungen und Wirrungen in ihrem Leben suchte sie einen Hafen, vor dem sie Anker werfen konnte. Ob Sven dieser Mann war? Sie sah ihn an, seine blonden, widerspenstigen Haare, der markante Drei-Tage-Bart, die sensiblen Hände. Oh, ja, er konnte ihrem Herzen gefährlich werden, doch den Schlüssel dazu verbarg sie noch gut. Sie gab ihn nicht leichtfertig heraus, diesmal sollte das Schloss dazu passen, denn es blieb ihr wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit. Marleen wusste seit 2 Tagen, dass sie an einem Gehirntumor erkrankt war. Der vorläufige Befundbericht lag in Husum auf ihrem Küchentisch und präsentierte in sterilen Worten, wie schnell das Leben von Licht in Schatten wechseln konnte: Raumforderung im Corpus callosum, DD Schmetterlingsgliom; Vorstellung der Patientin im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zwecks weiterer Differentialdiagnostik wird dringend angeraten.

Im Schein der immer stärker werdenden Sonne sah Marleen in Svens Augen und für einen Moment fühlte sie so etwas wie Glück. Sie wollte nur eins: Zeit.

Kurz vor Feierabend betrat Marleen die „Standmuschel“. Sven grüßte freudig. „Ich bin gleich fertig. Annelore, machst Du hier den Rest? „Klar, Chef.“ Annelores flinke Augen musterten neugierig die schöne, rothaarige Frau, die im Flur wartete. „Tschüss, bis morgen.“ Sven schlüpfte in seinen Parker und gab Marleen die Hand. „Hallo, Marleen.“ sagte er warm und den Ausdruck seiner Augen empfand Marleen als wohltuend und tröstlich. Sie wollte in dieser Situation nicht alleine sein. Svens zurückhaltende Aufmerksamkeit tat ihr gut und sie spürte in sich einen Hunger auf das Leben, auf die Liebe. Gott, sie wollte doch nur leben. Ihr war nach Weinen zumute und Sven sah, dass sich ihre grünen Augen verschleierten. Besorgt ergriff er Marleens rechte Hand und zog sie vor die Tür des Bistros. Ein schneidener Wind kam auf, tiefe Wolken jagten über das Meer, das sich zu einem grauen Ungeheuer erhob, die Vorhut seiner Wellen an den Strand spie und gierig den Sand verschlang. Marleen und Sven gingen Hand in Hand zum Parkplatz. Sie setzten sich in den Wagen. Stille, keiner sagte ein Wort. Sven nahm wieder Marleens Hände. „Was ist los? Dich bedrückt doch etwas?“ bohrte Sven. Marleen sah ihn an und ihre

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Kommentare

22. Jan 2017

Hallo, Ihr Lieben, es freut mich, wenn Ihr meine Story lesenswert findet, vielen Dank dafür.

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