Geschichten aus der Zukunft – 1. – Über das Archivieren und Gestalten

von Alf Glocker
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Ü hatte sich vorgenommen, heute wieder einmal spazieren zu schweben! Der Schwebeanzug mit den eingefügten Anti-Schwerkraft-Fasern machte das zu einem Kinderspiel. Außerdem hatte er die Transformations-Energie zugeschaltet, mit der er sich sekundenschnell von einem ausgesuchten Punkt zum andern „wählen“ konnte. Die Automatik, im Rahmen der gedanklichen Wahlstrecken, ermöglichte ihm ein „unfallfreies“ Transformieren, da sie sich von selbst mit den Gedankenströmen der anderen Schweb-Wesen abgleichen konnte.

Ü hatte heute die Absicht, den Sonnenaufgang einzufangen. Er brachte sich in eine etwas erhöhte Position, von wo aus er verfolgen konnte, wie der Stern hinter dem rosafarbenen Riesenblatt-Eichenwald aufging, dann aktivierte er den Kopiermechanismus. Er schoss eine Reihe Gedankenaufnahmen und bearbeitete sie in der Cloud zu fertigen Sammel-Eindrücken. Diese trug er, fein, säuberlich, in seinen gewaltigen Fundus ein, aus dem, je nach Qualität, immer wieder ein Werk ans Zentralarchiv ging …

Zuhause angekommen sah Ü sich die Ergebnisse an, verwarf manche davon und kreierte aus dem übrigen Material Traumvisionen, die er in 4-D Bilder umarbeiten konnte. Er kombinierte das Material mit den letzten Sequenzen eines fulminanten Alptraums, den er kürzlich durchleben durfte, verwob die einzelnen Pixel mit den Pixeln des Sonnenaufganges und fügte noch ein paar Elemente aus seiner Wach-Phantasie hinzu – dann war er fertig und beschloss, seinen neu entstandenen Raum zu „begehen“.

Viel Zeit stand ihm heute jedoch nicht zur Verfügung, denn von der „Direktion“ war gestern der Flug einiger Vollstreckungspersonen zu einem fernen Planeten geplant worden, dessen Bewohner ihn als „Erde“ bezeichneten. Trotz aller Eile war ihm jedoch eine großartige Komposition gelungen, für deren Weiterverwendung sich bereits die „Real-Film-Studios“ angemeldet hatten. Das dortige Entwicklungsteam für „Neue Welten“ zog anscheinend in Erwägung, Üs Eindrücke in den nächsten Lebens-Film „Angst-Abenteuer“ einzuflechten.

Beinahe wäre Ü dem Gefühl „Stolz“ erlegen, hätte er nicht vorausgeahnt, was ihn in ca. 10 Minuten erwarten würde: Einer seiner Ur-Vorfahren, im Reich einer logisch nicht nachvollziehbaren Vergangenheit! Zum Glück befand sich das ganze Unternehmen noch im Zustand der Vorbereitung zur „Einmischung in die realen Ereignisse“ – es konnte ihm also nicht viel passieren (den Schock einmal ausgenommen, der aus der direkten Konfrontation mit Perversion, Dummheit und agitierendem Wahnsinn entstehen konnte).

Aber er wollte sich vorsehen – die Gedanken des Wesens aus der grauen Vorzeit hatte er nicht vor zu lesen! Denn es handelte sich um eine Epoche noch pseudo-intelligenter Lebensformen, in der man immerhin mit primitiven Maschinen unterwegs war, um Ziele auf einem morbiden Globus zu erreichen. Ihm würde es genügen, mit ansehen zu müssen, was damals geschah … schließlich durfte man die Expedition insgesamt nicht gefährden. Es galt, sich zunächst einmal ein weiteres Stück Überblick zu verschaffen.

Gut, daß die Zeit quasi wie auf einem Holo-Deck ablief und sich keines der Wesen, die ein früher existierender „Mensch“ wahrscheinlich als „Götter“ bezeichnet hätte, in all dem Schmutz infizieren konnte. Berührungen waren ausgeschlossen. Die anderen (die längst Verstorbenen) würden von dem Besuch nicht einmal etwas mitkriegen … einige wenige Sensitive einmal ausgenommen, die in der Lage waren, Ahnungen seelisch wahrzunehmen und zu verarbeiten, ohne einen psychischen Zusammenbruch zu erleiden.

Die 10 Minuten dehnten sich schier unerträglich, bis die „Außerirdischen“ endlich, in ihrer Energieblase, auf einem bewaldeten Hügel vor einer dieser Affenstädte landeten, die sie zu erkunden gedachten. Aber schließlich schwärmten sie aus und ihr Strom (einige hundert Forschungsbeauftragte) ergoss sich in die Landschaft vor dem Häusermeer. Begleitet wurden sie von wirbelnden Bodyguards aus ca. 5 Meter hohen Räum-Robotern, deren künstliche Leiber, teils materialisiert, teils dematerialisiert, durch die Gegend fuhren …

Ihre Aufgabe war es, bei den Erdbewohnern ein unbestimmtes Gefühl des Unwohlseins zu erzeugen – jedes Mal, wenn sie sich intuitiv einem der Forschungsbeauftragten nähern wollten. Die Zeit durfte (noch) nicht aus den Fugen geraten, denn die Zukunft aller hing davon ab, daß die „Götter“ unerkannt ihre Absichten verfolgen konnten. Sie durften höchstens kuriose Visionen und Nightmares hinterlassen, die niemand auf der Ur-Erde beachten würde.

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Kommentare

21. Jan 2020

Lieber einen Räum-Roboter im Hause -
Als die nie aufräumende Frau Krause ...

LG Axel

21. Jan 2020

Forschungsbeauftragte meiden Night-Mare,
Nur Forscher durchwandern sie, doch kommen darin um.
LG Uwe

22. Jan 2020

Wie ich - ich komme bald in meinen Alpträumen um...
"denk ich an den Globus in der Nacht..."

LG Alf