Das Geschenk

von Monika Jarju
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Eine dünne Metalltür verschließt den Ausgang zum Hof. Ida zieht den Riegel aus dem ausgehöhlten Mauerwerk, tritt kräftig mit dem Fuß gegen die Metalltür und stößt sie auf. Im selben Moment läutet das Telefon. Sie geht hin und nimmt ab. Karin meldet sich. Ihre Stimme klingt bedrückt.
„Was ist los?“, fragt Ida.
„Er kommt nicht.“, sagt Karin verzagt. „Seit Weihnachten habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich wage mich kaum noch aus dem Haus, um ihn nicht zu verpassen“, sagt sie und seufzt.
„Es ist Ramadan“, versucht Ida sie zu trösten, aber es gelingt ihr nicht, auch ist sie mit ihren Gedanken woanders. Karin redet auf sie ein, betroffen hört sie zu. Sie biegt die Telefonschnur zwischen den Fingern und stöhnt leise auf. So läuft es zwischen uns von Anfang an, denkt sie, Karin redet und ich höre zu. Gelangweilt zeichnet sie mit dem Finger Muster auf die staubige Tischplatte. Der Staub fühlt sich angenehm weich wie Puder an.

Vor einem Jahr, auf der Suche nach einer geeigneten Wohnung, war Ida ihr begegnet. Karin hatte die Fünfzig weit überschritten. Strahlend vor Glück hatte Karin ihren Freund Abdul vorgestellt, einen spindeldürren langen Kerl mit einem verschlossenen Gesichtsausdruck, er trug Polizeiuniform, den sie im Urlaub kennengelernt hatte. Unbeirrt war sie Abdul, ihrer Leidenschaft, gefolgt, um ihren ereignislosem Leben in Deutschland zu entkommen, hatte sie gesagt. Diese Liebe und ihr Glück erschienen ihr neu und unbegrenzt. Sie wusch seine Sachen und kochte das Essen. Ab und zu kaufte Ida für sie ein und tauschte für sie Geld auf dem Schwarzmarkt. Noch nie hatte Karin so viel dafür bekommen. Wenn Abdul sie besuchte, legte er sich auf die Couch, schlief ein paar Stunden, dann verließ er sie wieder bis irgendwann. In mehreren Nächten klopfte Karin heulend an ihre Tür und jammerte: „Er ist nicht gekommen. Ich warte schon drei Tage.“
Ida versuchte sie zu beruhigen, aber ihr Freund Alimou lachte über Karin, meinte, wenn Abdul nicht kommt, erhält er kein Geld von ihr. Alimou erzählte Karin von der Ehefrau und den Kindern Abduls. Er bot ihr an, sie zu seinem Haus zu fahren. Ungläubig schüttelte Karin den Kopf. Ihr Freund war nicht verheiratet! Nein, das konnte nicht sein! Sie wollte es nicht glauben.

Karin redet unaufhörlich am Telefon, Ida hört kaum noch zu, sie versucht, sich ihren Ärger nicht anmerken zu lassen.
„Und was ist mit deinen Taxis?“, fragt sie dazwischen.
Karin wird plötzlich still.
„Was ist los?“, fragt Ida.
Karin räuspert sich, holt tief Luft und sagt tonlos:
„Er fährt meine Autos!“
„Was wirst du nun tun?“, fragt Ida.
Karin bricht in laute Beschimpfungen aus, sie schreit in den Hörer. Als sie wieder zu jammern anfängt, unterbricht Ida sie ungeduldig, und erzählt ihr einfach von dem Jobangebot.
„Ein lukrativer Job, vor allem gut bezahlt“, sagt Karin spitz. „Warum hat sie dich angerufen und nicht mich?“, fragt sie misstrauisch.
Ida fällt vor Verblüffung keine Erwiderung ein.
„Ich rufe dich später wieder an“, sagt Karin aufgebracht. „Es klopft an der Tür, vielleicht Abdul“, sagt sie hastig.
Verdrossen legt Ida auf. Heiligabend bei Karin kommt ihr in den Sinn. Abdul kam mit einer zerknüllten Plastiktüte. Er drückte sie Karin in die Hand und sah sie an.
„Was ist das?“
„Ein Geschenk.“
„Ein Geschenk? Für mich?“
„Für dich, meine Liebe.“
Karin öffnete erwartungsvoll die Tüte, doch Abdul schüttelte den Kopf, nahm sie ihr aus der Hand und zog ein rotes Kleid heraus. Er hielt es vor sie hin.
Karin sah ihn überrascht an. Sie lächelte verlegen, dann strahlte sie ihn an. Tränen traten ihr in die Augen. Sie berührte leicht den Stoff.
„Nicht anfassen“, sagte Abdul, „zuerst musst du mir vierhundert geben.“ Er streckte ihr die geöffnete Handfläche entgegen.
Karin sah ihn verblüfft an.
„Ich verstehe nicht“, sagte Karin, während Abdul sie schweigend betrachtete.
„Gib mir vierhundert Dalasi und das Geschenk gehört dir.“
Karin zwang sich zu einem Lächeln. Vielleicht war es irgend so ein afrikanischer Brauch, den sie nicht kannte. Sie sah ihm in die Augen, dann holte sie ihr Portemonnaie und kramte nach Scheinen. Sie breitete vier Scheine vor ihm aus.
„Bitte“, sagte sie und wies auf die Scheine, „nimm es, auch wenn ich nichts begreife.“
Abdul nickte, nahm das Geld und steckte es nachlässig in seine Hosentasche. „Ich muss los“ sagte er, klopfte ihr auf die Schulter und ging.
Karin stand wie erstarrt da und sah ihm nach, Tränen liefen ihr übers Gesicht.
„Und ich dachte, er liebt mich“, stößt Karin schluchzend hervor, sie weint nun hemmungslos.
Ida hatte die Szene sprachlos vor Entrüstung miterlebt. In ihr steigt Zorn auf. Abduls Grobheit ärgert Ida maßlos, ebenso Karins Leichtgläubigkeit. Häufig geraten sie wegen Abdul in Streit. Karin verteidigt ihn und beleidigt am Ende Ida. Sie will ihr nicht mehr zuhören, wenn sie so jammert. Und doch tut Karin ihr leid.

(Auszug aus einer längeren Erzählung)

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Kommentare

22. Jun 2018

Ein sehr guter Text, liebe Monika, der sprachlos macht. Das ist keine Liebe mehr, sondern Abhängigkeit, aus der Karin sich möglichst bald befreien sollte. Ich habe diesen Text mit Spannung gelesen und denke mal, Du hast die Story in dem obigen Buch "Von der Schönheit der Umwege" veröffentlicht, das ganz gewiss außerordentlich lesenswert ist.

Liebe Grüße,
Annelie

22. Jun 2018

Danke für Deinen Kommentar, liebe Annelie, mich erstaunt immer wieder, dass viele Frauen so leben. Andere Auszüge aus meiner langen Afrika-Erzählung habe ich bereits in "Von der Schönheit der Umwege" veröffentlicht, diesen Teil noch nicht, arbeite dran.

Frische Grüße durchs Land hin zu Dir, Monika