Mittsommertagstraum

von Yvonne Zoll
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Manchmal braucht es Zeit, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Nichtstun, Zeit zum Träumen. Und eigentlich ist es doch ab und zu einmal schön, gesagt zu bekommen, was zu tun ist, jemanden zu haben, der sich kümmert, sich sorgt, so dankbar im Umgang ist. Doch ist es so, wie es die Erinnerung zeigen und immer wieder wiederholen will, eine Frage, die sich wohl jedes Mal wieder stellt, wenn dieser eine Tag aus den Tiefen der Gedanken emporsteigt, der so außerhalb von Zeit und Raum schwebt und doch existiert, denn es ist ja wohl unmöglich, sich etwas, eine Begebenheit derart detailgetreu auszumalen, die so niemals geschehen ist. Und doch lieben wir diese Träume, Traumräume. Sehnen, ersehnen und hoffen auf die wirklichere Wirklichkeit, wollen, würden sie verwirklichen – und halten, festhalten, bis sie stille stehen und eingebrannt für Dauer außerhalb in unserer Zeit sind.
Für diesen einen sonderbar herausgehobenen Tag, der eine solch besondere Überraschung bereiten wollte, gab es zunächst dem Augenschein nach gar keinen Grund, sich zu freuen, es sei denn, das traumhaft angenehm warm-wolkig sonnige Wetter hätte Anlass zur Freude geboten, mit der Aussicht darauf, ein zwei freie Tage genießen zu können, die jedoch gleichzeitig auch mit der Wehmut des Abschieds verbunden gewesen wären, wenn da nicht noch die Aussicht auf ein oder zwei gemeinsame Stunden gewesen wären.
Soweit das Setting. Die nächste Perspektive richtet nun den Blick – ‚Wie romantisch-kitschig‘, würde so manch einer einzuwerfen sich wohl nicht enthalten können und dennoch: ist es nicht eigentlich das, wonach wir uns nicht alle irgendwo in einem wenngleich hinter verschiedenstem Gerümpel versteckten kleinen heimlichen Törchen unseres tiefsten Gedankenbrunnen uns einmal wünschen würden – auf eine gras- und sträucherbewachsene kleine Öffnung am Wegesrand, die, abgeschirmt von einer seit Ewigkeiten nicht besuchten Scheune, deren Wände gar langsam von Moosen und Efeu zu überwachsen beginnen, den Blick auf ein von schützenden Tannen umstandenes kleines herrlich sanft-verschleiertes blaues Wolkenhimmelsbild freigeben.
Und wenn dazu dann noch eine diesen Himmel spiegelnde Decke sich ausbreiten würde, auf welcher ein paar mit fachkundiger Liebe zubereitete zum Verzehr einladende Köstlichkeiten inclusive eines prickelnderfrischenden Getränkes von liebender Hand dargeboten würden, wer würde sich da nicht gerne in lukullische und dazu dargebotene literarisch-malerische Traumsequenzen begeben, sich in der Betrachtung bloßer Zehen, die mit über dem Waldwiesenstück wirbelnden Motten und Schmetterlingen einen regenbogenfarbenen Reigen tanzen, auf den nahen mit Holunderblüten gespickten Büschen zwischenzeitlich verweilend, verlieren?
Im Endlosen schweben auf einem Kopfkissen aus bemoosten Stein Köpfe, in einen gemeinsamen Himmel gerichtet, berühren sich zwei Seelen im leuchtenden Augenblick, um sich ineinander wiederzufinden, erneuern sie und finden ein Glück, das unausgesprochen im Versprechen blanker Blicke in einem vom hellgrünen Sonnenschein gesprenkelten Augenblick sich herauskristallisiert.
Da muss gar nicht mehr über lauschimmernde Haut, behutsam lind flüsternde in schillerndes Papier verpackte schöne – Wörter und Geschichten – gesprochen werden, die durchaus nicht als Wunder gelten könnten, auf die Liebende, um Proust zu bemühen, immer hoffen dürfen, und die gerade weil sie die realen Grenzen zu sprengen in der Lage sind, in eine magische Welt einzuführen vermögen.
Wenn dazu noch die wahrhaft herausgehobenen Momente sich in einer Perle an einer Schnur gleich einer Kette schöner und schönster Perlen im Jahresdurchlauf verlieren und doch wiederfinden lassen, so mittsommer- und tagträume ich in diesem meinem Leben gerne wieder und wieder und weiter!

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