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MODERNE KAFFEEZEITEN

Bild von ffolcus
Bibliothek

Wo früher gedrückt wurde, wird heute berührt. Berührt, nicht gedrückelt - um mit Bond’scher Martinizubereitungsanalogie zu sprechen. Aber in folgendem Fall ging es nicht um Martinis, sondern schlicht und einfach um das Erheischen einer Tasse Kaffee.

Der saarländische Rundfunk, meine alte Achtzigerjahre-Wirkungsstätte, hatte sich wieder einmal gemeldet gemacht, eine Mitarbeiterin der Saarlandwelle hatte mich per Facebook um ein Interview gebeten, telefonisch war der Termin dann für drei Tage später 11 Uhr morgens festgesetzt worden. Ich war also auf den Halberg gefahren, mit viertelstündiger Zeitpufferzone, um eventuell verzögernden straßenverkehrstechnischen Eventualitäten vorzubeugen wie Baustellen, Staus, Unfallzonen. Wie ich’s immer mache, denn nichts ist mir unangenehmer als ein unfreiwillig eingeschobenes akademisches Viertelstündchen.

Es gab auch diesmal wieder weder Staus, Baustellen noch Unfallzonen auf der Strecke, also war ich um eine Viertelstunde früher auf dem Sender. Sozusagen zu früh. Was tun? Nichts ist am Vormittag ergötzlicher, als sich ein feines Tässchen Kaffee hastlos und genüsslich hineinzuziehen. Hinein also in die Kantine, zur Selbstbedienungskaffeezapfanlage.

Wo man ganz früher, vor zwanzig Jahren noch, einen Knopf fand, um an die schwarze Brühe zu kommen, gab es später, vor zehn Jahren ungefähr, mehrere Knöpfe. Da waren dann zwischenzeitlich zusätzliche Kaffee-Zubereitungsarten im Automatenprogramm, Cafe Crema, Latte Machhiato, („Kaffee Krämer“, „Latte Machiavelli“, ha ha, Tschuldigung!), Espresso, Cappuccino, ebenso nun auch Chocolate, Mischung Café-Chocolate, mit Sahne, ohne Sahne, mit Zucker, ohne Zucker, heißes Wasser, heiße Milch, was weiß ich alles! Jedenfalls konnte man sich etwas auswählen, man drückte den entsprechend vorhandenen Knopf und bekam das, was man wollte.

Im nun aktuellen Fall jedoch, in der Kantine des SR, gab’s keine Knöpfe mehr. Ich nahm mir also eine Tasse mit Unterteller und stellte sie unter der Ausflussöffnung auf den Edelmetallrost - alles vom Feinsten, klar - und wollte meinen Kaffe per Knopfdruck hervorlöcken. Da standen zwar – jedoch so klein, dass es mir ohne Lesebrille zu erkennen nicht möglich war - die angebotenen Variationen angeschrieben, aber wo sollte ich drücken? Nixe de Knoppe! Wie der Italiener sagen würde.

Mein druckbereiter rechter Zeigefinger schwebte nun über die einzelnen Disziplinen von oben nach unten, von unten nach oben, nach rechts und nach links und wieder diagonal nach unten; ich wollte doch nur einen normalen Kaffee, der jedoch war prima vista nicht eruierbar. Mein Finger schwebte weiter, näherte sich auch etwas mehr dem Operationsfeld und .... daaa! Den Mechanismus musste ein geheimer Impetus, irgendein Elektriktrick, erreicht haben, denn: hellbrauner Kakao floss in meine Tasse.

Ich wollte eigentlich Kaffee trinken. Mein Finger hatte - in fact - ein hochsensibles Bestell-Desktop mit Touchscreen-Trigger berührt, für mich zwar unspürbar, aber wohl ausreichend genug, um Kakao in heiße Abwärtsbewegung zu setzen. Und der ließ sich ab sofort nicht mehr aufhalten. Er floss in die Tasse, der Level hob sich, stieg an bis zum Rande. Schon jetzt wäre es zu einer Sache hoher Geschicklichkeit geworden, das Gefäß über die Kasse hin zum Tisch zu balancieren.

Allein, der Plantagentrank dachte nicht daran, nicht mehr zu fließen, ihm schien dieses sein kakaokatarrhaktische Imponiergehabe zu gefallen. Die Tassenobergrenze ignorierend, floss er darüber hinaus in die Untertasse, nach dem Erschöpfen des Fassungsvermögens ging’s munter weiter durch den Edelmetallrost in die unterste Auffang-Etage. Besen, Besen, sei’s gewesen! Nein, der Kakao floss weiter...

Inzwischen war mir der Gedanke gekommen, dass wohl für Kakao eine größere Tasse, so eine Art „Pott“ angedacht war. Hätte ich’s gewusst, hätte mir der Automat vielleicht was gesagt - warum sollte er nicht etwas sagen können, heute ist doch alles möglich, wir haben doch auch Internet und eine begehbare Weltraumstation - ich hätte einen Pott untergestellt. Aber ich wollte ja gar keinen Kakao. Ich wollte ein Tässchen Kaffee!

Die Überschwemmung stoppte unversehens. Ich goss etwas ab - per Edelmetallrost in den Untergrund, auch die Untertasseneinflutung, nahm mir eine Papierserviette, um meine brünetten Schokoladenfinger abzutupfen, und begab mich vorsichtig zur Kasse. Der Dame dort schilderte ich den Sachverhalt, die Dramatik der Geschichte gefälligerweise etwas bagatellisierend, und sie zog mir preisnachlassmäßig lächelnd den Kakao mit nur achtzig Cent ab. Wohlgefallen meinerseits, danke!

Nun weiter zum Tisch. Eine weitere, ja, noch zwei weitere Servietten waren nötig, um dem Tisch vom Überschwapp sowie den Unterteller und den äußeren Tassenboden zu säubern. Ich trank dann den Kakao, bildete mir ein, es sei Kaffee und genoss meine Einbildungskraft. Bevor ich ging, holte ich gleich drei Papierservietten auf einmal, um den Tisch, wie sich’s gehört, von den letzten Resten herabgetropfter brauner Flüssigschokolade zu reinigen. Daraufhin begab ich mich ins Studio. Das Interview selbst war dann nur noch ein ergänzender Klacks von allem und - schwupps! - wie gewohnt - im Kasten.

vcj