Kintsugi

von Maya Aditi Pichlhöfer
Mitglied

Du stehst wieder einmal schreiend vor mir, während ich mit stummen Blick in dein Gesicht starre.
Aufgrund deiner Wut gleicht es mehr der Fratze eines entstellten Ungeheuers, als einem Menschen.
Wortlos beobachte ich nun weiter, wie du mit deinen Händen wild vor meinem Gesicht gestikulierst und mich mit barscher Stimme dazu aufforderst, etwas dazu zu sagen.
Mit meinen angsterfüllten Augen bin ich nun ein Monument des Schweigens geworden.
Ich habe es hier hergestellt, um meine Kapitulation bekannt zu geben.
Selbst die Worte, welche ich für meine Verteidigung aussprechen will, haben sich gegen mich gewandt.
Sie schmerzen mich wie ein Knoten ineinander gewundener Schlangen, welche in meinem Hals kriechen und zucken.
Das Gefühl zu ersticken überwältigt mich.

Ich spüre immer stärker, wie sich die Schlangen in meinem Hals festbeißen und mir dort tiefe Wunden zufügen.
Mein Blut besteht aus dicken, schwarzen Tropfen, welche von meiner Kehle aufsteigen und mich zu verschlingen drohen.
Ich versuche dagegen anzukämpfen, doch das Gefühl der Ohnmacht wird immer überwältigender, bis ich mich ihm schließlich beugen muss.
Meine Wangen sind die mit Tau benässten Felder, auf denen ich nun Zuflucht nehmen will.
In dem kalten, feuchten Gras ertauben meine Füße, während die Finger längst erfroren sind.
Deine Stimme reißt mich plötzlich aus dieser Trance und ich brauche einige Sekunden, um zu verstehen, was du sagst.
Du sagst, dass ich aufhören soll zu weinen und erst da merke ich, wie mir Tränen über die Wange liefen.
Ich bin verärgert darüber, dass du noch vor mir stehst.
Ich wünsche mir so sehr, dass du mit dem Schreien aufhörst.

Aber Monumente sprechen nicht für sich selbst.
Sie sind einsame Zeitzeugen, die uns keine Antworten auf unsere Fragen geben.
Das Monument schreibt Briefe nach Bethlehem und hofft auf seine Versetzung in das Land der Wunder.
Dein Mund formt nun den Satz: „ Du bist eine dreckige Nutte, hörst du mich?
Es war so klar, dass du dich von diesen Spasten gleich begaffen lässt.
Wer war der Typ, mit dem du dort geredet hast? Lüge ja nicht, meine Freunde haben dich dort gesehen. Du Schlampe“.
Der Rest der Worte verschwindet in dem Rauschen des Waldes und der Wiese, die mir nun keinen Schutz mehr bieten können.
Ich muss in die Realität zurückkehren.

Da meine Füße ja noch nicht gänzlich erfroren sind, stürze ich mich also nun von dem Abgrund meiner Fantasie in die Wirklichkeit des Lebens.
“Ich war doch nur schwimmen …“, krächze ich leise mit gesenktem Kopf.
Die Schlangen in meinem Hals protestieren und verursachen beim Sprechen Schmerzen in meinem Hals.
Ich fühle mich so, als könnte ich bald gar nichts mehr sagen.
„Viele Menschen gehen im Sommer schwimmen.
Es ist eine vollkommen normale und natürliche Angelegenheit.
Du hast kein Recht dazu, mich deshalb so zu beschimpfen“, füge ich noch weiter in meinem Kopf hinzu, während ich äußerlich schön brav meinen Mund halte.

Niemand konnte mir, bis jetzt sagen was geschehen würde, wenn du vollkommen die Beherrschung verlierst, also riskiere ich lieber nichts.
Neben dir sitzt ein junger Mann, der einen schwarzen Kapuzenpullover trägt.
Sein Gesicht ist ausdruckslos und er sieht nicht in meine Richtung.
In meiner Fantasie stelle ich mir nun vor, wie er aufsteht und laut sagt: „ Lass sie in Ruhe! Du kannst sie nicht wie Scheiße behandeln, das hat sie nicht verdient.“
Natürlich tut er das nicht, sondern ignoriert weiter meine Hilfesuchenden Blicke.
Er nimmt einfach sein Gras und füllt seine Bong.
Das ist seine Art von Zuflucht, seine Art von Scheuklappen, mit der er die lästigen Fliegen des Alltags verscheuchen kann.
Bin ich so eine Fliege für ihn?

Ich mag die Benommenheit die das Gras verursacht nicht, aber manchmal, wenn die Schlangen sich bis zu meinem Magen graben, rauche ich es trotzdem.
Die Schlangen sterben davon.
Ich stelle mir nun vor, wie du deine Hände nimmst und mich damit totschlägst, während dein Freund weiter kommentarlos neben dir sitzt. Vielleicht würde er dir auch dabei helfen.
Ich vergesse seine Geschichte nicht, welcher er mir in der Dunkelheit zugeflüstert hat.
Das tote, ausgeweidete Tier in seinen Händen und er, wie er darüber kniet. Ich kenne seine Dunkelheit, aber ich möchte sie nicht beleuchten.
Schließlich beendest du deinen Angelausflug.

Das Dynamit ist aufgebraucht und du wendest dein Boot zur Heimkehr.
Mein Gewässer liegt in vollkommener Zerstörung hinter dir.
Hier wird kein Lagerfeuer gemacht, um Steckerlfische zu braten und niemand lauscht den Vögeln.
Alles was man hier tut, ist Gewalt und die möchte man nicht mit sich nach Hause nehmen.
Die zuschlagende Tür hinter dir ruft mich wieder in das Hier und Jetzt zurück.
Du hast mit deinem Freund die Wohnung verlassen und mich hier alleine sitzen lassen.
Ich fühle mich wie ein gedemütigter, geschlagener Hund.
In mir platzt alles vor Zorn und Scham.

Ich bin so erfüllt von diesen Emotionen, dass ich kaum einen klaren Gedanken fassen kann.
Ich muss an deine Worte denken und lasse sie immer wieder und wieder in meinem Kopf vorbeilaufen, wie eine Filmszene die ich nicht begreifen kann.
Du, wie du mich im Supermarkt anbrüllst, weil ich mich nicht entscheiden kann, was ich essen will.
Wie du schreist, weil ich dir widerspreche oder einfach nur, weil dir meine Art und Weise zu essen nicht gefällt.
“Wenn du dich wie eine Scheiß Ratte benimmst, muss ich dich wie eine Ratte behandeln”, hatte er einmal gesagt.
Aber auch dasselbe, nur, dass ich ein Hund bin. Bin ich jetzt ein Hund oder eine Ratte?
Diese Gedanken brüllen mich immer noch an, obwohl du selbst längst damit aufgehört hast mich anzuschreien.
Ich will die Wohnung verlassen.

Ich muss unbedingt raus hier und überlege panisch, wie ich entkommen kann, denn du hast die Tür hinter dir verriegelt.
Der Gedanke vom Balkon zu springen wird immer verlockender.
Irgendwann wechselt sich diese Angst in Gleichgültigkeit.
Mein Geist schwebt in die Ferne, während mein Körper beinahe gefühllos in Watte gehüllt vor sich her tanzt.
Ich sitze immer noch auf Coach, doch ich nehme den Stoff darunter nicht mehr wahr.
Meine Hände ruhen auf meiner Haut, aber ich spüre ihre Bewegung nicht.
Es fühlt sich an wie die Narkose, welche beim Zahnarzt das Zahnfleisch in einen fremdkörperartigen Fleischberg verwandelt.

Ich fange also damit an, gegen diese taube Haut zu schlagen.
Nachdem das Schlagen keine Besserung bringt, schneide ich nun in mein nacktes Fleisch.
Ich fühle ich mich wie berauscht.
Es ist der Schlag ins Gesicht, den ich brauche, damit ich nicht den Verstand verliere.
Der Schmerz, der darauf folgt, fühlt sich gut an und beruhigt mich.
Ich sehe dem Blut dabei zu, wie es aus der Wunde fließt, und genieße das Ziehen der offenen Stelle.
Mein Herz beruhigt sich langsam und ich habe das Gefühl endlich wieder atmen zu können.
Mein Körper fällt auf die Erde zurück, aber das tollwütige Rasen ist verschwunden.
Plötzlich höre ich, wie du zurückkommst, und verstecke rasch die blutigen Stellen.
Ich erlaube es dir nicht zu sehen, wie sehr du mich demütigst.
Irgendwann bist du dann wieder da, doch ich bin meilenweit vom Erdboden entfernt.
Ich sehe nur deine blauen Augen, welche mich entsetzt anstarren.
Die Schlangen in meinem Hals sind still, weil auch sie Angst vor dir haben.
In diesem Moment sind sogar diese Augen schön.
Du leerst nun Eimer für Eimer an gebrochenem Glas über mir aus.
Du sagst, dass es dir leidtut und das ich dir verzeihen soll.
Wer soll dir verzeihen?

Wie grotesk ist es doch, sein Opfer zu ermorden, um es dann um Vergebung anzuflehen.
Siehst du meinem Körper hier irgendwo liegen?
Wenn es keine Leiche gibt, kann man auch niemanden des Mordes anklagen.
Daher nicke ich langsam.
Ich verzeihe dir zwar nicht, aber was macht das für einen Unterschied, wenn man nichts mehr fühlt?
Du bist eines der schwierigen Kinder, die in ihrem kindlichen Zorn eine Porzellanvase niederwerfen und sich dann schmollend in ihr Spielzelt verziehen.
Dort bleibt das trotzige Kind, bis es von der schimpfenden Mutter ermahnt wird.
Nun soll es das Verbrechen beseitigen und versucht noch naiv die zerbrochenen Stücke wieder zusammenzusetzen, bis es sich schneidet und die Scherben erneut erbost in den Mülleimer schleudert.
Weder ich noch die Vase war jemals ein Puzzle, dass man nach Belieben zusammenflicken kann.
Du riechst nach Alkohol, als du mir immer näher kommst.

Ich bin auch betrunken, weil das Fallen im Wasser weicher ist als in der Luft.
In meinem Gedankenschloss vergeht die Zeit beinahe spurlos.
Das Einzige, was meine Ruhe hier stört, ist dein nackter Körper, welcher auf meinem liegt.
Ich versuche es auszublenden.
Mein Körper ist sehr gut darin, ohne mich zu fahren.
Er tut das, was er gelernt hat und ich treibe daneben im Wasser.
Die Art und Weise wie du meinem Körper benutzt fühlt sich wie eine Bestrafung an.
Ich frage mich, wer je behauptet hat, dass Liebe und Sex etwas miteinander zu tun haben.
Ich würde dich gern zu mir ziehen, um dich in meiner Seele ersticken zu sehen.

Nachdem du gekommen bist, liegst du erschöpft neben mir, während ich aufrecht im Bett sitze und meine dritte Zigarette rauche.
Ich inhaliere den Rauch gierig ein, während ich dich beobachte.
Natürlich hast du nicht gefragt, wie es mir gefallen hat.
Du müsstest jedoch blind sein, um nicht zu erkennen, wie ich dabei innerlich sterbe.
Morgen werde ich dich verlassen.

©Maya Aditi Pichlhöfer

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Kommentare

24. Aug 2018

Gerne gelesen, wunderbare Sprache - willkommen auf LiteratPro! Viele Grüße