Feuer im Casa Ciro - was it arson? - Page 6

von Laura von Meyer
Mitglied

dass er nur noch wenige Wochen zu
leben hat, und ihn so gern noch einmal sehen wuerde.
Peter ist nach Sidney geflogen, und hat mit seinem Freund
die letzten Wochen seines Lebens verbracht. Sie haben alle Orte
aufgesucht, die fuer sie beide und ihre Freundschaft von Bedeutung waren.
Nach der Beerdigung ist er zu seinen Geschwistern nach Perth
weitergeflogen.
Manchmal denkt er daran, dazubleiben.
Aber seine beiden Soehne und ihre Familien leben in Europa
und ueben auch eine gewisse Zugwirkung auf ihn aus.
Der juengere Sohn lebt mit seinen Toechtern und seiner Frau
in der Naehe von Bordeaux und stellt Surfbretter her,
der aeltere Sohn arbeitet in einem Gebaeudeueberpruefungs- und Einwertungskomitee , und hat 3 Kinder.
Benjamin, den Drummer, die kleine Melanie ,mit den taillenlangen feuerroten Haaren, und Richard, dem mittleren
zwischen den beiden. Sie leben 15 Meilen entfernt von Peter.
Ich nehme an, es sind seine Kinder, die ihn hier halten, und von denen er nicht annimmt, dass sie nach Ausstralien uebersiedeln werden, wie einst er und seine Geschwister.

Es ist eigenartig, was fuer eine Wirkung, Wissen ueber eine Person ausueben kann.
Der Fremde, schnell etikettiert, und noch schneller in eine Schublade geworfen, erweckt weder Sehnsuechte noch Mitleid
Er ist hoechstens laecherlich, aufdringlich oder laestig.

Da ich beschlossen hatte, standzuhalten, musste ich auch ueberlegen, wie
Ich fragte Peter, ob er auch eine Einladung erhalten hatte.
Er hatte.
Ich fragte ihn, ob wir zusammen hingehen koennten.
Er bedachte mich wieder mit einem dieser kurzen abschaetzenden Blicke, welche Art von Irrsinn diesmal meinem Kopf entsprungen sein moechte, und ob ihn das was kosten koennte (neue Sprechanlage, neues Schloss usw)
Nachdem er wohl zu einem beruhigenden Ergebnis gekommen, sagte er , ja , natuerlich .
Peter , sagte ich, normalerweise, kann ich das nicht, irgendwo hingehen, wo Leute sind, und mich dort mit ihnen zusammen aufhalten, (es sei denn, ich bin beruflich unterwegs)
ohne erkennbaren Grund, eben nur so, zur Kommunikation
ohne bestimmtes erkennbares Ziel.
Alle Begegnungen arteten immer in einen kollektiven Zustand erhoehter Risikobereitschaft zu allem moeglichen duldete keine Aussenseiter und liess keine Verweigerer zu, ohne sie nicht empfindlich abzustrafen oder zu vernichten.

Peter hatte das irgendwie begriffen. Da alles kostenlos war, Speisen und Getraenke, war es komplett gefahrlos, mich dort mit meinen Aengsten zu betreuen.
Er wich nicht von meiner Seite, und stellte mich den Nachbarn vor, ich wusste ja nicht mal, wie Mike, der Einlader aussah,
und arrangierte einen kleinen Zweiertisch fuer uns zum Essen,
was sehr gut ertraeglich war, weil ich die Situation, mit Peter zu essen, ja schon kannte.
Das Bueffet war so furchterregend (gepoekeltes Schweinefleisch in Bergen von Gelee und eiskalte Nudelsalate), das Peter beim Anblick dieser Scheusslichkeiten in den Ausruf ausbrach, Schade, dass Hektor nicht da ist.
Hektor war mein Hund.
Am langen Nachbartisch sassen mehrere Frauen, die sich lebhaft mit Peter unterhielten. Ich war nicht in Lage, den Inhalt der Unterhaltung verstehen zu koennen. Ich versuchte so eine Art
interessiertes, freundlich gestimmtes Dauerlaecheln und liess meinen Blick moeglichst ausgewogen leuchtfeuerartig ueber die Wasserflaeche des Nachbartisches gleiten.
Das Darstellen dieser sanften, zurueckhaltenden Neutralitaet hat mich so angestrengt, dass ich in Schweiss ausbrach.
Peter beendete seine Unterhaltung mit den englischen Grazien
und lud mich unvermittelt fuer den Anfang des Neuen Jahres in das Casa Ciro ein.
Das war sehr suess von ihm, und sehr untypisch.
(Im Nachhinein muss ich zugeben, dass er die Einladung nach
dem Genuss von mindestens einer halben Flasche Rotwein ausgesprochen hatte.)

Das Casa Ciro stellte sich im Internet als der Gewinner als Bestes Restaurant des Ortes aus dem laufenden Jahr vor
Es lag direkt an der Promenade, vielleicht 10 min Fussweg von uns aus.
Von aussen war es , wie alles hier, nur durch Farbe zusammengehalten, staubig und unbelebt, wie das Antonio’s auch, aber jedesmal, wenn ich jetzt daran vorbeiging,
auf meinem Weg in den Ort taeglich zweimal mindestens, musste ich an Peter und seine Einladung dahin denken.

Die Wochen zogen ohne weitere Praezisierung eines Zeitpunktes dahin. Wir wechselten ein paar Worte auf dem Flur, wenn wir uns trafen, Peter streichelte Hektor, und manchmal winkte er aus dem Erkerfenster, wenn ich nach Hause kam und dran vorbeiging.
Aber auch nicht immer.
Manchmal sah er auch betont in seine Zeitung und reagierte nicht auf Winken.
Das brachte mich auf die Idee , das dieser kuzbeinige Held in der Brandung, unter Stimmungsschwankungen leiden koennte.
und dass die Einladung eine kuehne Ausgeburt des Alkoholgenusses gewesen war,
keineswegs von der Idee geleitet, die Beziehung zu einer netten , zurueckhaltenden, dezenten aelteren Dame zu vertiefen.
Immerhin bin ich 10 jahre juenger als er ...aber ab einem gewissen Alter ist man nie mehr juenger als der Mann
Im allgemeinen, ab ca vierzig +/- 10 je nach auesserlichem Erhaltungszustand hoert die Alterszaehlung auf und weicht dem kategorischem „out of data anyway“
Diese Regel kann nur die Herzogin von Alba durchbrechen, und auch sie war nicht sehr erfolgreich dabei.
Also ja, es schlich sich in meinen Kopf die Vorstellung ein,
wieder mal versagt zu haben.
Kleine alte ausgemusterte englische Fallschirmspringer ohne jede Qualifikation als perverser Geiz – nicht einmal diese
finden irgendeinen Sinn darin, mit mir auf ihre Kosten essen au gehen.
Ende Januar war mir klar, dass diese Einladung nicht mehr kommen wuerde.
Der Gesichtswinkel, aus dem ich unser nachbarschaftliches Verhaeltnis gesehen hatte, hatte sich unmerklich durch die
von mir sehr stark empfundene Zurueckweisung gewandelt.

Zunaechst einmal summierte ich immer wieder gebetsmuehlenartig saemtliche mir seit Jahrzehnten zur Verfuegung stehenden Schoenheitsfehler auf, zu denen sich noch erschwerend die Einwirkungen des Alters auf den Koerper gnadenlos gesellten. (Die Schwerkraft und der generalisierte Hormon/Hyaluron/KollagenVerlust unter anderem)
Sie waren mir einfach wieder mehr praesent, nachdem ich sie
eigentlich hier in England voellig aufs Abstellgleis emotionaler Empfindlichkeiten geschoben hatte.
Der Anblick des wunderbaren Aermelkanals machte dem verzweifelten Blick in den Vergroesserungsspiegel Platz
mit verheerender Wirkung
Manchmal erreichten mich auch die Stimmen der Vernunft
wie die Sirenen von fernen Gestaden, so suess ihr Gesang auch war, die harte Realitaet blieb , er lud mich nicht zum versprochenen Dinner ins Casa Ciro ein.
Was wollte ich denn von diesem in die Breite gegangenen Gartenzwerg, der sich in seiner Jugend voller Gottvertrauen regelmaessig aus Flugzeugen werfen liess und im Alter zu bloede war, auszurechnen, dass es weniger als 1 `Pfund kostet eine Eco -Birne 1 Jahr ununterbrochen brennen zu lassen,
Wenn das Kartenspielen mit Anthony Hopkins am Set zwischen den Drehpausen zu den Highlights seines Lebens gehoert und
das fehlerhafte Zurueckstellen der Muelleimer nach Entleerung auf den dafuer von ihm vorgesehenen Platz ein Sakrileg war,
muss ich da nicht eher fuerchten, er koenne seine Drohung wahr machen und mit mir essen gehen und die geschaetzte Unsumme von 30-40 Pfund ausgeben, was koennte er dafuer in dem ihm eigenen Koordinatensystem an Wertigkeiten von mir verlangen wollen?
Nicht auszudenken, wenn man es in Wattstunden rechnet,
das ist die Beleuchtung eines 75 Zimmerschlosses einen ganzen Monat lang einschliesslich Aussenstrahlern.

Welchen Affentanz muesste ich dafuer auffuehren?
Gelegentlich rufe ich mir die Ausgangsposition ins Gedaechtnis zurueck:

Ich wollte eine vertrauensvolles, freundliches nachbarschaftliches Verhaeltnis, das nicht von irgendwelchen
Geschlechtlichen Zuordnungen gepraegt ist.

Es ist nett, wenn ich ihn im Gefahrenfall anrufen darf und nicht noetig, regelmaessig zu den „the news at 6“ ein Abendessen zu bereiten und auf seinem formlosen braunen abgesessenen Ledersofa taeglich anschliesssend seine Kommentare dazu zu ertragen..

Es ist sehr suess, mit ihm beim Hereinkommen ein paar unver=
bindliche Freundlichkeiten auszutauschen, und dann nach oben verschwinden zu koennen, um die stets juckende Peruecke vom Kopf zu reissen, den permanent kneifenden Buestenhalter zu entfernen, sowie die Tena zu wechseln,( wenn Sie einmal so weit sind, waechst Ihnen ein voellig neues Verstaendnis fuer das selige Laecheln von frisch gewickelten Babies zu.)

Nachdem er den Bericht auf BBC 1 ueber die Qualitaet von Beuteltees in Hinsicht auf ihr Preisleistungsverhaeltnis auswendig gelernt hat , wuerde er kein Verstaendnis mehr fuer meine taegliche Leidenschaft fuer frisch gepressten Ingwertee haben, in den auch auch eine frisch ausgedrueckte Zitrone kommt.

Den ganzen letzten Sommer ueber habe ich ihn bestimmt
dreissig Mal beim Hineingehen ins Haus in dem zu seiner Wohnung gehoerenden Vorgarten sitzen sehen, nicht ein
einziges Mal hat er mich auf ein Heissgetraenk, oder ein markenloses Mineralwasser eingeladen unter seinen gruen-verblichenen Sonnenschirm.

Das ist mir im Sommer gar nicht aufgefallen, aber jetzt, wo ich auch an die netten englischen Damen mit dem dichten Haarwuchs denken muss, die ihn ein paar mal besucht haben, sehe ich das natuerlich schon anders, und durchaus quaelender.
Wenn ich es noch einmal zusammenfassen darf:
Ich graeme mich, taeglich mehr und im Zeit- und Schmerzaufwand stetig zunehmend, ueber die Tatsache, dass mein Nachbar mir unter Alkoholeinfluss vor drei Monaten versprochen hat, mich zum Essen ins Casa Ciro auszufuehren und das Versprechen nicht einhaelt und sich auch nicht dafuer entschuldigt oder dies begruendet.
Greame Simsion wuerde dieses als ‚the peter promise dining problem’ bezeichnen.
Aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter, ich werde weder ein
The Peter Projekt noch ein The Peter Effekt Buch schreiben
Ich bin kein Semi Autist und leide nicht unter Asperger’s Syndrome
Ich leide unetiquettiert und anscheinend freiwillig.

( Ich wuerde als stark ins Vorhinein projizierte moegliche finale Folge dieses Essengehens weder mit ihm Koerperfluessigkeiten austauschen, noch ihn heiraten wollen und fuer den Rest meines Lebens Tetley Tee trinken (more value for your money) und den korrekten Sitz der entleerten Muelleimer zu einer meiner Hauptlebensziele machen wollen.
So dringend brauche ich die englische Staatsangehoerigkeit auch nicht.

Was zum Teufel verschafft mir –in Hinsicht auf eine Einladung, deren unausweichliche Konsequenzen ich doch gar nicht anstrebe,- schon wieder dieses demuetigende Gefuehl des Ungenuegens?
(ich sollte an dieser Stelle vielleicht einmal zugeben, das ich im Bauarbeiter- nachpfeif-score bei einer Bewertungsscala zwischen 1 und 10 bei -10 liege.)
Seit der ersten Tanzstunde mit 14 Jahren, in der ich permanent nicht aufgefordert wurde und staendig mit dem Sohn des Tanzlehrers tanzen musste, der mich mit goennerhaften, fruehprofessionellem Eintaenzergrinsen im Kreis schwang, wie einen laestigen Lumpen, habe ich vergeblich auf noch die zartesten Begehrlichkeitsbeweise des anderen Geschlechtes gewartet.

Ich hatte mir auch nun eingebildet, ich bin mit allem durch,
lebe ganz gemuetlich und friedlich mit meinem dreibeinigen Hund und meiner grossen Kiste xxl tena vor mich hin bis der
liebe Herrgott den Schlusspfiff anstimmt
(endlich dann mal einer...)

Und was ist, bei der ersten Gelegenheit, mich wieder beleidigt fuehlen zu koennen, schlage ich erbarmungslos zu.

Ein abgebranntes Casa Ciro ist schliesslich ein Versprechen, was man nicht mehr einhalten kann.

So sorry for that

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