Herr Sander

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Diese Hand ist nicht meine. Sie gehört einem fremden, schönen und starken Mann. Diese Hand fährt zärtlich über meinen Unterarm, gleitet sacht über die Härchen, die sich sogleich aufstellen. Ein wohliger Schauer fährt mir über den Rücken und ich lege den Kopf in den Nacken, schaue nach oben, durch die Decke, direkt in einen blauen Himmel. Jeder Muskel meines Körpers ist jetzt angespannt. Die Hand wird fordernder, legt sich auf meinen Oberschenkel, fährt zunächst zögerlich, dann bestimmt an ihm hoch. Fingerspitzen tauchen unter den Bund des Höschens, fahren in die Höhle, die feucht und warm wird. Schon füllen zwei Finger meinen Schoß aus, jede ihrer Bewegungen ist präzise und doch liebevoll. Die Hand weiß was sie tut. Sie überträgt Energie. Ihre Hitze staut sich am Eingang und entlädt sich dann über die Finger ins Innere meines Körpers. Das Feuer, die Flammen erfüllen mich durch und durch. Schweiß perlt auf meiner Haut. Ich glühe, ich brenne, es lodert überall. Ich komme. Ich schreie.

Ich verglühe, das Feuer erlischt. Ich komme zur Besinnung, bin wieder da, schwer atmend, aber bei Bewusstsein. Ich bin allein. Die künstlich entfremdete Hand ist meine, ich erkenne sie wieder, nehme Kontakt auf.

Der schöne, fremde und starke Mann. Es hat ihn nie gegeben. Ich stehe auf und mache mich fertig für die Arbeit.

*

6.15 Uhr. Ich sortiere die Medikamente mit Minh-Vi. Sie ist nett und süß, aber hilflos. Sie möchte immer alles richtig machen und macht doch vieles falsch. Mit ihrem strahlenden Lächeln und der zierlichen, aber femininen Figur, macht sie einiges wett. Auch bei den Bewohnern, vor allem den männlichen.
„Musse noch lernen“, sagt sie. Ich lächele zurück und denke an Herrn Sander, den Minh-Vi gleich waschen, anziehen und zum Frühstück in den Aufenthaltsraum bringen soll.

Ich erinnere mich an den Tag, als er zu uns kam. Wie er plötzlich im Flur stand: groß, drahtig, im marineblauen Anzug und mit einem wachen Blick. Er hatte keine Koffer dabei und wirkte auf den ersten Blick wie ein Mann Anfang siebzig.
„Zu wem möchten Sie denn?“, fragte ich ihn, in der Annahme, er besuche hier jemanden.
„Zu Ihnen!“, erwiderte er mit seinem dunklen Timbre, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
„Papa!“, kam es plötzlich von der Eingangstür. Ein Mann Ende vierzig, gutaussehend, kräftig und noch ein bisschen größer als sein Vater, stolperte mit einem Rollkoffer herein und gesellte sich zu uns.
„Guten Tag“, sagte er, an mich gerichtet. „Ich bin Frank Sander, das hier ist mein Vater Oskar Sander. Er ist ab heute Bewohner hier.“
„Ach so“, lachte ich. „Na dann kommen Sie, ich bringe Sie zur Rezeption, oder noch besser, zur Heimleitung.“
Die beiden Männer folgten mir gehorsam. Auf dem Weg zur Chefin sah ich mich nur einmal nach ihnen um. Sie lächelten mich an, ich lächelte zurück und erkannte den alten im jungen Mann und umgekehrt. Beide wirkten wie Figuren aus einer Filmwerbung für Altersvorsorge. Dynamisch, gefasst, souverän und mitten im Leben stehend. Ich verspürte Neid auf und Ehrfurcht vor dieser Familie, die einer alten Linie zu entstammen schien und etwas darstellte.

„Guten Morgen, Herr Sander“, sage ich fröhlich, als ich mit Minh-Vi das Zimmer betrete.
„Guten Morgen, Frau Roth“, erwidert er, im Bett liegend, von seiner Zeitung aufsehend.
„Gutte Mogge, He Sande!“, sagt auch Minh-Vi, und ich empfinde sie plötzlich als störend. Die Atmosphäre ist dahin.
„Frau Nguyen wird sie heute morgen waschen“, sage ich und meine, einen Hauch von Enttäuschung auf seinem Gesicht zu erkennen.
„Einverstanden“, erwidert er.

In den ersten sechs Monaten nach seiner Ankunft konnte Herr Sander sich noch alleine waschen. Überhaupt war er sehr rüstig. Wenn ich morgens in sein Zimmer kam und er mit nacktem Oberkörper am Waschbecken stand, erinnerte er mich an Clint Eastwood in ‚Die Brücken am Fluss’. Verlebt, ungewaschen, und doch eine imposante Erscheinung. Dann jedoch war er von der Treppe im ersten Stock gestürzt und hatte sich einen komplizierten Wadenbein- und Schienbeinbruch zugezogen. Der anschließende Genesungsprozess hatte länger als erwartet gedauert und danach hatte er Mühe, sich länger als zwanzig Minuten auf den Beinen zu halten. Aber er machte immer noch Physiotherapie, in der Hoffnung, wieder so mobil zu werden wie bei seiner Ankunft.

Minh-Vi macht alles nach Vorschrift: Sicherstellen einer angenehmen Lage, Entkleidung des Oberkörpers, Handtuch drunter, Augenreinigung vom äußeren zu inneren Augenwinkel hin, Waschung der Arme vom Handgelenk zum Herzen hin, Entkleidung des Unterkörpers, Abdeckung der Intimregion, Waschung der Beine vom Fuß zum Herzen, Intimpflege mit einem Waschlappen. Schließlich wieder anziehen und für bequeme Liegeposition sorgen.

Herr Sander scheint es zu genießen. Eine Asiatin, die ihn wäscht, und eine Europäerin, die dabei zusieht. Er sieht darin etwas Sinnliches. Minh-Vi sicherlich nicht.
„Frau Nguyen bringt sie jetzt in den Frühstücksraum“, sage ich zum Abschied. „Bis später“.
„Bis später, Frau Roth!“

*

Verhüllen, enthüllen. Anziehen, ausziehen. An so manchem Abend, nach der Arbeit und der Dusche, creme ich mich zuerst mit einer vitalisierenden Körperlotion ein. Wenn der Dampf im Badezimmer aufsteigt und mir der Geruch des Jojobaöls in die Nase steigt, wenn die nassen, schwarzen Haare glatt anliegen, dann betrachte ich mich gerne im großen Spiegel. Wenn sich die Schwaden verflüchtigen, wenn sich das beschlagene Bild langsam schärfer stellt, wenn ich meinen üppigen Busen, meine Scham und die glatt rasierten Beine erkenne, verspüre ich ihn wieder: den Wunsch, mich zu berühren, mich zu liebkosen, zu streicheln. Gut zu mir zu sein. Ich genieße das Gefühl von strammem Fleisch in meiner Hand, das Gefühl straffer Haut. Ich bin jung und schön, denke ich. Warum nur, frage ich dann, will mich keiner?
Nach der Pflegezeremonie im Bad gehe ich ins Wohnzimmer und trage die verschiedensten Stoffe auf: Seide, Leinen, Kaschmir, Musselin, Batist, Taft. Leichte, weich fallende Textilien, die sich sanft wie eine Katze an meinen Körper schmiegen. Auf der nackten Haut passen sich die leichten Stoffe meinen weiblichen Rundungen an, akzentuieren den Busen und das Becken. Wenn ich dann noch die schwarzen Pumps dazu anziehe, empfinde ich mich als unwiderstehlich, als sinnlich und gefährlich. Ich werde für ein paar Momente zur femme fatale, zum männermordenden Vamp, der mit einem Blick allein den Willen der

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