Herr Sander - Page 3

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Hand.
„Wissen Sie“, sagt er, und schaut mich eindringlich an, „als ich in den Sechzigern meine Frau kennengelernt habe, das war auf einem Schwoof in Wannsee, da hatte ich tagsüber irgendwas Falsches gegessen und plötzlich war mir speiübel. Ich schaffte es gerade noch vor den Eingang des Gasthofes, dann musste ich mich übergeben, richtig übergeben. Meine zukünftige Frau fand mich draußen so vor, völlig blass und mit Erbrochenem auf dem Hemd. Sie ist kurz reingegangen und kam mit einer Schüssel warmem Wasser und einem Waschlappen wieder. Sie hat mir dann den Mund und das Hemd gewaschen. Das klingt vielleicht albern, aber in dem Moment wusste ich, was Liebe ist. Verstehen Sie?“

Ich schaue ihn an und setze mich auf den Stuhl neben seinem Bett.
„Möchten Sie, dass ich noch ein bisschen bleibe?“
Er nickt und drückt meine Hand.

So sitze ich da, zehn, zwanzig Minuten. Als er eingeschlafen ist, fallen mir die halb offene Schublade seines Nachttisches und das Fotoalbum darin auf. Ich versuche den Impuls zu unterdrücken, aber dann gebe ich doch nach. Ich öffne die Lade und hole das Fotoalbum hervor. Ich finde darin Fotos aus den verschiedenen Phasen von Herrn Sanders’ Leben: Hochzeitsfotos, Fotos von Urlauben, Fotos von seinem Sohn als Baby, Fotos von feierlichen Anlässen, usw. Ein Foto sticht mir besonders ins Auge: es ist eine Schwarzweiß-Aufnahme von Herrn Sander auf einer alten Brücke. Ich vermute, dass es in Venedig ist. Er schaut nach unten auf den Boden, trägt eine schwarze Sonnenbrille und hat das Jackett lässig über die Schulter geworfen. Sein weißes Hemd ist oben offen, eine Strähne hängt von seinem vollen, dunklen Haupthaar herunter und fällt ihm in die Stirn.

Herr Sanders war ein umwerfend gut aussehender Mann, denke ich, und stecke das Foto ein.

*

Venedig, 1962. Ich bin eine italienische cameriera, ein Zimmermädchen, und arbeite im Hotel Moresco. Ich trage ein traditionelles Kostüm, ein schwarzes Kleid mit weißem Saum und einer weißen Schürze aus hochwertiger Spitze. Mein langes, schwarzes Haar habe ich zu einer Hochsteckfrisur drapiert. Selbstvergessen putze ich, eine italienische Melodie pfeifend, das Schlafzimmer. Plötzlich geht die Tür auf.
„Buon giorno“, sagt Herr Sander mit deutschem Akzent.
„Scusi tanto“, sage ich sogleich, verschreckt und verschüchtert. Herr Sander fixiert mich mit seinen Augen. Er trägt eine dunkelblaue Hose, dazu ein weißes Hemd, der Kragen ist offen. Sein Blick durchdringt mich, wie ein schleichender Panther bewegt er sich auf mich zu. Ich bin erstarrt, in mir spüre ich eine schöne Angst und ein wohliges Kribbeln. Als er ganz nah bei mir ist, hebt er die Hand und fasst mir sachte ans Kinn. Er will, dass ich ihn angucke. Ich schaue zu ihm hoch und schlage unbewusst die Augen auf. Durch das Fenster weht ein schwacher Lufthauch in das heiße Zimmer. Ein schwülwarmer Tag. Aus der Ferne hört man den Glockenschlag vom Campanile di San Marco. Ich vernehme das Geräusch von aufgeschreckten Tauben, die sich mit einem hastigen Flügelschlag fortbewegen. Auch ich verspüre einen Fluchtinstinkt, bleibe aber wie angewurzelt stehen.

Herr Sander schlägt mit seiner rechten Hand eine Schneise in meine Bluse, greift in den leichten Büstenhalter und ertastet meinen schweren Busen. Er nimmt die linke Hand zu Hilfe und öffnet mit sinnlicher Langsamkeit die Knöpfe meines Kleides. Er zieht mich aus, geduldig und gierig zugleich, er hilft mir aus dem Kleid, entledigt mich meiner Unterwäsche und führt mich zum großen Spiegel vor dem Doppelbett. Er positioniert mich so, dass ich ihn und mich im Spiegel beobachten kann. Ich bin fast vollständig entkleidet, trage nur noch die schwarzen Stiefeletten und die halbtransparente Damenstrumpfhose. Herr Sander lächelt mich über den Spiegel an, seine rechte Hand umfasst wieder meinen Busen. So stehen wir da, ich fast nackt, er noch angekleidet. Seine linke Hand hält meinen rechten Oberarm, übt einen leichten Druck aus, der sagt: Du kannst gehen, aber ich wünsche mir, dass du bleibst. Seine rechte Hand lässt von meinem Busen ab, erkundet begierig den Rest meines Körpers. Wir betrachten uns beide im Spiegel, als wären wir Fremde, die Fremden beim Liebesspiel zuschauen.

Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, dreht Herr Sander mich wieder zu sich hin, schaut mir in die Augen und küsst mich. Dann wirft er mich aufs Bett und ich verliere mich augenblicklich in der Intensität der Gefühle.

Als ich aus dem Höhepunkt erwache, liege ich alleine in meinem Bett, das Foto von Herrn Sander in meiner linken Hand.

*

Um 13 Uhr übergebe ich immer an die Spätschicht. Dann habe ich den Rest des Tages für mich. Manchmal fahre ich dann nach Hause und lege mich erst einmal ins Bett. Manchmal fahre ich aber auch in die Stadt, kaufe Kleidung, trinke einen Kaffee oder gehe sogar ins Kino. Das hängt immer davon ab, wie ich in der Nacht zuvor geschlafen habe. Ich versuche, die Arbeit für den Tag zu vergessen und mich nicht zu sehr mit Gedanken an die Bewohner zu beschäftigen. Das klappt ganz gut. Das hängt aber auch von den jeweiligen Bewohnern und ihrem Zustand ab. Bei einigen Bewohnern bin ich traurig, wenn sie sterben, bei vielen empfinde ich wenig bis gar nichts, und bei den meisten bin ich sogar froh. Froh, weil sie so gelitten haben und das Leid nun ein Ende hat, aber manchmal auch froh, weil sie so unausstehlich waren. Nun soll man niemandem den Tod wünschen, aber in meinem Beruf hat der Tod einen so alltäglichen Charakter, dass er seinen Schrecken verliert. Manchmal glaube ich, dass, wenn ich einem Bewohner den Tod wünsche, man es vergleichen kann mit einem Schüler, der einem anderen Schüler, auf den er neidisch ist, eine schlechte Note wünscht. Oder mit einem Mädchen, das ihrer besten Freundin, die immer die tollen Jungs abbekommt, einen kleinen Unfall wünscht, der ihr hübsches Gesicht entstellt.

Bei Herrn Sander war das alles anders. Wenn ich um 13 Uhr gehen konnte, war ich betrübt, weil ich Herrn Sander allein ließ. In den vorherigen Heimen war häufig einer der Pfleger krank oder hat gekündigt, so dass ich nicht selten eine Doppelschicht machen musste. Im Dreilindenhof sind Doppelschichten grundsätzlich verboten. Ich

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