Eins, zwei, drei – aus und vorbei!

von Alf Glocker
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Damals, als ich geboren wurde, lebten wir auf einer wunderschönen Erde. Alles war so rein, so gottgefügt, so unantastbar, als hätte man es aus einem heiligen Buch gelesen. Die Erwachsenen waren so klug wie irgendetwas ganz Kluges und die Erde so groß wie irgendetwas ganz Großes und alles war so erklärbar wie 1+1 = 2. Niemand durfte an nichts rütteln, aber anerkennen durfte man alles, denn alles war gut!

Ich fühlte mich fürchterlich wohl, denn man hatte mir erklärt, daß ein ganz lieber Herr Jesus auf mich aufpasst und es zwischen Himmel und Erde nur so von Schutzengeln wimmelt, die nichts Besseres zu tun hatten, als darauf zu achten, daß kleinen Kindern wie mir nichts passieren konnte. Was wollte ich mehr?! Naja, ich wollte vielleicht die Welt verstehen und auch so klug werden wie die unantastbaren Erwachsenen …

Aber das war nicht ganz einfach, denn ich schien sehr dumm zu sein, so dumm, daß es mir wahnsinnig schwer fiel, alles so zu sehen, wie es doch in Wirklichkeit war, so logisch nachvollziehbar wie 1 + 1 = 2. Das lernten wir schließlich in der Schule, wo es noch klügere Erwachsenen gab, als die übrigen ohnehin schon waren. Die Lehrer wussten einfach ganz genau, worauf es im Leben ankam.

Von dem uninteressanten Zeug einmal abgesehen, das sie uns eintrichtern wollten, interessierte mich das Allerwenigste. Ich sah keine Lösungen darin. Daß es bloßes Werkzeug sein sollte, wollte ich nicht wahrhaben. Dafür war mir mein Dasein, das ich bis auf die letzte Sekunde auskosten wollte, zu schade. Deshalb benützte ich die Mathematik auch nur für den perversen Zweck, mir auszurechnen, wie viel Zeit mir blieb, wenn ich gehorsam war.

Ich kam zu dem Schluss, daß mir überhaupt keine Zeit bliebe, wenn ich alles täte, was man mir abverlangt. Darin erkannte ich keinen Spaß! Zwar ließ gelegentlich einer der ganz klugen Erwachsenen, wie beispielsweise der Pfarrer, eine Bemerkung, wie „Das persönliche Opfer ist das Edelste, was ein Mensch tun kann!“ fallen, weshalb ich mich dann auch am liebsten für meinen Glauben hätte kreuzigen lassen, aber ich kam gleich wieder davon ab.

Ich spielte lieber im Sommer im Freien, oder baute mir im Winter Burgen aus Phantasie. Davon hatte ich eindeutig mehr. Als ich dann wenigstens ein bisschen größer und älter war, bemerkte ich, daß da so einiges schief lief. Nein, nein, nicht mit der Welt. Da konnte ja nichts schiefgehen – da waren ja überall diese unantastbaren Erwachsenen am Werk, einem Werk, für das ich immer noch viiiel zu dumm war.

Und komischerweise sah es mit mir ganz so aus, als würde ich dieses „Werk“ nie verstehen. Da musste es etwas geben, das so ungeheuer klug war, daß es gar nicht erst ausgesprochen werden musste, weil es jeder da draußen sowieso verstand. Alle verstanden alles, nur ich verstand nichts. Und das wurde von Jahr zu Jahr schlimmer! Wahrscheinlich wäre ich an mir verzweifelt, wenn man mir nicht gesagt hätte: Das Jahr 2000 wird wunderbar!

Der Lehrer, der ungeheuer gut in Mathematik war, rechnete uns Schülern vor, daß, durch die immer perfekter werdende Automatisierung, die Arbeitszeit im 21. Jahrhundert höchstens nur noch 20 bis 25 Stunden in der Woche betragen könne, man mit wunderbaren Schiffen die Ozeane in kürzester Zeit überqueren würde und, daß die Umwelt so rein sei wie eine Quelle im Gebirge, weil die Technik bis dahin alle Fragen gelöst habe.

Ich schwelgte, angesichts dieser Meldungen, dahin wie Eis am Äquator, und dachte mir dabei: Dann werde ich gottseidank ja auch nicht mehr so unangenehm auffallen, mit meiner Faulheit, weil ich sogar eine niedere Arbeit, für die man kein besonderes Werkzeug braucht, mit dem eh nur die Siebeng’scheiten umgehen können, in 25 Stunden in der Woche bestimmt erledigen kann, ohne daß ich für mich überhaupt keine Zeit mehr habe.

Denn „für mich“ wollte ich eigentlich am Leben sein, nicht für den Herrn Pfarrer, den Herrn Lehrer, den Herrn Bürgermeister, den Herrn General, oder wie die ganzen Damen und Herren hochachtungsvoll heißen. Ich wollte auch nie, daß, einfach so, Kinder „aus mir hervorgehen", die dann auch wieder bloß für andere Leute leben sollen, damit etwas existieren kann, das sich „Staat“ nennt, weil es angeblich für seine Bürger sorgt …

Heute sehe ich alles anders! Nein, keine Sorge, ich bin nicht „vernünftig“ geworden, ich bin immer noch genauso dumm und faul wie je zuvor. Aber ich habe dazu noch einen sehr seltsamen Humor am Leib. Ich lache manchmal stundenlang! Ich schaue den Siebeng’scheiten zu, wie sie vor einstürzenden Neubauten stehen und jubeln, weil sie so massiv gebaut worden sind. Die Ruinen ihrer Welt betrachten sie als edle Tempel, die es zu bewahren gilt.

Manchmal verbringe ich einen ganz Tag damit, völlig irrsinnige Selbstgespräche zu führen. Ich stottere und schreie plötzlich wirres Zeug in die Landschaft hinaus und ich tanze, wenn ich von einem Unsinn höre, den alle Leute um mich als etwas ganz Normals ansehen … als etwas, das es schon immer gab und immer geben wird. Und ich frage mich nicht mehr, warum alles so ist, wie es geworden ist … bis es mir dann einfällt!

Dann komme ich, vor lauter Kugeln vor Lachen, kaum noch dazu, es mir einzugestehen, denn es ist so unglaublich, daß ich es selbst am liebsten gar nicht erst glauben und lieber sagen würde: Du erinnerst dich falsch, mein Lieber! Nun gut, so kann es ja auch nicht gewesen sein … die Erwachsenen können einfach keine völlig verblödeten Halbaffen gewesen sein, die alles, aber auch ALLES so falsch eingeschätzt haben, daß es schiefgehen musste!

SIE sind eigentlich die kleinen Kinder gewesen, die auf einer wunderschönen Erde lebten, die so rein, so unantastbar gottgefügt war, als hätte man sie in einem heiligen Buch gelesen. Niemand war je so klug wie irgendwas ganz Kluges und die Erde ist nie so groß gewesen wie etwas ganz Großes und nichts, aber auch gaaar nichts konnte man mit 1+ 1 = 2 erklären – es sei denn, man rechnete nicht nur, sondern stelle auch sinnvolle Zusammenhänge her. Aber das ist vorbei!

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Kommentare

24. Apr 2019

Die halben Affen werden doppelt protestieren -
Da sie DEN Vergleich kaum akzeptieren ...

LG Axel

24. Apr 2019

Dann bleibt ja alles nioch beim Alten -
ich beuge mich (nicht) den Gewalten!

LG Alf