Warten

Bild von Magnus Gosdek
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Es ist dunkel um mich herum, dass ich den Raum nur riechen kann. Die abgestandene Luft nimmt mir den Atem. Sie riecht nach weißer, frisch getünchter Wand und ihr dicker Geruch dringt in mich ein wie eine knubbelige Wolldecke.
Ich fühle mich unwohl und möchte mich bewegen, dass ich das Gefühl habe, noch zu existieren. Doch ist es nicht möglich. Die anderen schmiegen sich eng an mich. Ihr Druck lastet schwer auf meinem Körper, dass er explodieren möchte. Ich bin mir sicher, dass es ihnen genauso geht.
So lange Zeit schon harren wir in dieser Haltung. Nur gelegentlich fällt ein Lichtschein in den Raum. Doch nicht für lange und die Schwärze umschlingt uns erneut.
Wir sind so viele und doch fühle ich mich einsam. Wir schweigen und vermissen. Jeder von uns. Niemand ist mit seinem Gefühl allein, doch hilft dieses Wissen nicht. Nichts wird helfen, bis sie kommt. Dies ist der einzige Sinn unseres Lebens. So warten wir mit dem Geruch der Farbe, die uns erstickt.
Heute nun ist es so weit. Einige von uns sind bereits aus dem Raum entkommen. Sie trafen ihre Liebste, dessen bin ich mir sicher. Manche Geschichten sprechen davon, dass sie nicht gekommen wäre. Ein Tod ohne Liebe war alles, was folgte.
Sie sind zu bedauern. Ich bin mir nicht sicher, ob dies nicht nur Gerüchte sind. Dass sie Angst verbreiten mögen, uns quälen. Doch wozu sollte dies gut sein? Wir sind gut, erschaffen zur Freude. Was wäre der Sinn von solchen Geschichten? Ich kann es nicht begreifen. Aber ich bin auch ungebildet. Vielleicht wissen es die Intelligenteren von uns. Doch auch sie sprechen nicht. Sie warten ebenso wie ich. Uns unterscheidet nichts.
Es wird laut dort draußen. Lachen dringt zu uns herein. Und Musik. Ich gebe zu, sie ist nicht mein Geschmack. Doch die Leute dort draußen scheinen sich zu amüsieren. Gläser klirren und der Geruch von Tabak zieht durch die Ritzen zu uns herüber. Eine fröhliche Runde, die sich dort versammelt hat. Sicher sind es nette Menschen.
Doch lindert es nicht meine Sehnsucht nach ihr. Immerhin geben die Geräusche mir Hoffnung. Nur ein wenig. Endlich heraus aus diesem Raum. Der Wärme entfliehen. Der Wolldecke. Endlich in die Kühle der Welt und meine Liebste treffen. Vielleicht aber deute ich die Zeichen auch falsch. Ich werde es merken, bis dahin bleiben mir die Musik und das Lachen und das Schweigen meiner Schicksalsgefährten.
Ich dämmere vor mich hin in diesem Schwarz. Die Dunkelheit verstärkt die Geräusche und die Hoffnung und die Sehnsucht an der Liebsten. Ich möchte schreien. Doch bleibe ich stumm. Ich möchte hinauseilen. Doch liege ich zwischen den anderen. Wir alle möchten weg von diesem Ort. Doch wir müssen warten und glauben, dass die Geschichten nicht stimmen.
Die Tür öffnet sich nun. Erst nur einen winzigen Spalt, dass zunächst der Zigarettenqualm eindringt und sich mit dem Geruch der Farbe vermengt. Dann ein heller Streifen, der der Schwärze des Raumes blutige Wunden schlägt. Ich steige empor, die anderen lösen sich von mir. Ich atme Luft. Der Druck auf meinen Körper ist gelöst. Die Hoffnung trägt ein weißes Neonkleid.
Wir gehen durch den Raum. Ich linse auf die Menschen. Sie betrachten mich kurz. Ich versuche zu lächeln. Sie bemerken es nicht. Es ist schade, aber letztendlich nicht wichtig. Ich bin nervös. Nun ist es bald soweit. Der Sinn meines Lebens wird sich erfüllen.
Durch die Hintertür geht es auf den Hof. Kühl ist die Luft. Frostig und klar. So soll es sein, habe ich gehört. Es fühlt sich richtig an. Ich bin bereit.
Nun kauere ich auf dem Boden. Nach der Wärme des Raumes ist er ein wenig zu kalt. Das Weiße mag Schnee sein. Ich mag ihn nicht. Schnee ist nass. Meine Geliebte mag keine Feuchtigkeit. Ich hoffe, dass ihre Sehnsucht stärker ist als ihre Angst.
Allein, allein kauere ich da. Die Menschen haben kein Wort zu mir gesprochen und nun treten sie zurück. Sie warten so wie ich, auf meine Liebste. Dass wir uns vereinen. Und alle mögen uns dabei zusehen.
Ich konzentriere mich auf mein Innerstes. Es brodelt in mir. Ich bin erregt und langsam spüre ich etwas nahen. Ein Schleichen, ein Knistern. Eine wohlige Wärme, die sich mir nähert. Ein lieblicher Duft.
Sie kommt, sie kommt! Nur noch wenig trennt uns. Sie greift nach mir und ich nehme sie in mir auf, sauge sie ein, umschlinge ihre Wärme. Sie entzündet mein Innerstes. Ich greife sie fest. Wir verbinden uns für die Ewigkeit.
Und in diesem Augenblick, in dem mich meine Liebste innig küsst, schießen wir hinauf in den Himmel. Bis zu den Sternen und noch viel weiter reicht meine Liebe zu ihr. Sie umschlingt mein Alles und lässt es entflammen in grenzenloser Leidenschaft, dass wir hoch oben am Zenit explodieren.
In tausend kleine Sterne, ein Zischen und Knallen, in Rot und Grün, in all den Farben, zu denen unsere Liebe fähig ist. Die Menschen unter uns starren hinauf und staunen mit ihren „Ahs“ und „Ohs“. Sie kennen solche wahre Liebe nicht. Die bedingungslose Hingabe.
Meine Liebste und ich erstrahlen im Himmel. Nur für einen Augenblick. Doch für diesen Moment habe ich gerne mein Leben lang auf sie gewartet.

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Kommentare

26. Mär 2017

Ein wahres Feuerwerk, Dein Text:
Poetisch - mit Magie gehext!

LG Axel

26. Mär 2017

Eine schöne Liebesgeschichte,die der Enge enteilt bis zum Himmel. LG

26. Mär 2017

Vielen Dank, Axel und Frank.. Schön, dass Euch beiden meine kleine Geschichte gefällt. LG Magnus