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Das goldene Meer

Bild von Magnus Gosdek
Bibliothek

Mama öffnet die Zugtür und steigt aus. Dann dreht sie sich um und streckt mir die Arme entgegen. Sie möchte mich nicht auffangen, sie erwartet, dass ich meiner Schwester helfe. Doch das ist nicht einfach. Ich kann sie nicht hochheben, sie ist zu schwer. Mama lächelt mich aufmunternd an, aber ich kann es einfach nicht.
Ich spüre einen Arm auf meiner Schulter. Über mir steht ein Mann.
„Geh mal zur Seite“, sagt er.
Er ist viel stärker als ich und hebt meine Schwester leicht hoch. Erna lacht. Sie mag es, in die Luft gehoben zu werden. Mama streckt dem Mann ihre Arme entgegen und er übergibt ihr meine Schwester. Mama zieht sie an sich, der Mann tritt zur Seite und ich kann aussteigen.
Der Wind weht den Geruch vom Land zu dem Bahnsteig herüber, warm und eindringlich. Ringsherum gibt es nur ein paar Häuser. Und Felder. Unendlich viele Felder. Es sieht so ganz anders aus als bei uns. Mama hatte mir das schon erzählt, aber ich wusste nicht, was es bedeutete. Ich wusste nicht, dass es eine Gegend ohne Zechentürme gibt. Die Felder sehen unendlich aus.
„Wir fahren zu den Bauern“, hatte Mama gesagt.
„Warum?“ hatte ich gefragt.
„Weil Krieg ist.“
Ich glaube, der Krieg war schon immer. So lange ich denken kann, ist das so. Deswegen sind wir aber noch nie zu den Bauern gefahren. Papa ist zu Hause geblieben. Er muss arbeiten. Für die Zeche oder für den Krieg. So genau weiß ich das nicht und Mama spricht nicht darüber. Sie sagt überhaupt sehr wenig dazu.
„Wir werden eine Weile in Heek bleiben. Du kannst da zur Schule gehen und spielen. Es gibt so viel Platz zum Spielen. Du wirst sehen, das wird dir gefallen“, sagte sie.
Aber nun stehen wir auf dem Bahnhof, mit vielen anderen. Erna sitzt auf einer Kiste, sie kann nicht laufen. Aber sie beschwert sich nicht, sie kann auch nicht reden. Ich setze mich neben sie auf den lehmigen Boden und warte mit ihr.
Mama unterhält sich mit anderen, die auch mit dem Zug gekommen sind. Von überall aus dem Ruhrgebiet. Sie sollen alle eine Weile hierbleiben, weil Krieg ist.
Die Straße ist ganz gerade und hinten, am Ende der Häuserreihe sehe ich einen Kirchturm. Ich glaube, die gibt es überall auf der Welt. Alle Dörfer haben eine Kirche und wir sitzen da und warten, dass irgendjemand von dorther kommt.
Mama hat gesagt, dass wir abgeholt werden.
„Von wem?“ hatte ich gefragt.
„Von netten Leuten, die uns aufnehmen“, hatte Mama geantwortet.
Nette Menschen gibt es auch in Herten. Dafür muss ich nicht zu den Bauern fahren. Aber die Felder sehen schön aus. Golden bewegen sie sich wie Meerwellen. Darin kann ich wunderbar herumstromern. Erna nicht. Erna muss im Bett liegen und Mama wird bei ihr sein. Ich auch. Doch manchmal werde ich in das Gold der Felder eintauchen. So lange aber müssen wir auf die netten Menschen warten, die uns aufnehmen.
Hinten an der Kirche wirbelt Staub auf. Ich kann das ganz deutlich sehen. Es sind kleine Wölkchen, wie sie Knallfrösche machen, die man auf die Erde wirft. Dann sehe ich die Pferde und später die Fuhrwerke. Das sind die Bauern. Sie kommen, um uns abzuholen.
Mama verlässt die anderen Wartenden und stellt sich neben uns. Mit der Zunge leckt sie ihre Finger an und streicht mir über den Kopf, damit meine Haare anliegen. Ich hasse das, aber Mama interessiert das nicht. Mama will ein Bett für Erna und für mich.
Langsam kommen die Fuhrwerke die Straße herauf und halten vor dem Bahnsteig. Die Bauern tragen grobe Hemden und Hosen und schwere Stiefel. Die Fuhrwerke neigen sich ein wenig zur Seite, als sie vom Kutschbock heruntersteigen. Ich sehe mir die Männer an. Wer von ihnen ist der nette Mensch, der uns bei sich aufnimmt? Sie gucken alle grimmig und kommen zu uns herüber. Ich stehe auf; Erna bleibt sitzen, sie kann nicht anderes machen.
„Guten Tag“, sagt Mama.
Die Bauern nicken, gucken auf mich und auf meine Schwester. Sie ziehen die Augenbrauen zusammen und gehen dann weiter. Sie sind die netten Menschen für jemand anderes. Ich gucke zu Mama hoch, sie streichelt mir über den Kopf.
Die Bauern suchen sich Leute aus, die auf die Fuhrwerke steigen. Immer mehr. Dann fahren die Bauern wieder die Straße hinunter zu der Kirche. Der Staub wirbelt hinter den Rädern auf und die Kinder auf den Fuhrwerken blicken hindurch wie durch einen Sandsturm.
Jetzt stehen nur noch Mama und ich auf dem Bahnsteig. Erna sitzt. Ganz sicher ist sie schon müde. Aber das merkt man nicht. Erna ist tapfer. Genauso wie Mama. Sie bleibt stehen und wartet.
Ich sehe hinüber in die goldenen Wogen der Felder. Müssen wir heute Nacht dort schlafen? Wohnen die netten Menschen, die uns aufnehmen vielleicht in einem anderen Dorf? Ich wünsche mich nach Hause, aber Mama legt mir ihren Arm um die Schulter und wartet.
Es ist Krieg. Da muss man zu den Bauern oder zu den anderen netten Menschen, die in Dörfern leben.
Auf der Straße zur Kirche wirbelt wieder Staub auf. Ganz sicher ist eines der Fuhrwerke umgekehrt, weil sie uns vergessen haben. Mama hat Recht gehabt. Dieses Mal streiche ich mir selber über die Haare, damit sie glatt liegen.
Ein Pferd zieht den Wagen. Auf dem Kutschbock sitzt ein Mann, der so aussieht wie die anderen. Aber er ist nicht allein. Neben ihm sitzt jemand in einem schwarzen Gewand. Es ist eine Frau. Auf dem Kopf trägt sie eine weiße Haube.
„Das sind die Nonnen“, sagt Mama zu mir.
Ich weiß nicht, was Nonnen sind. Aber Mama sagt es so, als seien es nette Menschen. Nur guckt sie nicht so. Sie stiert zu Mama hinüber und dann zu mir. Vielleicht sollten wir doch auf dem goldenen Feld schlafen.
Der Wagen hält vor uns und Mama nimmt unseren Koffer. Viel haben wir nicht mit. Der Kutscher steigt mit seinen schweren Stiefeln herunter und nimmt ihr das Gepäck ab. Dann geht er zu Erna und hebt sie hoch, so leicht, wie es der Mann im Zug getan hat. Er setzt meine Schwester hinten in den Wagen. Mama hebt mich auch hinein und steigt dann nach.
Die Nonne bleibt auf dem Bock sitzen und sieht nach vorne, dorthin wo der Wald beginnt. Von hinten gucke ich auf ihr Gewand. Es ist so schwarz wie Papa es nie ist, wenn er von der Schicht kommt. Aber Papa ist auch keine Nonne, er ist Bergmann.
Mama nimmt Erna und mich in die Arme. Der Kutscher steigt auf und schnalzt mit der Zunge. Das Pferd trabt langsam an und der Wagen ruckelt. Er fährt eine kleine Schleife und schon fahren wir die gerade Straße entlang, die zu der Kirche führt.
Hinter uns wirbelt der Staub auf. Ich gucke durch ihn hindurch, hinüber zu dem Bahnsteig. Er ist nun leer, und nur die goldenen Wellen der Felder dahinter wogen wie ein unendlicher Ozean bis zum Horizont.

Interne Verweise

Kommentare

23. Apr 2017

Ein Meer, in das der Leser springt -
Was Texten oft (s)ehr schwer gelingt ...

LG Axel

23. Apr 2017

Dankeschön, Axel. Dieses Mal ist es sehr minimalistisch (hoffe ich). LG Magnus

23. Apr 2017

Ein beeindruckender Text. Stilistisch konzentriert aufs Wesentliche. Eine gelungene 'Kurzgeschichte', deren Poesie ich genieße und gerne mehrmals lese - das goldene Meer.
LG Monika

23. Apr 2017

Danke schön, Monika. Es freut mich sehr, dass Dir diese kleine Geschichte gefällt. LG Magnus