Vom Rotwein geküsst

von Kilian Kush
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Nach dem ich eine Weile in der komplett chaotischen Schublade meines Schreibtischs gekramt hatte,
konnte ich mir endlich eine Zigarette aus dem brösligen Pueblo-Tabak drehen, welchen ich gerade erbeutet hatte.
Die Nadel meines Plattenspielers kratzte über eine Platte einer us-amerikanischen Emo-Band, welche ich mir vor einigen
Jahren geholt hatte. Obwohl ich sie sehr selten auflege, ist es dennoch immer etwas auf das ich mich einlasse.
Ich glaube das ist auch der Grund, weshalb ich niemals auf die Idee kommen würde mir die Dateien auf mein Handy zu laden.
Dort gehen die Lieder neben tausenden anderen Werken unter und werden zu einer Art Produkt auf das ich rund um die Uhr Zugriff habe.
Wie soll man die Schönheit solch eines Albums denn auch wertschätzen, wenn man seit Minuten im Shuffle-Modus ein Lied nach dem anderen,
nach wenigen Sekunden geskippt hat.
Vom Rotwein getrieben, wollte ich mich seit langem mal wieder dem Schreiben widmen und die obligatorische Kippe durfte dementsprechend
natürlich nicht fehlen. Einen Moment dachte ich darüber nach eventuell das Fenster zu öffnen, doch meine Musik würde zu dieser späten Stunde
vermutlich nicht gerade hilfreich dabei sein, die unzähligen durchgefeierten Nächte der letzten Tage wiedergut zu machen.
Nachdem mein Gedankenfluss kurz unterbrochen wurde, da ich mich genötigt sah, die mittlerweile ausgelaufene Schallplatte zu drehen,
entschied ich mich dafür einfach über Nacht, das Fenster geöffnet zu lassen.
Mittlerweile hatte ich die erste Zigarette ausgedrückt und schielte schuldbewusst auf mein Drehzeug. Das Geld war Ende des Monats mal wieder
knapp und um ehrlich zu sein, hatte ich heute bereits um die 40 Kippen inhaliert. Dennoch konnte ich nicht widerstehen.
"Schreiben kann man nur mit Nikotin im Blut", belog ich mich selber mit einer Weisheit, die man vermutlich auf nahezu jede Aktivität
übertragen kann. Wenn man es nur stark genug will.
Mir war zwar klar, dass ich am nächsten Tag ausgeschlafen und aktiv sein hätte sein müssen, aber die etlichen Tassen Kaffee, welche ich mir tagtäglich um,
meine Aufnahmefähigkeit garantieren verabreiche, verwehrten mir die Möglichkeit mich dem Reich der Träume hingeben zu können.
"Das Reich der Träume betreten" ist im übrigen eine meiner Lieblingsbezeichnungen für das Schlafen. Denn auch wenn ich durch den Konsum von Gras oft
keinerlei Erinnerungen an meine gedanklichen Eindrücke, während des nächtigens habe, so fasziniert mich diese Welt enorm.
Der Facettenreichtum und die Absurdität der uns vorgeworfenen Szenarien sind scheinbar grenzenlos. Die Emotionen, welche wir dabei empfinden, haben
die Macht uns auch am Tag noch zu beschäftigen oder auch zu plagen.
Die Menschen, welche jede Nacht von Albträumen heimgesucht werden, sehen auch ihren Alltag und ihr ganzes Leben davon beeinflusst.
Meine zweite Zigarette, welche ich nun in meinen Zimmer zu vernichten versuchte, ging immer wieder aus, da ich in meine Gedanken vertieft andauernd
vergas an ihr zu ziehen. Im Nachhinein betrachtet schien es mir etwas sinnlos gewesen zu sein noch eine zu rauchen, doch dass hielt mich
nicht davon ab, die Sache bis zum Schluss durch zu ziehen.
Mehr und mehr Zeit verstrich und mittlerweile hatte mich meine derzeitige Situation so gefesselt, dass mein Bedürfnis zu schreiben wieder verschwunden war.
Ich löschte meinen Kippenstummel in dem viel zu überfüllten, zu einem Aschenbecher umfunktionierten, Teelichtbehältnis.
Öffnete das Fenster.
Speicherte das Textdokument.

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