Die letzte Himmelslegende

Bild von Alf Glocker
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Eine Tages, als Gott sich ernste Gedanken über die Zukunft des Himmels machte (die Engel waren eingebildet geworden), kam er zu folgendem Schluss: Es muss aufhören mit der alten Feindschaft zwischen Luzifer und ihm! Seit der Entstehung der Welt hatten sich die beiden Hübschen in der Wolle gelegen und sich quasi überall verprügelt, wo sie sie sich nur trafen. Das musste jetzt sofort anders werden … gaaanz anders ...

Natürlich hatten sie das nicht selber getan, sondern die Drecksarbeit den Ausgeburten der Hölle und den Engeln, den Bewohnern der höheren Sphären, überlassen. Zwischen den beiden Mächten wurden die, natürlich nicht ganz unschuldigen Kinder der Schöpfung, die Menschen, zerrieben, von denen es aus genau diesem Grund nicht mehr viele gab. Es war also höchste Zeit für eine Umkehr!

Gott, der liebe, mobilisierte daher die Erzengel, die Erzbischöfe und die Erztrottel, um eine große Werbekampagne zu starten. Gleichzeitig öffnete er die Himmelspforten – zum Entsetzen des Petrus, dem er einfach die Schlüssel entriss – und forderte sämtliche Vampire, Dämonen und Mordgesellen auf, zu ihm zu kommen! Der Aufschrei der Engel interessierte ihn nicht. Er hörte sich nur noch selber reden.

„Wer jetzt anfängt, meine Entscheidungen anzuzweifeln, dem werden die Flügel gestutzt und der Heiligenschein aberkannt!“, ließ er verlauten und er fügte noch, irgendwie schelmisch, hinzu: „Ihr seid schließlich in der Vergangenheit auch nicht gerade besonders pfleglich mit euren Schutzbefohlenen umgegangen – ihr habt Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben, nur weil sie einen meiner Äpfel gegessen haben, ihr ließet zu, daß Kain den Abel erschlug usw. usw.!

Da sahen die Engel ein, daß sie im Grunde grottenschlecht waren, zumindest nicht besser als die Ausgeburten der Hölle, und sie fügten sich unwillig. Aber Gott war gnädig gestimmt … 24 Stunden am Tag ließ er den heiligen Himmelsfunk verkünden, was die Engelwelt jetzt zu denken hatte: „Die Teufelsgestalten, die aussahen wie Teufel, sich wie Teufel verhielten und einen Teufel, den Teufel schlechthin anbeteten, müssen gehochachtet werden!“

Sie seien eine große Bereicherung für den eintönig gewordenen Himmel, man müsse sie lieben wie einen Nächsten, den man ja bekanntermaßen mehr solle als sich selbst. Basta!! Alle weiblichen Engel (wenn es so etwas überhaupt gäbe) hätten sich den männlichen Teufeln, die es eigentlich auch nicht wirklich gab, hinzugeben … ohne Fragen, ohne Klagen, denn dies sei in der Hölle, seit undenklichen Zeiten, so üblich gewesen.

Davon seien aber nicht nur die weiblichen Engel – die es im Grunde ja nicht gab – betroffen, sondern auch die kleinen Putten, die de facto gar keinen richtigen Leib besaßen. Auch sie müssten sich den neuen Bräuchen, nicht murrend, unterordnen. Des Weiteren sei das Manna auf einmal nicht mehr koscher genug. Stattdessen müsse auf einmal echtes Frischblut gereicht werden, da allein dies für Teufelswesen geeignet sei!

Besonders schöne Engel hätten sich, so wurde propagiert, von nun an hinter Wolken zu verstecken und Engel mit tiefen Stimmen, die noch aus dem alten Himmel stammten, müssten sofort entmündigt werden. Eine ganz neu aufgestellte Himmelspolizei wachte eifrig über die Einhaltung der modernen Regeln und verklebte sofort allen höheren Wesen die nicht schweigen wollten den Mund. „Ihr werdet zufrieden sein“, meinte Gott, wenn aber nicht, dann schert euch zum Teufel – er wird euch schon entsprechend bestrafen!“

Als die ehemaligen Höllenbewohner das hörten und sahen, brachen sie in (un)heimliches Gelächter aus, das niemand hören sollte … und wenn doch, dann machte das auch nichts aus, weil ja keiner darauf hinweisen durfte. Sie hüpften fröhlich durch das gesamte Himmelszelt, das früher einmal ein Firmament gewesen war und nun zur Mördergrube avancierte. Warum? Nun, weil immer wieder ein Engelchen verschwand, oder gleich mehrere.

Warum, das konnte sich aber niemand so richtig erklären wollen, denn wenn die Erklärungen nicht mit dem neuerdings verbreiteten Bild der Angehörigen der Hölle übereinstimmte, dann durften sie nicht ausgesprochen werden. „Frieden ist Frieden“, brummte Gott, der sich komischerweise kürzlich einen Hahn zugelegt hatte. Und als der eines frühen Morgens, an dem es kaum noch Engel im Himmel gab, krähte, da weinte Gott ritterlich, weil er sich mehr als dreimal verraten hatte! Dann fiel der Himmel allen auf den Kopf!

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Kommentare

25. Dez 2018

Wer andern eine Grube gräbt,
Gern selbst in höhren Sphären schwebt ...

LG Axel