Miss Mutig und die besonderen Betonungen

von Alf Glocker
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Große Persönlichkeiten unterstreichen ihre spezielle Größe durch gekonnte Gesten und besondere Worte, durch dezente Hinweise – sie glänzen durch eine ausgefeilte Diplomatie! Menschen, die sich für große Persönlichkeiten halten, aber weder besondere Worte auf Lager haben, noch gekonnt, mit speziellen Gesten, ihre Bedeutung unterstreichen können, versuchen mit Macht zu glänzen. Was dabei herauskommt, können wir in den Geschichtsbüchern nachlesen; da stehen eine Menge Idioten verzeichnet, die foltern ließen, oder Todesurteile unterschrieben, die ihre Frauen verprügelten und eine Menge Kinder zeugten, um die ganze Familie, als Despot, zu beherrschen bzw. Frauen die entweder, als Femme fatale, Männer in den Wahnsinn trieben, oder sie mit giftigen Bemerkungen ihrer anfänglichen „Bedeutung“ beraubten.

Wer also etwas auf sich hält, der/die muss Verhaltensweisen einüben, die ihn/sie in die Lage versetzen, den Partner, die Partnerin, die Familie, das Volk brutal zu gängeln, zu betrügen, oder auch nur so sehr einzuschüchtern, daß keinerlei Forderungen mehr an die „große Persönlichkeit“ gestellt werden. Manchmal geschieht so etwas natürlich auch nur zum Selbstschutz … wie bei Miss Mutig! Die Ärmste wäre, unter der Knute von Sohwass von Schlapp, längst seelisch zerbrochen, hätte sie nicht fortwährend konsequent an sich gearbeitet und Strategien entwickelt, die ihr – nein, keine Vormachtstellung, sondern – Respekt verschafften. Das war anfänglich nicht ganz einfach. Sie musste sehr viel weinen, um dem Stein zu zeigen, wie unfair er zu ihr gewesen war. Dann aber fiel ihr bald Besseres ein. Es gelang ihr, durch Gesten und Ratschläge zu dominieren.

„Du hast den Blinker noch an“, sagte sie, wenn Stein, nachdem er irgendwo abgebogen war den Blinker nicht wieder sofort in die Ausgangsstellung brachte. Wollte er, auf dem Parkplatz beim Baumarkt, nach rechts fahren, weil er dort eine Parklücke gesehen hatte, dann wies sie ihn nach links: „Dort ist noch was frei!“ Dann kam: „Du hättest noch weiter zurückfahren können, da ist noch viel Platz!“ Doch nicht nur beim Autofahren begleiteten ihn ihre guten Ratschläge als Lebenshilfen, sondern überall. Das empfand sie als wahre Wohltat. „Warum hast du das nur so gemacht? Ich hätte das ganz anders gemacht! Du hast nicht richtig gejätet, gepflanzt (was den Garten betrifft), du hast dies falsch gemacht und jenes schlecht beurteilt." Eine nicht abreißen wollende Kette geradezu göttlich inspirierter Segnungen ergoss sich über Sohwass‘ Haupt, so daß er niemals um einen Kommentar von Miss Mutig herumkam. Dadurch wurde für ihn die Welt verständlich und schön …

Und als Krönung des Ganzen kam zum Schluss aller jeweiligen Belehrungen das passende Wort, als doppelte Betonung. Miss Mutig half ihm, wo sie nur konnte. „Tu dies, tu jenes!“, meinte sie freundlich und fügte oft noch erklärend hinzu: „Ich würde es auf diese Weise machen!“, und zum noch besseren Verständnis wiederholte sie den Satz dann noch einmal, etwas lauter und bestimmter: „ICH WÜRDE ES AUF DIESE WEISE MACHEN!“ Stein war fasziniert von der Größe der Persönlichkeit, die ihm das Glück schenkte, mit ihm unter einem Dach zu wohnen bzw. ihn, mit ihr zusammen, unter einem Dach wohnen zu lassen. Was wäre nur geschehen, wenn er eine Frau gefunden hätte, die ihn anhimmelt, ihn lobt und in allem, was er tut, liebevoll unterstützt?! Er hätte sich, bei Gott, im Leben nicht mehr zurechtgefunden. Wahrscheinlich hätte er sich einfach irgendwo verlaufen und wäre jämmerlich verdurstet und verhungert.

Doch so gestaltete sich jedes Ereignis, jede Diskussion von vorneherein absehbar – worauf man sich verlassen konnte! „Warum findest du denn die XXXXX sympathisch? Die spinnen doch und er hält sich wohl für sonst was!“ Oder: „Der oder das ist doch ganz nett, warum magst du ihn oder es denn nicht?“ Darauf musste jedoch immer die besonders betonte Nachbemerkung, die Wiederholung des Gesagten kommen: „DIE SPINNT DOCH UND ER HÄLT SICH WOHL…!“ Oder: „ICH FINDE IHN, ES JEDENFALLS SEHR NETT!“ Am deutlichsten trat der Betonungseffekt jedoch in der „Kirschbaumdiskussion“ zutage. Warum? Im Garten stand ein schon betagter Kirschbaum. Doch der wurde leider von Schildläusen befallen – was Miss Mutig nun wieder gar nicht gefiel. „Der Baum hat eine Krankheit, der muss ersetzt werden!“, rief sie frohgemut. Stein aber erschrak, denn alte Bäume hatten es ihm angetan. „Er hat Schildläuse. Ich habe seinen schrittweisen Befall mitverfolgt“, meinte er.

Dann versuchte er eine Lösung zu finden. „Also, ich schlage vor, wir versuchen es mit einem Gift gegen Läuse, das man in die Erde gießen kann, oder wir bestellen Marienkäferlarven zum Ausbringen. Ich habe gehört, daß das wirkt." Miss Mutig gefiel der Vorschlag nicht so gut. Sie wich nicht von ihrer Überzeugung ab. „Frag doch mal deinen Freund Bernhard, der hat auf dem Land mehrere Wälder und einen riesengroßen Garten, vielleicht weiß der eine Lösung, was man gegen Baumkrankheiten machen kann. Aber wahrscheinlich kennt der sich mit Obstbäumen auch nicht so gut aus – ABER WAHRSCHEINLICH KENNT DER SICH MIT OBSTBÄUMEN AUCH NICHT SO GUT AUS!“ Schlapp erwiderte schlapp: „Er hat ihn sich angesehen und gemeint >Die bei uns draußen auf der Kirschplantage spritzen 5x im Jahr, weil die Bäume immer wieder schnell verlaust sind!<“ „Siehst du“, konterte da Miss Mutig selbstsicher, „ich sagte doch: ABER WAHRSCHEINLICH KENNT DER SICH MIT OBSTBÄUMEN AUCH NICHT SO GUT AUS!“ Jetzt war Stein schwer beeindruckt!

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Kommentare

27. Jun 2020

Krause und Miss Mutig sind
jede für sich ein liebes Kind!

LG Alf