Die Geschichte vom goldenen Koi - Page 2

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flanierten ein kleines Stück am Ufer entlang und schienen sich zu unterhalten, jedoch verstand Lu aus seiner Entfernung nichts.
Aus seiner Deckung eines Blütenbuschs erkannte er plötzlich, wie die zwei Frauen sich verabschiedeten, und er verlor Luna im Nebelschleier des Mondlichts.
Da blickte Li Lien plötzlich zu jenem Busch, bei dessen Position sich Lu versteckt hielt, hinüber und direkt in Lu's Augen.
Dieser verfiel in einen Schockzustand, wagte es nicht, sich zu bewegen.
Und dann verwandelte sich Li vor seinen Augen in einen prächtigen, in silbernen Glanz leuchtenden Schwan, der sogleich hinfort flog über jenen See, und in der fernen Dunkelheit verschwand.

Der Morgen war schön: Die Vögel sangen ihre Melodien, der Himmel blühte in einem neugeborenen, zarten Blau und ein betörendes Aroma durchzog die frische Morgenluft.
Lu Ling erwachte im Kuss der jungen Sonne.
Er blickte zu jener steinigen Anhöhe hinüber, doch an diesem Morgen begegnete er niemandem; Li Lien war nicht zu sehen.
Zweifel kamen in Lu auf, es könnte nur ein Traum gewesen sein.
Aber seine Erinnerungen an den vorangegangenen Tag und besonders an jene magische Nacht waren zu detailliert, seine Gefühle zu intensiv, als dass es sich um einen Traum gehandelt haben könnte.
Lu entschied sich, seine Sachen zu packen und weiterzuziehen, da er bezweifelte, Li Lien wiederzusehen.
Er fragte sich, ob Li womöglich eine Naturgöttin sei, als er sich an die Ereignisse der Nacht zurückerinnerte, als Li sich vor seinen Augen in einen hellen Schwan verwandelte.
Viele Erzählungen früherer Wanderer und Waldbewohner berichten von magischen Erscheinungen, bei denen sich Menschen in Tiere oder umgekehrt verwandelten, und die im Auftrag der hohen Göttin Fauna deren Schwester Flora beschützen und behüten sollen.
Möglich wäre es also, dass Lu das Glück zuteil wurde, eine Naturgöttin und auch eine Göttin des Himmels erblickt zu haben.
Sicher war, dass Lu, sobald er wieder im Norden sei, dem Kaiserhof von seinen Erlebnissen berichten müsse, auch wenn ihm die hohen Herren skeptisch ansehen würden.
Lu entschied sich, noch eine Weile entlang des Ufers zu flanieren.
Die Sonnenstrahlen funkelten auf dem klaren Wasser und Enten querten das nahe Rosenbett.
Er passierte einen Strand aus Kieseln und blieb abrupt stehen: Lu erblickte Li Lien, die dort knietief im Wasser stand, und er verharrte an seinem Platz.
Die junge Frau schien eine magische Aura zu umschließen, und eine sanfte Melodie querte die Luft.
Zahlreiche Kois umschwärmten Li, deren Schuppen im Licht der Sonne schimmerten.
Und dann war da dieser eine Koi, dessen Schuppen golden funkelten und der mit seinem Anblick einem König glich.
Aus seiner Entfernung erkannte Lu zarte Lippenbewegungen, so als würde sich Li mit dem Koi, der da im Wasser tanzend sich bewegte, sprechen.
Eine Göttin der Fauna als Hüterin des Sees und ein goldener Koi, einem König gleich, womöglich ein Gott des Wassers, Gott dieses Sees - Lu überschlugen die Gedanken.
Die magische Szene wurde gestört, als sich ein Schemen in die Harmonie stürzte.
Ein prächtiger Kranich zerschlug das stille Bild, stieß mit seinem Schnabel um sich und wirbelte das Wasser auf.
Es blitzte kurz auf, als Lu den goldenen Koi erblickte, der in dem plötzlichen Chaos vom Kranich ergriffen und durch die Luft geschleudert wurde.
Der Koi schlug auf dem nahen Kiesgrund auf; Blut und Wasser spritzten auf.
Der Kranich wirbelte auf und flog davon, als hätte ihn Li dazu befehligt, und verschwand in der Sonne.
Lu wurde aus seiner Starre gerissen und trat erschrocken näher an das Bildnis, das sich ihm bot, heran - Stille trat ein.
Li kniete vor dem zuckenden Leib des blutenden Kois, dessen Leben sich seinem Ende näherte.
Eine Träne querte ihre Wange, ihr von Trauer und Schrecken gezeichnetes Antlitz blickte auf den sterbenden Koi hinab.
Dann erhob sie sich, schaute kurz wortlos zu Lu hinüber, der sie nur schockiert anblickte, und stieg dann in das naheliegende Schilf- und Rosenbett.
Lu beobachtete sie dabei, wie sie zart an das Seerosenbett herantrat, näher an die dort lieblich blühende Lotusblüte.
Mit einer liebevollen Handbewegung hob sie die zärtlich rosaweiß strahlende Blüte aus dem Wasser.
Die Lotusblüte strahlte ein magisches Licht aus, als Li harmonisch durch das Wasser schlich, zurück zu dem am Ufer sterbenden Koi.
Dabei flüsterte sie sanft ein Lied, und eine Woge der Wonne durchfloss Lu, querte Herz und Leib.
Li legte die Blüte am Ufer ab, dann trat sie an den Koi heran, dessen Atmung langsam erlosch.
Liebevoll trug sie dessen Leib ins Wasser zurück, doch statt fröhlich zu tänzeln, schwamm der Koi nun leblos an der Oberfläche.
Knietief stand Li am Ufer, das Blut des Kois verschwamm im Wasser, und ihr Lied verstummte.
Sie flüsterte etwas, dass wie ein Abschied klang, als sie die Lotusblüte hielt, aus der ein kleines, wie die Sonne strahlendes Licht hervortrat.
Dieses Licht schien das Leben zu symbolisieren, die Vitalität der Natur in sich zu tragen.
Ein kleiner Lichtstern trat dem Licht hervor, glühte hell der Sonne gleich, und Li schenkte ihm einen Kuss.
Dann versank der Lichtstern in dem toten Leib des Kois, und dieser zuckte auf.
Ein zweites, deutlich schwächeres Licht verließ den Koi und schloss sich in der Lotusblüte ein.
Und dann war es vorbei.
Li trat aus dem Wasser, in ihren Händen die Lotusblüte, und blickte aufs Wasser.
Einen Moment war da nur Stille, doch dann regte sich der tote Leib des Kois, und ein greller Schein, greller noch als die Sonne, umschloss ihn.
Geblendet des hellen Scheins, wich Lu erschrocken zurück.
Als Lu dann wieder aufschaute, erblickte er das himmlisch-herrliche Antlitz eines prächtigen Drachen - den Körper einer Schlange und die Mähne eines Löwen - dessen mächtiger Leib am Ufer anmutig zu tanzen schien und dabei das funkelnde Wasser aufwirbelte.
Seine Schuppen strahlten wie flüssiges Gold, seine silberweiße Mähne wehte im Wind, und sein Geweih glühte wie feurige Klingen.
Das hohe Geschöpf beruhigte sich und seine gewaltigen Pranken bebten beim Aufprall der Landung.
In einem Anflug aus Schrecken und Ehrfurcht kniete Lu nieder, sicher, nie mehr etwas so Gewaltiges, etwas so Schönes zu erblicken.
Kurz fürchtete er, dies sei nun sein Ende, und dieses hohe Geschöpf würde ihn töten.
Dann wagte er sich, aufzublicken, und sah, wie dieses hohe Geschöpf sich vor Li zu verneigen schien.
Auch Li verneigte sich, streifte mit ihrer zierlichen Hand kurz sein mächtiges Antlitz, und trat dann langsam zurück.
Und dann erhob sich dieses prächtige Geschöpf des Himmels, wirbelte ein letztes Mal das Wasser auf und flog hinauf, der grellen Mittagssonne entgegen.
Im Flug tanzte sein Körper anmutig, und seine goldenen Schuppen funkelten wie hunderte kleine Sonnen.
Die Schuppen, die er in seinem Flug verlor, verglühten in magischen Schimmerfunken, und zurück blieb ein silberner Schweif.
Bei deren Landung begann der See in einem zarten goldenen Licht zu schimmern.
Li kniete im Wasser und legte die Lotusblüte auf der stillen Oberfläche nieder, und einem Abschied gleich schwamm die Lotusblüte hinfort.

Als der goldene Drache im Himmelsblau aus ihrem Blick erlosch, standen Lu und Li noch eine Zeit lang da, und beobachteten schweigsam die fallenden Funken, die auf dem Grund des Sees erloschen.
Und dann wandte sich Li Lien erstmals direkt an Lu, der gefesselt ins Nirgendwo blickte.
Sie nahm seine zitternden Hände, und langsam beruhigte er sich.
Li sprach mit zierlicher Stimme, sanft und ruhig, und Lu war sich nun gewiss, dass Li, und folglich die Erlebnisse, die er erfahren hatte, tatsächlich stattgefunden, real waren.
Seine Stimme war wie betäubt, und so lauschte er einfach nur ihrer liebevollen, Herz und Geist beruhigenden Stimme.
Wer sie war, fragte er nicht, und auch nicht, was er gesehen hatte.
Er lauschte einfach nur ihrem Gesang und blickte in die Ferne, wo die Sonne sich dem Horizont näherte.
Als der Abend sich ankündigte und der Himmel gelb und rot zu glühen begann, deutete Li an, sie würde sich nun verabschieden.
Doch vor ihrem Abschied äußerte sie noch eine Bitte, und Lu versprach ihr, ihre Kunde zu verbreiten - die Harmonie zwischen Mensch und Natur und deren Schönheit zu erhalten.
Und dann trat Li Lien von ihm, und ihr menschliches Angesicht wandelte sich in einen prächtigen, in weißes Licht gehüllten Schwan, der hinfort flog über jenen See, der roten Abendsonne entgegen.
Stille trat ein, und Lu stand einfach nur da, sein Blick in die Ferne.
Und dann kehrte sein klarer Geist zurück, und er schluckte und atmete tief durch.
Nachdem er wieder der Alte war, realisierte er seine Umgebung, und erkannte, was ihm zuvor nicht bewusst war:
Im Abendlicht glühten der See und das steinige Ufer in einem goldenen Glanz, und Lu konnte es nicht fassen: das war Gold.
Seine Hände gruben in dem feinen Kiesstrand, durchgruben sie zarte kleine Goldkörnchen.
Lu begann, leise zu lachen, und Tränen querten sein Gesicht.

Am nächsten Morgen passierte ein junger Wanderer das kleine Dorf nahe des Kieselsees, die Taschen vollgestopft mit feinen kleinen Goldkörnchen.
Eine verwunderte Dorfgemeinschaft blickte Lu Ling mit offenen Mündern an.
Und der junge Mann begann zu sprechen.
Er berichtete ihnen von seinen Erlebnissen, von den magischen Ereignissen, Li Lien, dem goldenen Koi, der sich in einen Drachen wandelte und das Gold, das seinem Schimmerregen hervorging.
Und er erzählte ihnen von der Bitte, von dem Versprechen, das er Li Lien geschworen hatte.
Und die Dorfbewohner verneigten sich vor Lu Ling, und sie versprachen ihm die Schönheit des Sees zu achten.
Mit dem Gold, das er ihnen schenkte, errichteten sie einen prächtigen Tempel, und von überall aus dem Land pilgerten Menschen zu jenem See, um seine Schönheit zu bewundern, und niemand wagte es, seine Schönheit und Harmonie zu schädigen.
Lu kehrte in den Norden zurück, um dem Kaiserhof zu berichten, begleitet von Freiwilligen aus jenem Dorf, die seinen Geschichten gelauscht haben.
Und als Lu vor den Kaiser persönlich trat, staunte dieser über dessen Erzählungen und das Gold, das Lu ihm überreichte.
Lu erzählte dem Kaiser von der Bitte, die ihm Li Lien auftrug, und der Kaiser sprach sogleich jenen goldenen See als heilig.
Im ganzen Reich und über die Grenzen hinaus kannte man nun jenen goldenen See, dem nun ein religiöser Kult anhing.
Innerhalb weniger Jahre hatte sich das kleine Dorf in eine prächtige Kulturstadt gewandelt, und überall im Land erbaute man Tempel und Pavillons, die geschmückt waren mit goldenen Drachen und Schwänen, und man feierte Feste, zu Ehren des Drachen und der Natur.
Kurz nach seinem Besuch beim Kaiser beendete Lu Ling dessen Beamtendienst am Hofe, und begann mit Einverständnis des Kaisers seine lange Reise quer durchs Reich, um gemeinsam mit seinen Anhängern seine Philosophie, sein Versprechen an Li Lien, zu verbreiten: Der Mensch in Harmonie mit der Natur.

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10. Apr 2020

Ich liebe die östliche Kultur und ihre bunten Märchen und Welten, darum habe ich mir selbst ein solches Werk ausgedacht. Das Schreiben bereitete mir viel Freude und ich freue mich sehr, wenn es den Lesern beim Lesen auch so geht und ich für das Ostasiatische begeistern kann.

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