Der Mord an Harriet Krohn ... ein offener Brief an Karin Fossum

Bild von Annelie Kelch
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Sehr geehrte Frau Fossum,

ich habe ihren Kriminalroman „Der Mord an Harriet Krohn“ gelesen – von Anfang bis zum (bitteren) Ende, in einem Zug, mir eine Nacht um die Ohren gehauen, eine Nacht, die mir sehr kurz vorkam. Sie müssen wissen, dass ich die meisten Krimis spätestens nach Seite zwölf auf den Bettvorleger fallen lasse, gelangweilt, wütend, resigniert. Bei ihrem Werk wusste ich bereits auf Seite acht, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen würde, bis meine Augen das letzte Wort aufgeschlürft haben.

Wie Sie den Mörder beschreiben! Man kommt ihm so unglaublich nah' – fast wie einem Bruder, der auf die schiefe Bahn geraten ist, aber eben nur fast.
Ich habe mir immer und immer wieder gesagt: Habe endlich Mitleid mit Torp. Karin hat das so gewollt. Mitnichten – es gelang mir nicht. Ich konnte soeben noch nachvollziehen, das Torp das Geld, das seine kleine Tochter Julie sich mühsam zusammengespart hat, um sich ihren Herzenswunsch zu erfüllen: ein eigenes Reitpferd, verzockt hat – er ist halt ein Spieler und Spielen ist eine Sucht, der man nicht so leicht entkommt.
Ich musste bei jedem dritten Satz an Harriet Krohn denken, eine wenig sympathische alte Schachtel, gewiss, aber ein Mensch, erschlagen wie eine nichtswürdige Kreatur, ein Ungeheuer.
Sie deuten indirekt an, Torp, der meines Erachtens vor Selbstmitleid zerfließt, habe – ausnahmsweise, wie ich meine – einmal Mitleid mit jemand anderen gehabt, in diesem Fall mit seinem Opfer und deshalb mehrmals zugeschlagen, um ihm Schmerzen zu ersparen (was ihm kein Richter abnehmen wird); wäre ja auch mal etwas anderes gewesen als dieses ewige Jammern, dieses ständige Selbstmitleid, das wie kein zweites Gefühl seine Gedanken beherrscht.- Und seine Liebe zu Julie … nimmt man ihm auch nicht so ohne Weiteres ab; er will vor allen Dingen nicht allein sein.

Dass Charlo Torp, der von seiner Beute seine Spielschulden bezahlt anstatt ins Ausland abzuhauen, was durchaus in Betracht käme, lässt allerdings den Schluss zu, dass ihm tatsächlich etwas an seiner Tochter liegt. Darüber hinaus mag man ihm zugute halten, dass er kein Geld für sich selbst beansprucht, sondern Julie – reich – beschenkt und versucht gutzumachen, was er verbockt hat.
Torp, der halbherzig (falls überhaupt), bereut, denkt nur von 12:00 Uhr bis Mittag – ein denkbar schlechter Stratege. Er hätte Harriet doch nur mit zwei Klickmännern (Handschellen) an die … aber ich will hier keine Ratschläge zum Einbruchdiebstahl geben. Es sind schon genug Nieten unterwegs, die unrechtmäßig in fremde Wohnungen und Häuser eindringen.

Der Mord an Harriet Krohn war völlig überflüssig. Aber Torp konnte gar nicht anders handeln, sonst wäre er nicht „Torp“ gewesen. So einfach ist das.

Hätte er Harriet Krohn am Leben gelassen, ihr kein Haar gekrümmt, und 'lediglich' ihren Besitz an sich gerafft, wäre er clever gewesen und in Hinblick auf seine Spielschulden, den Tod seiner Frau, die ihm den nötigen Halt im Leben gab, seine Einsamkeit, die er für unüberwindbar hielt, hätte man weniger Abneigung gegen ihn und nicht halb soviel Mitleid für Harriet empfunden.
Dass er den Überfall dermaßen dilettantisch geplant habe, dass man von einer Verzweifelungstat ausgehen könne, lasse ich nicht gelten. Und an irgendeiner Stelle, Wochen nach der Tat, und das finde ich nun aber wirklich fies, Karin, erinnert sich Torp an das 'hässliche' grüne Kleid, das Harriet getragen habe – als wolle er damit den Mord an sie rechtfertigen. Ich bitte Sie …

Wäre er doch bloß abgehauen, nachdem er geschnallt hat, dass Harriet nicht so leicht einzuschüchtern und durchaus bereit war, ihren Besitz zu verteidigen.
Oder wenn er nach dem ersten Schlag auf ihren Nacken den Krankenwagen und die Polizei gerufen hätte … dann hätte man ihm abgenommen, dass er die Alte nicht ermorden wollte und sich eines Gefühls von Respekt vor ihm nicht erwehren können.
Aber dann wäre die Geschichte zu Ende gewesen, bevor sie richtig begonnen hat – zu meinem großen Bedauern.

Was für ein fantastisches Buch, über das man sich soooo viele Gedanken machen kann. Danke, Karin Fossum.

Tausend Mordsgrüße von
ihrer Leserin
A. K.