Kein Spiel

von Alf Glocker
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Stell dir vor, du fängst an, aus deinem Lebensschlummer zu erwachen und dich plötzlich ganz bewusst umzusehen … was entdeckst du dann? Stehst du dann vor einem Abgrund? Stell dir vor, du bleibst wach und schaust zur Seite und siehst auch dort nur sehr weit nach unten. Stell dir vor, du drehst dich um und blickst, ohne Zorn, zurück, aber auch ohne Selbstbetrug … stehst du dann plötzlich auf einer Felszinne. Dann würde jeder weitere Schritt, egal wohin, keinen Fort-, keinen Rück- und auch sonst keinen sinnvollen Schritt ergeben. Was machst du dann?

Irgendwie musst du ja hierhergekommen sein. Bist du schlafgewandelt? Wie hast du das angestellt? Hat dich der Glaube in diese Situation versetzt, wo er das doch normalerweise nur andersrum macht – gut, er versetzt Berge, aber keine Menschen in ausweglose Situationen … oder doch?? Du könntest jetzt natürlich einen Gott anrufen, aber hier ist leider kein Telefon. Ihm einen Brief zu schreiben, eine Wunschliste sozusagen, auf der zuallererst stünde, daß du von hier, aus deinem Leben, in ein anders möchtest, wäre gut … aber hier ist nirgends Papier zu sehen.

Dann fällt es dir wie Schuppen von den Augen: du träumst! Das kann nur ein Traum sein! Du fängst zu lachen an – und wenn du jetzt einen Spiegel hättest, dann würdest du darin deinen irren Gesichtsausdruck sehen und bemerken, daß mit DIR etwas nicht stimmt. Um dich herum ist alles in Ordnung. Du hast dich, mit traumwandlerischer Sicherheit, in eine ausweglose Situation gebracht, aus der es kein Entrinnen mehr gibt … und irgendwie betäuben kannst du dich auch nicht – keine Telefonzelle, nichts zum Schreiben, kein Briefkasten und nirgendwo eine Kneipe!

Du blickst aber nicht nur in einen Abgrund um dich herum, du stellst plötzlich auch noch fest: Du bist nackt! Du hast keine Taschen, in denen du nach etwas suchen könntest, das sich vielleicht hinabwerfen ließe, damit dort, ganz weit unter dir, jemand auf dich aufmerksam werden wollte. Dann würde, in absehbarer Zeit, eventuell ein Hubschrauber kommen und dich aus dieser misslichen Lagen erretten, dich in ein Hotel bringen, wo du mit Gott telefonieren kannst oder einen Wunschzettel schreiben. Sofort musst du an deine Eltern denken. Warst du bei ihnen zu Hause?

Oder war das auch schon ein Traum? Bist du zur Traumschule gegangen? Hast du später eine Traumlehre begonnen oder ein Traumstudium? Hast du deinen Traumpartner kennen gelernt und im Traum jemanden geheiratet? Haben dich alle diese Ereignisse auf jene fatale Felsnadel geschickt? Und wenn ja, warum hast du dann nichts anderes geträumt? Hat dich wer hypnotisiert? Das muss die Lösung sein! Jemand hat dir in Trance weisgemacht, du seist ein prima Bergsteiger, dann bist du nackt hier raufgeklettert und hier oben bist du plötzlich aufgewacht. Logisch!

Wieder siehst du dich um. Die Felswände, die von deinen Füßen nach unten führen, sind aalglatt! Da kann kein Mensch mehr klettern. Haken und Ösen siehst du auch nirgends, und dir wird schlagartig klar, daß du dich erneut geirrt hast. Du befindest dich gar nicht auf einer Felszinne oder Nadel. Das hier, worauf du stehst, ist eine Säule! Die Säule ist 5000 Meter hoch, du müsstest also einen hervorragenden Ausblick haben. Leider ist unten rum alles zu weit entfernt. Du kannst gar nichts erkennen. Zudem liegt die „Landschaft“ unter einem zarten Nebelschleier verborgen.

Welche „Landschaft“, schießt es dir durch den Kopf. Wer sagt dir überhaupt, daß es da irgendwo eine „Landschaft“ gibt?! Wieder stellst du fest, daß du einfach nur von bestimmten Annahmen ausgehst, von Dingen, die du dir eben erklären kannst. Aber dieses Erlebnis ist unerklärbar! Sieh das doch endlich ein! Du bist, wo du bist, weißt nicht, wo du hergekommen bist und nicht, wo du hingehen sollst, doch du entwirfst Wachträume, um nicht verrückt zu werden, obwohl du das offensichtlich schon seit deiner Geburt bist. Ehrlich gesagt würdest du jetzt gerne niederknien …

Das geht jedoch ebenfalls nicht – nichts geht mehr! Kein Stolz und selbstverständlich keine Demut hilft dir aus dem Schlamassel. Die Wahrheit ist unannehmbar und Lügen helfen dir auch nicht mehr weiter. Es ist zum Heulen. Du kannst dich nur noch umbringen. Das scheint wenigstens ganz einfach! Du springst und fällst und fällst und fällst. Den Aufprall merkst du schon gar nicht mehr. Dann, als sich alles verändert hat, du dich also nicht mehr im Diesseits befindest, merkst du, daß du in einem vermutlich 5000 Meter tiefen Loch feststeckst und dich nicht mehr rühren kannst.

Um dich herum ist alles so fest gefügt wie ein Mantel aus Stahl, der dir keine Möglichkeit gibt, deinen Standpunkt zu verändern Du fühlst dich an dein Leben erinnert – irgendwo weint einer um dich! Bist du das selbst? Das ist nicht feststellbar, aber du bist ja auch nicht gesprungen, du bist nur verrückt geworden. Du hast die Wahrheit gesehen und bist verrückt geworden. Vorher musst du aber auch schon verrückt gewesen sein, denn kein vernünftiges Wesen begibt sich freiwillig auf eine 5000 Meter hohe Säule, oder lässt sich von einem anderen Verrückten dorthin verbannen.

Du fängst zu tanzen an. Dazu singst du ein wunderschönes Lied: „Wes‘ Brot ich ess‘ des‘ Lied ich sing‘!“ Dann singst du ein anderes Lied … „Wohl auf Kameraaaden, lassst uns marrrschiiieren“ – und auf einmal entsteht um dich eine neue Dimension: Überall tauchen freundliche Leute auf. Du trägst Kleidung, du hast etwas bei dir: einen Auftrag! Er steht auf einer Rolle geschrieben, die sich ganz in deiner Hand befindet, du hast einen Ehering am Finger, dir fällt plötzlich ein wo du wohnst. Dort gehst du gleich hin und wirst eine heile Familie vorfinden. Alles ist in Butter!

Aber du hattest, für kurze Zeit wenigstens, Einblick in die Wirklichkeit erhalten – so, als könntest du hinter die geheimsten Geheimnisse des Universums schauen. Das ist fabelhaft!! Das musst du gleich den anderen mitteilen! Du sprichst jemanden an, einen, den du kennst und danach viele, die du nicht kennst. Du redest mit ihnen belangloses Zeug! Dann, auf einmal, versuchst du, die Wahrheit anzusprechen: Du beschreibst den Abgrund, vor dem wir alle stehen, sobald wir – und sei es nur für eine Sekunde – wach werden … aber man glotzt dich nur verständnislos an.

Jetzt musst du aufpassen, nicht für alle deine restliche Zeit, wieder auf dieser Nadelzinne, der 5000 Meter hohen Säule, als Heiliger zu landen, der keine Telefonverbindung zu Gott hat und ihm auch keine Briefe schreiben darf, weil es keinen Briefkasten gibt, kein geeignetes Papier und keinen Stift. Du bist völlig nackt und wehrlos, gegenüber allen Anfechtungen, die nur dann nicht existieren, wenn du sie ignorierst. Angesichts dieser Tatsache musst du schnell rückverrückt werden, dann kann dir nichts mehr passieren. Mach eine gute Miene, denn das Spiel ist …

Kein Spiel!

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Kommentare

28. Mär 2019

Kein Spiel - dafür ein starker Text:
Der so auf seiner Säule wächst ...
(Bin EIN MAL nackt im Traum gewesen!)
[Gleich drosch mich Krause mit dem Besen …]

LG Axel

28. Mär 2019

Alleine, nackt, Wahrheit beäugen?
Schwieriger Akt, ohne betäuben!
Daher ist Alkohol legal,
Denn ohne, das wär echt fatal! ;)

Liebe Grüße
Ella

28. Mär 2019

Vilen Dank für die genialen Kommentare liebe Freunde!

Liebe Grüße
Alf