Kleiner Abschied

von Tanja Grün
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Unsere Schritte konnte ich nicht hören, als wir über den Bahnsteig gingen, wegen der vielen anderen Menschen um uns herum, die den gleichen oder eben einen ähnlichen Weg hatten.
Der Zug stand schon da und würde auch nicht mehr lange warten, eigentlich sprach nichts dagegen, gleich einzusteigen. Aber wir gingen an einer Tür nach der anderen vorbei, als gäbe es nur eine, in die ich einsteigen durfte, eine, die wir noch lange nicht gefunden hatten. Da waren wir uns wohl einig und gingen immer weiter, bis zum Ende des Bahnsteigs, wo sich kaum mehr jemand aufhielt. Jetzt endlich hörte ich unsere Schritte, die sich verlangsamten, weil wir ja doch stehen bleiben mussten, vor dem Ende des Zugs.
Abschied am Bahnhof, dachte ich. Abschiede am Bahnhof im Winter, ein altes und abgedroschenes Motiv. Ein Soldat, schon in Uniform, die schwangere Frau winkt vom Bahnstgeig aus und der Zug setzt sich in Bewegung. Sie ist schön und jung, ebenso wie ihr tapferer Geliebter, der winkend und ohne eine Träne im Fenster steht, die Kamera begleitet ihn lange über den Bahnhof hinaus auf seiner Reise.
Aber mein Bauch war rund ganz ohne Schwangerschaft, er hatte sie schon hinter sich, mein Haar schon grau, ständig musste ich es färben.
Schade, dass Sie schon abfahren müssen, sagte er.
Ja, sagte ich. Aber ich glaube, Sie verstehen.
Ich verstehe, sagte er. Aber es ist, wie gesagt, bedauerlich.
Ich sah ihm ins Gesicht und traf dort gleich seine Augen. Sie waren so braun wie immer.
Ohne Sie, sagte er, wäre das Meeting ganz anders verlaufen.
Meinen Sie, fragte ich.
Er nickte mehrmals, als befürchtete er, dass ich sein Nicken übersehen könnte.
Danke, sagte ich.
Dann schwieg ich und dachte an alles auf einmal. Den Zug, der fast schon ohne mich abfuhr, meine Tochter im Krankenhaus, die Nachricht, die ich gleich in mein Handy schreiben musste, sobald ich dann sitzen würde. So ging es, bis ich spürte, dass meine Hand warm wurde, weil sie noch immer gehalten wurde. Schon länger nicht losgelassen worden war. Also sah ich mir unsere Hände an, wie sie ineinander lagen.
Da drehte er sich gleich weg, meine Hand kühlte ab.
Wir sehn uns in zwei Wochen. Sie wissen, was Sie bis dahin zu tun haben, sagte er schnell. Unser Team braucht Sie. Grüßen Sie Ihren Mann und genießen Sie ihre Familie.
Ja, rief ich, danke, schon auf dem Treppchen zur Tür und stieg endlich ein.

Veröffentlicht / Quelle: 
Tanja Grün, Wind, Pangai Misi Verlag ISBN 978-3-989-10-6
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Kommentare

30. Jan 2017

Eine wunderbare Verknüpfung zweier Begebenheiten zu einer. Raffiniert. Werde hineingezogen in eine große und eine kleine Wehmut.
Klasse. Berührend.
LG Monika

30. Jan 2017

Vielen Dank!! Ich bin ganz neu auf LiteratPro und dein Kommentar ist der erste, den ich bekommen habe. So ist das Schreiben ja endlich mal sinnvoll. LG Tanja