Der gewalt(tät)ige Fortschritt

Bild von Alf Glocker
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Der Fortschritt heutzutage ist schon eher gewalttätig als gewaltig! Er erreicht und überschwemmt einfach alle und alles. Er nimmt auf nichts Rücksicht, dringt in die tiefsten Urwälder, die weitesten Steppen und die trockensten Wüsten vor und beraubt dort einfache Geister ihrer natürlichen Lebensbedingungen. Affen werden in Anzüge gezwängt und auf Universitäten geschickt, wo sie zum Bachelor ausgebildet werden. Kriechtiere biegt man auf der Streckbank gerade, damit sie wie Gardesoldaten aussehen. Basstölpel gehen aufs Konservatorium und werden Quatschopernstars. Kamelreiter sehen sich plötzlich mit GPS bewaffnet, damit sie schneller wissen, wo es Karawanen gibt, die man überfallen kann und die überall aufgestellten Fernseher zeigen, auch in den letzten antiken, verbotenen Städten, was man sich anderswo leisten kann …

Jeder muss ein Auto haben, jeder muss in einer neu entstandenen Smog-Metropole leben, jeder muss sich für eine (Fehl-)Entwicklung zur Verfügung stellen, die Regenwälder wie einen Schweizer Käse aussehen lässt, um die Bäuche von Finanzmagnaten zu blähen. Babys werden am Fließband geboren, damit die Pharmamafia ihre Absatzmärkte erweitern kann, denn zukünftige Arbeitnehmer müssen ausreichend versorgt sein, damit es später keine Produktionsausfälle gibt. Das bloße „Material“ boomt: Man braucht sterbliche Hüllen im Übermaß! Längst ist die DNA entschlüsselt – jetzt kommt es nur noch darauf an, möglichst viel Fleisch vorrätig zu haben. Den Rest erledigen bestochene Erfinder, deren Hang zum Perversen alle bisherigen Vorstellungen weit übersteigt. Überall gibt es Unglaubliches zu entdecken …

Löwen mit Giraffenbeinen wurden gesichtet, Elefanten mit Duckface-Gesichtern, Neandertaler mit Führerscheinen, hölzerne Zinnfiguren, Würgeschlangen mit Zupack-Händen, quadratische Eierköpfe, dumme Zicken mit Universitätsabschluss, Doktoranden mit langgezogenen Elefantenohren, Marktschreier mit Pinocchio-Nasen, Philosophen mit extra wenig Gehirnmasse, dafür aber mit fast gar keinem IQ – und Menschenfrauen mit astreinem Bakschisch-Charakter. Fast alles ist machbar. Deshalb lernen jetzt auch die Lemuren die Delphinsprache und die Yetis Kisuaheli, denn in Kürze wird alles Lebendige schlichtweg vereinheitlicht sein! Auf der Abschussliste stehen allerdings Systemgegner, die nicht wahrhaben wollen, daß eine schöne neue Welt im Kommen ist, während sie gehen.

Warum sollte es in Kürze keinen Dr. Gnu geben? Und warum sollte es nicht möglich sein, daß eine Termitenkönigin einen Großunternehmer aus der Textilbranche heiratet? Es ist doch nur eine Frage der Zeit, bis sogar künstliche Menschen unter uns weilen, die einfach für jede Tätigkeit einsetzbar sind! Falls auch sie sich fortpflanzen möchten, wird man eben in die Trickkiste kleinster Materie-Bausteine greifen müssen und beispielweise, aus dem Quantenbereich, nicht mehr messbare Teilchen einfangen, die dann, mit Tachionenmäntelchen überzogen, einem der beiden geschlechtslosen Es, thermoelektrisch verpasst werden, damit, in Verbindung mit freien Radikalen, ein pseudolebendiges Robot-Baby entstehen kann …

Frankenstein-Institute werden vermutlich bald wie Pilze aus dem Boden schießen, damit zusätzliche Substanzen von unter der Grasnarbe geborgen und neu modelliert werden können. Die Blitzantennen, welche zur Energiegewinnung geeignet sind, befinden sich bereits, auf dem ganzen Globus, im Bau. Auf den Protest hirnvernagelter Umweltorganisationen sollte man dabei natürlich nicht achten. Das wäre investitionsfeindlich und muss deshalb aufs Schärfste verurteilt werden. Die Bevölkerungsexplosion auf der Erde reicht längst nicht zur Deckung der benötigten Zell-Ressourcen aus, die benötigt werden, um völlig neue Lebensformen aus dem Boden zu stampfen, zumal der Rückgang der Tierarten mit dem Anwachsen der Urmenschen einhergeht. In Zukunft aber wird man jede noch vorhandene Form lebendiger Strukturen zur Weiterverarbeitung in Mischwesen benötigen, die völlig veränderten Bedingungen gewachsen sein müssen …

Immerhin wird es bald kaum noch Sauerstoff auf der Erde geben. Wer dann noch überleben will, der muss in der Lage sein, auch mit CO2 oder Schwefeldämpfen zurechtzukommen. Die vieledle Wissenschaft ist dann aufgefordert, geeignete Typen herzustellen, die auch unter den widrigsten Bedingungen noch Bodenschätze schürfen oder Kunststoffe herstellen können. Ihre Haut muss halt mehr krokodilartig als zartbesaitet sein. Hier sind die Drei-D-Druckereien gefragt. An sie gehen Aufträge für hochresistente Gliedmaßen und Organe. Andere Bausteine für systemintelligente Mitarbeiterfiguren sind ebenfalls bereits angedacht. Das ebenfalls komplett ausgedruckte Arbeitsgerät „Großhirn“ befindet sich allerdings noch im Versuchsstadium. Sollte man es dabei bewenden lassen?

Aber nein! Am besten, man stellt gleich ganz neue, künstliche Individuen aus dem minderwertigen rezenten Material her, das jetzt massenweise zu haben ist. Vernichtet alles Bisherige, durch den Einbau „besserer“ Erbanlagen in das marode Fleisch – und die kurioserweise immer noch notwendigen Zentralen Nervensysteme. Stellt sie baldigst, nach bewährten Mustern, am Fließband her. Lasst nicht mehr zu, daß überhaupt noch ein einziges Wesen auf natürlichem Wege, „von selbst“ entsteht. Zuneigung, Auswahl nach den Kriterien von Attraktivität und Geist sind überflüssig geworden. Bio-Maschinen müssen sich nicht ineinander verlieben. Sie werden einfach eingekauft, gruppiert und sie existieren – Punktum! Dafür gibt es doch viele gute Beispiele aus längst vergangenen Epochen, wo das ebenfalls schon gut geklappt hat. Diese Verfahrensweisen waren gar nicht so schlecht wie sie später scheiternden Tagträumern erschienen. Gehen wir ans Werk – wir sind reif für die neue Weltordnung!

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Kommentare

29. Apr 2019

Endlich kommt Schwung in den lahmen Laden!
(Da stört kein kleiner Wasser-Schaden ...)

LG Axel

29. Apr 2019

Ersehnte Ordnung sehe
ich in naher Ferne
blinken,

ich verstehe,
sag's ungerne,
sie wird stinken.