Zauberglut

von Ralf Risse
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Von Nebel und Rauch eingehüllt ist ihr neues, entstelltes Gesicht kaum auszumachen. Der Feuersturm tobte tagelang durch die Straßen, bis er keine Nahrung mehr fand und die sterbende Stadt sich selbst überließ.
Grotesk ragen sich qualmende Wundmale in den jungen Februartag.
Es riecht nach Tod und wird es noch wochenlang tun.
Drei Krähen mühen sich klagend über den Fluss, als wüssten sie um die Gänze der Zerstörung, die vor 72 Stunden Dresden heimgesucht hat.
Als sie das andere Ufer erreichen, ist der Schneefall dichter geworden.
Vier kleine Schemen stemmen sich dort gegen den Wind einen nicht auszumachenden Feldweg entlang.
Wild gestikulierend scheint die erste Person die Kolonne an eine bestimmte Stelle zu führen.
„Nun kommt schon, es ist völlig ungefährlich, wenn ihr auf die Farben achtet, ehrlich!"
Ernst ist mit seinen zwölf Jahren der älteste unter den vieren. Sein Bruder Heinz kam zwei Mal auf Fronturlaub, bevor er Anfang Dezember in diesem fernen Russland starb und keine spannenden Geschichten mehr erzählen wird.
Die Nachricht erreichte die Familie am 24.12..
„Ich will nach Hause!"
Marie spürt ihre Füße nicht mehr. Der Schneematsch hatte ihre kaputten Schuhe bereits durchweicht, als das Haus, in dem sie jetzt mit Oma und ihrer Schwester wohnt, noch in Sichtweite war.
Eines der wenigen im Dorf, die der Zufall verschonte.
„Jetzt höre auf zu jammern, Marie!", herrscht Ilse sie an.
Rudolf und Ilse fühlen sich sehr erwachsen, gehen oft Hand in Hand, und haben nur einen abschätzigen Blick für die kleine Marie übrig, die seit einer halben Stunde bereut, mitgegangen zu sein.
Aber allein mit Großmutter Adelheid? Auf keinen Fall!
Irgendwann hat sie sicher genug von ihrem blöden Rudolf!
Warum musste Mutter krank werden, sterben, und sie allein lassen?
Marie beißt die Zähne zusammen und bemüht sich mit den langbeinigen Kumpanen Schritt zu halten.
Einen Weihnachtsbaum hat bis auf Rudolf keiner von ihnen je gesehen, und die Aussicht auf ein versprochenes Feuerwerk lässt sie sämtliche Gräuel der letzten Wochen vergessen und die jungen Gemüter mutige, ja verwegene Blüten treiben.
Ernst hebt langsam den Arm und das Kommando verfehlt seine Wirkung nicht.
Versteinert bleiben die frierenden Kinder stehen und beobachten, wie er eine steife Plane beiseitezieht und seinen Schatz präsentiert.
Der allgegenwärtige Hunger und die beißende Kälte sind keinem länger bewusst.
Selbst die kleine Marie strahlt mit rosigem Gesicht und verfrorenen Füssen.
Sofort legen sich dicke Flocken auf die eingesammelten Blindgänger und Ernst macht den Eindruck, als hätte er sie selbst gebaut.
Er nimmt lässig eine Brandbombe in die Hand, deren Zünder in den Elbwiesen ohne Wirkung blieb.
„Die mit dem grünen Punkt müsst ihr weit werfen und die mit dem roten so auf einen Stein schlagen!"
Er geht ein paar Schritte und pflanzt, wie es scheint, einen feuerspuckenden Baum in die Kiesel.
Eine grelle Fontäne aus Magnesium und Phosphor erleuchtet die faszinierten Gesichter, wobei zunehmende Hitze die Kinder zwingt, von der Zauberglut noch etwas zurückzuweichen ...

Wiederum klagend verlassen die drei Krähen ihren sicher geglaubten Platz in einem knorrigen Apfelbaum und suchen schleunigst das Weite.

Sie verlassen fünf spielende Kinder, die noch nie etwas von dieser Farbenblindheit gehört haben, an der Rudolf leidet. Sie wird zum Glück auch heute keine Rolle spielen.
Es sind nur fünf Kinder, die sich einfach diebisch freuen über den Spaß, den ihnen eine grausame Zeit nicht verwehren kann.

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