Erlaubte Betrachtungsweisen - Was man finden kann: Empathie!

von Alf Glocker
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Heute suche ich nichts, heute sehe ich nur fern. Am liebsten sind mir Geschichtssendungen – ich lasse mich gern aufklären. Ich möchte immer erfahren wie gut die fuhren, die vor uns verfuhren: die Vorfahren. Meine waren schlecht, erfahre ich mal wieder. Nun gut, das weiß ich schon. Es waren die schlechtesten Vorfahren der Welt! Sie haben in 12 Jahren zerstört, was in 2000 Jahren aufgebaut wurde. Aber das zählt! In dem Land, das ich bewohne und alle Nachfahren dieser Vorfahren, die in 12 Jahren alles zerstört haben, gibt es keine intelligenten Menschen, außer denjenigen vielleicht, die alles schlecht finden, was in diesem Land jemals passiert ist, denn wir stammen schließlich alle von den Leuten ab, die in 12 Jahren das Böse erschufen, das seinesgleichen suchte und nicht fand – so, wie ich heute nichts suche, aber alles finde, was ich wissen möchte. Dagegen waren alle Menschen drumherum edel und gut … 2000 Jahre lang und länger. Niemals haben sie sich so schlimm verhalten wie meine Vorfahren – nicht in 2000 Jahren, und nirgends auf der Welt. Das ist mir klar und deshalb komme ich mir fehl am Platz vor.

Wenn ich wüsste, wo ich hingehen könnte, dann würde ich das tun – dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst, oder ab nach Timbuktu. Aber dort würde man mich vielleicht erkennen und sagen „ist das nicht einer von denen, die in 12 Jahren etwas getan haben, das in 2000 Jahren vorher nirgendwo sonst passiert ist?! Und dann würde man mich womöglich umbringen … Recht geschähe mir! Doch zurück zum Fernsehen. Wie ich zu meiner Freude erfahre, hat es anscheinend noch mehr Verbrecher gegeben als meine direkten Vorfahren. Auch meine indirekten Vorfahren, die Verwandten meiner Vorfahren scheinen Verbrecher gewesen zu sein. Einer davon wurde um das Jahr 1451 geboren und er hieß „Cristoforo Colombo“. Dieser Mensch war ein Ungläubiger – er konnte niemandem etwas glauben! Und verrückt war er obendrein. Er sagte: „Ich werde den Fernen Osten erreichen, wenn ich immer nach Westen fahre“. Das gab er von sich, weil gierige Geschäftsleute nicht mehr an den begehrten Pfeffer kamen, denn die Handelsrouten waren abgeschnitten worden. Es gab kein Konstantinopel mehr. Warum?

Aus den zentralasiatischen Steppen war ein hochedles Nomadenvolk gekommen, das die verkommenen Ost-Römer erschlagen und deren (un)heilige Stadt in Besitz genommen hatte. Das machte aber nichts, denn die Ost-Römer waren, wie ich jetzt, deutlich, in dem Bericht sehen kann, allesamt ungewaschen und verlaust. Das frisch gewaschene Steppenvolk hingegen wendete, bei der Eroberung Konstantinopels, bis dahin nie gekannte Militärtechniken an … Mit großen, übrigens von Italienern entworfenen Belagerungskanonen schossen sie die gewaltigen Mauern der verlausten Konstantinopler sturmreif, womit sie eine ganze Region umkrempelten. Das wiederum brachte die Europäer auf dumme Ideen. In ihrer Verblendung, Pfeffer und andere Gewürze weiterhin haben zu müssen, glaubten sie einem Irren und statteten ihn mit Schiffen aus, um zu erringen, was ihnen gar nicht zustand: die Schätze des Orients. Und Colombo versklavte, mithilfe seines verabscheuungswürdigen Charakters, 3 Schiffsbesatzungen, und zwang sie, mit ihm zu kommen, um Verbrechen zu begehen oder vorzubereiten.

Nach unsäglichen Strapazen kam er in einem Kontinent an, der ihn nichts anging, und bedrohte sofort die dort lebenden, in ewiger Glückseligkeit hausenden Menschen mit den mitgebrachten europäischen Feuerwaffen, wie auch mit den durch seine Mannschaft eingeschleppten Viren. Beidem waren die Glückseligen leider nicht gewachsen. Aber das war noch gar nichts! Nicht sehr viel später maßte sich ein gewisser „Hernán Cortéz“ an, kulturell höher entwickelt zu sein als die Bewohner der größten Stadt der damaligen Welt: Tenochtitlán. In dieser Stadt der Weisheit und Wissenschaft lebten fast ausschließlich Philosophen und Dichter, aber dazwischen natürlich auch Handwerker und Soldaten. Sie hatten chirurgische Geräte aus Obsidian, das auch noch heute arbeitende Chirurgen oft dem Werkstoff Stahl vorziehen – und damit schnitten sie lebenden Menschen das schlagende Herz aus dem Leib. Eine höhere Kultur kann man sich schwerlich vorstellen! Manchmal waren es bis zu 20 000 am Tag. Alles, was die Azteken für sich einfangen konnten, wurde auf diese Weise geopfert. Macht nichts.

Man muss ich einmal vorstellen, wer dieser Cortéz war. Zu sehen ist er auf dem Bildschirm mit verschlagenen Augen, dunklem Teint, ungewaschenen Haaren und einer schmuddeligen Schweiß-Fettschicht im Gesicht. Und so etwas wagt es, stolz blickenden Zweitureinwohnern eines Kontinents gegenüberzutreten, auf dem er gar nichts zu suchen hatte?! Unvorstellbar! Was dann folgte, ähnelt ein wenig dem, was meine direkten (nicht indirekten) Vorfahren getan haben – Cortés ließ ein furchtbares Gemetzel, unter den Philosophen und Dichtern, den Wissenschaftlern, Bauern und Handwerkern, von den Soldaten ganz zu schweigen, anrichten, und schleppte dabei tonnenweise Gold außer Landes. Mir wird schon beim Hinsehen schlecht!! Heiliger Strohsack – konnte ich denn nicht als edles Wesen geboren werden, dessen Vorfahren aus der Steppe kamen, oder anderen Menschen das noch schlagende Herz aus dem Leibe riss? Leider nein – ich bin das lebendige Beispiel einer langen und unnötigen Kette von genetischen Erbfolgen, die ausgerechnet mich hervorgebracht hat. Die Schande!!

Müde mache ich den Fernseher aus. Gut, daß ich aufgeklärt wurde! All die freundlichen Menschen um uns herum, und wir sind immer noch die Alten: süchtig nach Gewürzen und Entdeckungen, damit wir immer mehr Schaden anrichten können. Wir, meine direkten und indirekten Vorfahren. Ich bin sehr traurig. Warum muss es denn so etwas wie uns überhaupt geben? Ich schäme mich! Aber dann fällt mir ein, daß es ja noch Hoffnung gibt. Vielleicht kommen eines Tages all die Betrogenen, die Geister oder die Kinder der „Entdeckten“, aus den Steppen, oder aus den ausgebeuteten Kontinenten zu uns, um es uns heimzuzahlen. Dann werden sie uns schon beibringen, ob es gut war, die Kulturen von Philosophen und Dichtern zu vernichten, oder uns gegen die Eroberung durch Leute zu wehren, die italienische Kanonen haben. Vorsichtshalber gehe ich noch einmal unter die Dusche, bevor ich glücklich beiseitegeschafft werde, damit nachfolgende Generationen mich nicht im Schmutz sterben sehen. Vielleicht erhalte ich sogar, bevor ich abkratze, noch Gelegenheit, mich für die begangenen Untaten zu entschuldigen.

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Kommentare

30. Jan 2018

Danke, für die Exkursion durch die Geschichte, die Du aus einer eigenständigen Perspektive beschreibst.
Diese Folge von Eroberung und Erniedrigung, durch Kampf und Niederlage, durch Krieg und nochmals Krieg... Lieber Alf, unsere Menschheitsentwicklung basiert auf Leid und Elend. Und ab und zu ein wenig Helligkeit durch Erkenntnis und Empathie. Und immer mit der Hoffnung auf weltweiten Frieden und somit auf Glück. >Aber dann fällt mir ein, daß es ja noch Hoffnung gibt.<
Deinen Hoffnungssatz habe ich hier eingefügt, weil er meinem Denken entspricht.

LG Monika

30. Jan 2018

Der ist ein Monster - jener ein "großer Krieger"!
(Der "Krieger" ist zumeist ein "Sieger" ...)

LG Axel

30. Jan 2018

Und wer wie Verlierer das dann sehen,
darf mit ihnen untergehen...

LG Alf