Der Heiligenschein - Corona

von Ekaterina Neff
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Vielleicht sollte ich mich einweisen.
Vielleicht sollte ich mich isolieren, um nicht eingewiesen zu werden.
Ein Widerstandskämpfer in einer Zwangsjacke - das Bild stelle ich mir lustig vor und doch ziemlich zutreffend. Ohne viele Worte der Anschuldigung werde ich abgeführt, belächelt und für verrückt erklärt. Mein Glaube weicht von der Norm ab - lautet die Anklage. Die Norm ist Gesetzt. Die Norm ist die Masse. Die Norm ist der Glaube. Der Glaube der Masse ist Gesetz.
Die Gesetzeshüter halten mich an. Sie fragen mich nach meinem Vorhaben. - Ja, ich habe etwas vor, aber kennen wir uns? Statt mich nach meinem Namen zu fragen, fragen sie mich nach meinem Ausweis. Die Norm ist Gesetz, denke ich und krame in meinem Jutebeutel. Die Kreuzritter warten. Ihre Blicke verraten mir, dass sie mich schon aus der Ferne als Ketzer entlarvten. Der Papst sagt Ostern ab. Erinnere ich mich an die Große BILD-Schlagzeile, die ich unwillkürlich auf dem Weg zu dem Supermarkt wahrgenommen habe. Die Adresse auf meinem Ausweis stimmt nicht mit der Umgebung überein. Ich bekomme eine mündliche Verwarnung.
Er ist irgendwo da draußen, denke ich, während ich mich in die Schlange stelle, die sich draußen vor dem Supermarkt gebildet hat. Er ist irgendwo in der Kälte. Ich vermute am Nordpol, doch das weiß niemand. In freiwilliger Isolation liest er die Briefe, die von Kindern verfasst wurden. Ich denke, ich sollte ihm schreiben. Ihm mitteilen, dass ich an ihn glaube. Ihm mitteilen, dass der Papst womöglich auch Weihnachten absagen wird. Ihm mitteilen, dass er zuhause bleiben soll. Ihn fragen, ob er noch Toilettenpapier für mich hat.
„Eine Packung pro Haushalt“ - steht es auf dem selbst-gemachten Schild geschrieben, welches über dem leeren Regal hängt. Die Norm ist Gesetz und die Masse isst Toilettenpapier. Enttäuscht darüber meinem gewohnten Konsumverhalten nicht nachgehen zu können, kaufte ich das letzte Glas Essiggurken. Ich hatte nicht vor mir zum Abendessen Essiggurken zu servieren, doch mein inneres Bedürfnis nach Rache war stärker. Ich konnte nicht genau einordnen worauf ich am meisten wütend war. Auf die Masse? Auf das Gesetz? Oder darauf, dass ich nach dem letzten Glas Essiggurken gegriffen habe. Der fiktive Glaube daran, dass es das letzte Glas Essiggurken sein könnte und der persönliche Triumph darüber, der Masse überlegen zu sein. Der Vatikan hat den Priestern in allen betroffenen Gebieten die Möglichkeit zur Generalabsolution erteilt. Frei von Schuld und Sünde, werde ich also heute Abend meine ergatterten Essiggurken genießen - ohne den bitteren Nachgeschmack der Sühne verspüren zu müssen.
Obwohl die Sonne scheint, und ich dankbar dafür sein müsste kostenloses Vitamin D3 in Freiheit tanken zu dürfen, überkommt mich ein Gefühl der Melancholie, während ich die leeren Straßen Richtung Heim passiere. Ich, Trottel, habe vergessen mein Feuerzeug mitzunehmen. Selbst wenn mir ein Mensch über den Weg laufen sollte, der zufälligerweise eine Zigarette im Mund hätte, würden wir uns schon vom Weiten tief in die Augen schauen und mit einem Jesus-Abstand im Querformat aneinander vorbeigehen. Als wäre ich ein Abgesandter der Zeugen Jehovas mit der Mission jeder menschlichen Begegnung, den Glauben, in Form einer zusammengefassten vierseitigen Broschüre, in die Hand drücken zu müssen. Warum sollte ich auf das Fegefeuer verzichten wollen? Da hätte ich wenigstens die Option, meine Zigarette anzünden zu können, wann immer mir nach einer Zigarette ist, ohne mich dabei auf mich selbst oder auf andere Menschen verlassen zu müssen. Wenn man sich verlässt, wird man verlassen - lautet die Redewendung, die zu meiner täglichen Psalm wird. Selbst meine engsten Freunde und Familienangehörigen, ohne jegliche Vorerkrankungen, konvertieren so langsam aber sicher. Sie verlassen ihre gemieteten vier Wände nur noch unter gegebenen Notständen - der instinktive Trieb nach Verblendung.
Ich komme tatsächlich an einem Park vorbei, indem ich mehrere Menschen entdecke. Versammelt, um alleine das Wetter zu genießen, zu joggen, zu spielen, zu quatschen und das alles mit einem Mindestabstand von zwei Metern. Der Park, ist die einzig menschengemachte Lokalität, die uns zur Vergnügung der Alleinbeschäftigung geblieben ist. Innerhalb von zwei Tagen wurde aus dem Hashtag „staythefuckhome“ eine Marketingstrategie eines Kondomunternehmens mit dem neu formulierten Ausruf „stay and fuck home“. Für alle polyamorösen unter uns, sind es wohl die schwierigsten Zeiten ihre Liebe vollkommen ausleben zu dürfen, solange eine Ansammlung von Menschen die heilige Zahl zwei nicht überschreitet. Wird diese Sünde begangen, kann ich mich nur noch mit einem unchristlich teuren Ablassbrief bei den Gesetzeshütern freikaufen.
Nicht nur die Konzerne und Mittel- bis Kleinbetriebe sind dazu verdammt ihre Feder in ihr eigenes Blut zu tränken, um die roten Zahlen zu notieren, sondern auch ich muss zusehen mein Blut nicht bis auf den letzten Tropfen für einen Obolus zu opfern. Fasten transformiert zum Hamstern, seit der Papst Ostern abgesagt hat. Ich denke, ich sollte mein Glas Essiggurken heute Abend nicht verspeisen, sondern es am Schwarzen Brett im Hausflur bewerben - eine Win-Win-Situation - Essiggurken gegen Hostien oder einen Liter Hafermilch.
Auf dem Weg begegnet mir ein Paar. Ihre Handflächen berühren sich. Statt mir eine romantische Geschichte von ihrer ersten Begegnung auszumalen, frage ich mich, ob sie sich vor der körperlichen Berührung ihre Hände desinfiziert haben. Ich denke für viele Singles ist die Zeit gekommen zwangsweise ein Zölibat abzulegen, statt sich vergebens Hoffnungen zu machen, die Person hinter dem virtuellen Fenster, irgendwann zu einem Date in ein schickes Restaurant ausführen zu können, mit dem Zusatz, sich in dieser Nacht eventuell näher als zwei Meter zu kommen.
Zuhause angekommen, schaue ich in meinen leeren Kühlschrank. Es gibt nur eine Art der Menschen, die schlimmer sind, als die, die hamstern, denke ich - die Terroristen. Eine extrovertierte unhygienische Spezies. Sie bleiben nicht zuhause, sie treffen sich in Gruppen, der vorgeschriebene Mindestabstand ist ihnen fremd. Sie niesen in ihre Handflächen und fassen alles an.
Ich bin verzweifelt.
Ich weiß nicht an wen ich glauben soll.
Existiert der Antichrist?
Existiert das Antigen?
Oder warten wir vergebens auf die Erlösung unseres elenden Leids, durch eine höhere Macht der Natur?
Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst, steht es geschrieben und warte nicht auf den Messias, füge ich als Fußnote hinzu.
Mein Bewusstsein, ist dein Messias.
Dein bewusstes Leben, ist mein Messias.
Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Vielleicht sollten sie mich einweisen
- dann wäre ich nicht so allein mit meinen Gedanken.

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Kommentare

31. Mär 2020

Film "Der Pianist".
Der bis zu Abgrund verfolgte Jude, der in größter Not eine Büchse Essiggurken gefunden hat und kein Werkzeug besitzt, sie zu öffnen. Was für ein Leid, und seltsam, Leid ist nicht Leid, das beschriebene nicht das jetzige, von uns erlebte.
Doch immer ist Leid als Leid zu sehen und zu behandeln.
LG Uwe