Die Nelke

von Tilly Boesche-Zacharow
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Allmorgendlich geht Micha am selben Nelkenbeet vorüber. Er findet nichts Besonderes daran. Die Nelken wachsen und blühen einfach, aber sie sind stumm.

Eines Tages jedoch hört Micha eine sprechen. Sie sagt: „Guten Morgen!“ Ganz deutlich hört er es. Sie spricht zu ihm: „Guten Morgen, Micha, - schau her, ich bin gerade aufgeblüht!"

Micha ist ein höflicher Mensch. Spricht jemand ihn an, dann antwortet er. So haben ihn seine Eltern erzogen.

Er erwidert: „Guten Morgen, ich sehe, dass du blühst.“

„Siehst du es auch wirklich?“, vergewissert sich die Nelke.

„Natürlich, bin ich vielleicht blind?“ Micha ist ärgerlich, weil die Nelke zu zweifeln scheint, dass er Augen im Kopf hat.

Die Nelke ist eine hartnäckige Nelke: „Hätte ich dich nicht angesprochen, wärst du an mir vorbeigegangen, - gib es doch zu!“

Micha tut es, mürrisch.

„Du nimmst also  nur Notiz von mir, weil ich dich ansprach!“

„Ja doch“, brummelt Micha. „Wie sollte ich dich sonst auch bemerken, wenn du da einfach so stumm vor dich hinblühst?“

„Der Mensch bekam seine Sinne, um sie zu gebrauchen“, doziert die Nelke. "Wozu taugen die Augen, wenn du erst dein Gehör brauchst, um etwas zu sehen?“

„Ich weiß wirklich nicht, was du eigentlich von mir willst“, regt sich Micha auf, aus seiner morgendlichen Ruhe gerissen. “Mir scheint, du willst Streit anfangen. Ja, das   ist der Grund, dass du mich angesprochen hast.“

Die Nelke wiegt sich im Morgenwind. Schön sieht sie aus und geradezu feurig, denn ihre Blütenblätter sind wechselhaft gelb und rot geflammt. Trotzdem – Micha hätte sie nicht bemerkt, wenn sie nicht zu sprechen begonnen hätte. Und jetzt muss er sich mit ihr streiten. Das ärgert ihn.

Er streitet nicht gern, schon gar nicht am frühen Morgen, wenn er lieber geruhsam gute Gedankengänge einübt. Er geht weiter, an der Nelke vorbei und ist bemüht, sie aus seiner Erinnerung zu streichen, weil sie sich so negativ auf seine Stimmung auswirkt. Sie ist nichts anderes als ein Störfaktor im gewohnten Ablauf des Tages.

Glücklicherweise hat er sie und das von ihr bereitete Ärgernis bis zum Abend vergessen. Tausend kleine Routine-Tätigkeiten waren ihm dabei behilflich.

Am nächsten Morgen kommt er wieder am Nelkenbeet vorbei. Keine Stimme ertönt, keine Nelke spricht …

Micha muss sich an diesem Tag nicht ärgern. Das ist ein guter Tag.

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