Die Schlauheit im Paradies

von Karl Hausruck
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I. Das Paradies.

Ein Gott schuf ein Paradies und Menschen dazu. Er sah, daß es gut war, freute sich darüber und legte sich wohlgefällig in die Sonne.

Ein anderer Gott konnte auch schaffen wie der Menschengott, nur Menschen schaffen, das konnte er nicht. Wie der den Menschengott sich wohlgefällig vor seinem Werk sonnen sah, sagte er: Ich gebe zu, daß du etwas kannst, was ich nicht kann, Menschen schaffen. Doch das ist wirklich nur von Bedeutung, wenn damit etwas von Belang geschaffen ist. Was ist der Unterschied zwischen einem, der zehn Meter weit spucken kann und einem, der überhaupt nicht spucken kann, wenn weit spucken keinen Wert besitzt.

Du sonnst dich in deiner Schöpfung wie ein Maler am zukünftigen Ruhm seines Bildes, bevor er geprüft hat, ob sein Werk irgendjemandem etwas bedeutet. Laß mich deine Geschöpfe prüfen. Ich schaffe eine Welt, die nicht das Paradies ist und in sie stelle ich die Menschen hinein. Die Welt enthält verschiedene Möglichkeiten, mit denen die Menschen aus ihr das Paradies wiedererrichten können. Traust du ihnen das zu?

Der Menschengott war sehr eingenommen von seinem Werk und übergab die Menschen dem Nichtmenschenschaffenkönnenden, auf daß sie sich in der Welt des nichtwirklichenabermenschenmöglichen Paradieses bewähren sollten, wie ein Maler sein Gemälde der rauen Luft einer Ausstellung zur Bewährung überliefert in Erwartung des kommenden Ruhmes. Doch im Grunde waren die Menschen dem Menschengott nur noch das Werk einer vergangenen Schaffensperiode und sein Geist war schon bald inbrünstig mit neuen Schöpfungen beschäftigt. Dem fruchtbar schaffenden Künstler fällt am Ende gar nicht auf, wenn eines seiner Werke in einer entfernten Ecke des Universums die Bewährungsprobe nicht besteht.

Nun geschah folgendes. Der Nichtmenschenschaffenkönnende setzte die Menschen in die Welt und beobachtete ihr gar hilfloses Treiben darin. Er holte den Menschengott, der schon wieder in anderen Kosmen tätig war, und zeigte ihm, was geschah. Zuerst beschuldigte der den Nichtmenschenschaffenkönnenden, er habe die Bedingungen nicht eingehalten, nämlich, daß seine Geschöpfe in der Lage sein müssen, in der Welt ihr Paradies zu errichten. Er nannte den Nichtmenschenschaffenkönnenden alle möglichen Schimpfnamen und verleumdete ihn selbst bei den Menschen. Der Menschengott verteufelte seinen Geschöpfen sogar die Annehmlichkeiten, die der Nichtmenschenschaffenkönnende ihnen aus Mitleid zukommen ließ, als der sah, in welch hoffnungslose Lage sie sich hineingearbeitet hatten, damit sie sich wenigstens zwischendurch immer wieder einmal laben könnten.

Der Menschengott war böse auf seine Geschöpfe, weil sie ihn blamiert hatten vor dem Nichtmenschenschaffenkönnenden, war aber auch böse auf diesen, so wie man spitz ist gegen den, der einem eine Unfähigkeit aufdeckt, anstatt sich zu bescheiden, daß das eigene Tun nicht zur Zufriedenheit ausgeht, daß es ein Fehler war, zu behaupten, sein Hündchen sei stark wie ein Stier. Wenn dann das Hündchen gegen den Stier unterliegt, dann ist man böse auf das Hündchen und auch noch auf den, gegen den man die unsinnige Wette verliert. Es muß vermutet werden, daß der Menschengott voll Zorn das Hündchen erschlagen, die Menschheit ersäufen wollte.

Aber der Nichtmenschenschaffenkönnende hatte sich schon lange das Treiben der Menschen in der Welt angesehen. Und so, wie es möglich ist, daß ein Kunstliebhaber ein Bild, das der Meister verworfen hat, lieben und schätzen kann, ja es vielleicht mehr liebt, als alle anderen Werke, so ergriff den Nichmenschenschaffenkönnenden innige Liebe zu den Menschen, unbesehen des Schuldgefühls, letztlich der Urheber ihrer traurigen Lage zu sein. Deshalb gestaltete er die Welt paradieshafter, ja viel paradieshafter, als es vorgesehen war, was den Menschengott ja noch mehr aufbrachte, nämlich, daß seine Geschöpfe nicht einmal einen Kampf mit Vorgabe zu ihren Gunsten entscheiden konnten.

Als der Menschengott seine Geschöpfe wutentbrannt vernichten wollte, fiel der Nichmenschenschaffenkönnende vor diesem auf die Knie und beschwor ihn, dieses sein eigenes Werk nicht zu vernichten. Da verrauchte der Zorn des Menschengottes und er überließ die Menschen dem Nichtmenschenschaffenkönnenden und der rettete so in letzter Minute Noah und die bei ihm waren vor dem Ersaufen.

Nun kann der Nichtmenschenschaffenkönnende natürlich ebenfalls Paradiese schaffen, aber da der Menschengott auch das zu den Menschen gehörige Paradies zerstört hat und der Nichtmenschenschaffenkönnende sich nicht das alles so genau gemerkt hat, auswendig dieses Paradies wieder zu schaffen, da außerdem der Menschengott auf und davon ist und sich um die Sache nicht mehr kümmerte, war der Nichtmenschenschaffenkönnende in einer verzweifelten Lage. Es blieb nur die eine Möglichkeit: Diese Menschen, die nun in seine Hand gegeben waren, die ihm so gut gefielen, die er lieb gewonnen hatte, waren für ein ganz spezielles Paradies geschaffen, aber das war auch der Weg aus der Klemme: es war ihnen aus der Wette mit dem Menschengott die Aufgabe gestellt, sich ihr Paradies wieder zu errichten.

So gab es nur als einziges den Weg, daß die Menschen doch noch ihr Paradies errichten und die Wette des Menschengottes gewinnen. Es wäre die größte Freude des Nichtmenschenschaffenkönnenden, seine eigene Wette zu verlieren, dann hätte er die Menschen und das ihnen zugehörige Paradies und er würde sie lieben und beschützen in Ewigkeit, denn sie gehörten ja jetzt ihm an und er kann sich nicht neue Menschen schaffen, wenn irgendetwas nicht paßt, wie dies der Menschengott täte, der seine Geschöpfe nicht mehr schätzt als ein Maler ein Bild, das er ja nach alten Skizzen und aus dem Gedächtnis notfalls wieder, wenn das alte zugrunde geht, reproduzieren kann.

Der Nichtmenschenschaffenkönnende ist ein Kunstliebhaber, der ein Bild von einem großen Meister besitzt. Wenn es klirrend vor Kälte und die Not groß und schon alles verheizt ist, so wird er lieber frieren, als zu guter Letzt auch noch das Bild in den Ofen zu schieben. So geht es dem Nichtmenschenschaffenkönnenden, der uns vor dem Zorn des Menschengottes bewahrte und mit liebender Sorge wartet, daß wir das Paradies errichten, denn er kann selbst dazu nichts beitragen, würde er dabei doch mehr schaden als nutzen, da er schon viele Paradiese geschaffen hat und immer wieder erfahren mußte, wie geringe Abweichungen aus einem Paradies die Hölle machen. So kann er nur darauf warten, daß wir es selber schaffen oder das liebste, das er besitzt, zugrunde geht.

Warum frägt der Nichtmenschenschaffenkönnende nicht einfach die Menschen, welches Paradies ihnen entspricht? Ja ihr könnt doch leicht feststellen,

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