Oberspree

von Monika Jarju
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Ich träumte – ich machte mich zu einem früheren Ort auf, um zu sehen, was aus ihm geworden war, und was er in mir hervorrief.
Auf dem baumlosen Sandweg, der Fluss in Nebel gehüllt, undeutlich die andere Uferseite, war es ganz still. Bald gelangte ich zu einem einzelnstehenden Haus, das mir bekannt vorkam. Ich suchte sogleich die Namensschilder ab. Anitas Namen fand ich nicht. Hinter dem Haus der Stand einer Behindertenwerkstatt mit weißem Porzellan. Ein freundlicher Verkäufer bot mir dürftige dünne Teller an. Ich ging einfach weiter.
Im Nebel war nichts zu sehen, nur hier und da eine Duschkabine. Ich duschte, und als ich um die Ecke lugte – ich drang in Privates ein: lag da eine junge Frau auf dem Krankenbett mit angezogenen Beinen, ich zog mich zurück, lief schnell weiter.
Und während ich entschlossen ausschritt, stiegen aus meinem tiefsten Innern Erinnerungen auf an einen heißen Sommertag, klares Licht, Schatten unter Kiefern, wir Kinder planschten in der Oberspree, Anitas Lachen. Das plötzliche Nebeneinander der Spreearme zu beiden Seiten des Weges teilte meine Erinnerung. Der Nebel war von einem stillstehenden Grau und dämpfte etwas, das aus der Erinnerung überhing, während ich in der Kindheit zurückblieb – menschenleer, nur Nebel und Duschkabinen. Ich duschte noch einmal.

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Kommentare

30. Jul 2020

Bei deinen Zeilen erscheint mir ZEIT stets relativ zu sein. Kaum gelesen, schon zu Ende. Alles andere war in steter
Bewegung. Toll !
HG Olaf

31. Jul 2020

...na, so ist das mit dem Träumen, gleich darauf wacht man auf, lieber Olaf!
Danke, grüße herzlich zurück, Monika