City-Tauben - eine etwas "andere" Weihnachtsgeschichte

von Annelie Kelch
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Den Schalldämpfer hätte er zu Hause lassen können: die sonoren Orgeltöne dringen über das verwaiste Gelände an der Süderelbe und schlucken jedes Geräusch. Außer einem schwachen Lichtschein, der sich aus der St. Gertrud Kirche stiehlt, und dem glitzernden Schnee, der gegen die Finsternis kämpft, die vom sternenlosen Himmel zu Boden sinkt, ist der Altenwerder Querweg dunkel und bis auf Bergius menschenleer. Die paar Seelen auf den Kirchenbänken, ehemalige Altenwerder und solche, die aus den benachbarten Stadtteilen zur weihnachtlichen Mitternachtsmesse gepilgert sind, kümmern ihn nicht.
Es hat zu schneien aufgehört, und Bergius ist froh, dass er wegen der Fußspuren, die er hinterlässt ‑ sein Wagen steht am Kattwykdamm ‑ die Stiefel seines verstorbenen Vaters trägt, die ihm zwei Nummern zu groß sind. Er kommt sich darin vor wie ein Statist in einem dieser uralten Chaplin-Filme.
Der Auftrag ist schnell erledigt, alles läuft wie geplant: Gonzaga rollt in seinem Mercedes vor, steigt aus, und während er arglos auf Bergius zustapft, bringt dieser seine Deringer zum Einsatz und streckt ihn mit drei Schüssen nieder. Gonzaga sinkt lautlos in den Schnee, und Bergius zweifelt keine Sekunde lang daran, dass der Drogenboss, der den Sohn seines Auftraggebers auf dem Gewissen hat, mausetot ist. Er sichert die 38er und verstaut sie in dem Koffer, der außer dem Schalldämpfer ein weiteres Schießeisen und einen Dolch enthält.
Bergius will sich auf den Heimweg machen, ihn verlangt nach den Keulen der üppigen Weihnachtsgans, die seine Frau Rosalie im Backofen warm hält, als er den Yeti entdeckt, der keine zehn Meter entfernt unter einem Baum sitzt und zu ihm herüberstarrt.
„Zeuge“ signalisiert ihm sein zerstreutes Unterbewusstsein; Bergius’ Gedanken sind seinem Körper vorausgeeilt, hocken an dem gedeckten Tisch im warmen Esszimmer.
Er lässt den Mann nicht aus den Augen, während er die altbewährte Deringer ein zweites Mal hervorholt und ein viertes Mal abdrückt, just in dem Moment, als das Kirchenportal geöffnet wird und eine fromme Lichtflut von dem Terrain vor dem Gotteshaus Besitz ergreift. Bergius sammelt seinen Koffer aus dem Schnee und flieht.

„Diese Möwenbrut“, denkt Rupert, „dösbaddelig und kiebich bis dorthinaus.“ Obwohl seine Nachbarin Frau Frenzen, die die Tiere wintertags mit Futter versorgt, seit fünf Wochen zu Besuch bei ihrer Tochter in Kanada weilt, halten die aufdringlichen Viecher allmorgentlich immer noch Kurs auf den verwaisten Balkon nebenan, drehen kurz vorm Ziel unvermittelt bei, um die Brüstung Sekunden später erneut zu attackieren. Ihre klagenden, die frostige Raureifluft durchdringenden Hungerschreie klingen unangenehm schrill in Ruperts Ohren.
„Die wollen sich nicht damit abfinden, dass sie diesen Winter ohne die Leckerbissen der Frenzen auskommen müssen“, denkt Rupert. Er kann nicht nachvollziehen, dass einzig und allein der Hunger die Seevögel in die Siedlungen unweit der Auen des Entenwerder Elbparks treibt, wo sie Winterquartier bezogen haben. Die Tiere ernähren sich von Abfällen, die auf dem Fluss vorübertreiben; aber der ist seit Wochen mit Eisschollen bedeckt.
Rupert war letztes Jahr Zeuge einer dieser Fütterungen, die die Alte wie Festakte zelebriert. Er hat nebenan auf seinem Balkon gestanden und wollte sich über den Lärm der Vögel beschweren, sah aber davon ab, als ihm die Frenzen ihr freudestrahlendes Gesicht zuwandte, direkt kandidel hat die ausgesehen, obwohl die meistens ‘ne Flunsch zieht.
„Sind die nicht nüdelig?“, hat die Alte ihn gefragt.
„Machen ‘ne Menge Schiet“, wollte Rupert erwidern, aber der Satz hat nicht über seine Lippen wollen. Er war ja kein Unmensch. Die Alte hatte ja sonst kaum Freude in ihrem Leben.
Rupert hat die Fütterung eine Weile beobachtet und die kreischenden Vögel insgeheim mit den Tauben verglichen, die zuhauf in der City umhertrippeln: ausgesprochen scheu, sehr sanft und überaus friedlich, Wesenszüge, die er bei Debbie, seiner angetrauten Taube, schmerzlich vermisst hat. „Depp“, so nannte er sie, wenn sie mal wieder die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen hatte, ohne einen Schlüssel dabeizuhaben, gehörte zweifelsfrei zur Familie der Möwenvögel.
Vor gut einem Jahr, in den frühen Abendstunden des 23. Dezember 2012, einen Tag vor Heiligabend, hatte Rupert sie ausgesetzt ‑ an einer Tanke nahe Rothenburgsort, gleich hinter „Abzweig Veddel“. Sie waren aus Bremen gekommen, hatten die Feiertage bei seinem Bruder Nick und dessen Frau Lore verbringen wollen, aber Debbie, seit fünf Wochen stolze Veganerin, hatte den Festtagsbraten ihrer Schwägerin, einen mit Champignons gefüllten, röschen Truthahn, bei dessen Anblick ihn ein maßloser Heißhunger auf zartes weißes Fleisch schier überwältigen wollte, mit scharfen Worten kritisiert und einen Vortrag über den erbärmlichen Leidensweg armseliger Hühnervögel gehalten ‑ vom Dahindämmern in unwürdigen Legebatterien bis zu deren verfrühtem Ableben in den Schlachthöfen. Selbst Rupert, als Streetworker mit tragischen Schicksalen vertraut, waren Gruselschauer über den Rücken gelaufen; aber Lore hatte mit schöner Regelmäßigkeit dazwischengekeift: „Woher willst ausgerechnet du wissen, woher mein Puter kommt, du dumme Pute!“
„Habt ihr’s gehört?, ‘dumme Pute’ sagt die“, hatte Debbie triumphiert. „Dieses Weib hat keinen Respekt vor Tieren.“
Es hätte nicht viel gefehlt, und die Frauen hätten sich geprügelt.
Rupert war es irgendwann gelungen, seiner erbosten Möwe den Mantel überzuwerfen und sie mit sanfter Gewalt aus der Tür zu schieben.
Eigentlich hat Rupert an der Tankstelle nur kurz aussteigen wollen, um für ein paar Minuten Debbies Gezeter zu entkommen, das wie Möwengekreisch in seinen Ohren dröhnte. Er hatte ernsthaft um sein Gehör gebangt.
Draußen empfing ihn nasskaltes Schneegeriesel. Nachdem er seinen Audi mit Sprit versorgt hatte, stapfte er in den Verkaufsraum, der mollige Wärme verströmte. Aus einem Kofferradio, das auf der Ladentheke stand, erklang, von lieblichen Stimmchen dargeboten, „Schneeflöckchen, Weißröckchen“; aber Rupert war dermaßen gnatzig, dass ihn nichts auf der Welt ein zweites Mal in eine weihnachtliche Stimmung hätte versetzen können. Er hatte den Hals bis obenhin voll.
Debbie war aufs Frauenklo gerauscht, vermutlich um nachzuprüfen, ob ihre Öko-Wimperntusche hielt, was die Green-Verpackung versprach, und er hatte länger als zehn Minuten gewartet, bevor er ohne sie heimgefahren war. Die nächste Bushaltestelle lag keine fünfhundert Meter von der Tanke entfernt. Sie hätte auch zu Fuß heimgehen können, über die Neue Elbbrücke, in weniger als zwanzig Minuten, hätte sie nicht ihre Winterstiefel mit den astronomisch hohen Absätzen getragen, auf denen sie herumeierte wie ein „vom Krokodil gezwickter Homo habilis“. Rupert hat sich jedes Mal köstlich darüber amüsiert.
Die Festtage verlebte er ausgesprochen harmonisch – größtenteils auf St. Pauli,

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Kommentare

30. Okt 2016

Spannung, Witz machen sich breit!
(Und das nicht nur zur Weihnachtszeit ...)

LG Axel

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