Luiselle

von Andreas Moser
Mitglied

Erstes Kapitel

Warum fangen diese Geschichten immer mit einer Lüge an. Ich hätte ihr wohl sagen müssen, dass ich bei unserem Treffen das Aufnahmegerät laufen lasse. Dann hätte sie gewusst, worauf sie sich einlässt. Es wäre einfach nur fair gewesen. Es war heute Morgen. Das war es natürlich nicht. Alleine das Aufschreiben hat mich Stunden gekostet, ganz zu schweigen vom Interpretieren und Korrigieren, das noch Wochen in Anspruch nehmen wird.

     Es war also vor ein paar Tagen. Da traf ich mich frühmorgens mit Elle auf einen Kaffee. Sie heißt anders, dazu später mehr, und ich trank einen Orangensaft. Freunde hatten empfohlen, dass wir uns kennenlernen sollten. Das taten wir und es wurde ein gutes, ein tolles Gespräch. Dabei fallen mir Gespräche nicht leicht. Und weil ich hoffte, dass es gut werden würde, entschloss ich mich, es genau zu machen, es aufzuzeichnen, um auch nicht ein Wort zu verlieren. Denn es hätte gut noch besser kommen können.

     Aber es kam anders. Es ist alles weg. Es entschuldigt mich nicht, dass die Aufnahme unbrauchbar ist. Dass ich jetzt all das Schöne aus dem Gedächtnis abrufen, irgendwie den Faden wiederfinden und mich der Details und Nuancen entsinnen muss, die achtzig Prozent eines Gespräches ausmachen. Immer und immer wieder höre ich mir das Tondokument an, ohne einen Ton, geschweige denn ein Wort zu verstehen.

     Objektiv war der Rauschpegel im Restaurant einfach zu hoch. Das Gerät war überfordert. Ich war zwar ganz bei der Sache, ganz sicher, ganz bei ihr. Doch auch ich bin überfordert. Jetzt im Nachhinein funktioniert mein Gehirn nicht. Immer schon fiel es mir schwer, Gespräche zu merken, viel schwerer als Handlungen. Wie macht man das? Wie machten das die großen Meister, als es noch keine technischen Hilfsmittel gab? Damals hat man doch auch schon Unterhaltungen festgehalten, nicht nur unsäglich aufschreibend. Oder ist etwa alles künstlich, verinnerlicht, der Phantasie, dem Vorstellungsvermögen, der Einfühlsamkeit entsprungen? Also eine Fiktion. Die russische Seele, von Dostojewski ausgelotet in der Verschickung, memoriert um zu überleben, so gut wie es ging - eine Fiktion? Es kann gar nicht anders sein. Sich an all diese Feinheiten der äußeren und inneren Welt erinnern zu wollen - unmöglich mit dem Anspruch an eine objektive Wahrheit. Nur verständlich als Werdens- und Schaffensprozess im Kopf des Autors. Sich in den Kopf des Gegenübers versetzen zu wollen, zumal in den des anderen Geschlechts - praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Reine Fiktion, bestenfalls hohe Kunst.

     Ja, ich erinnere mich, worüber wir gesprochen haben. Über ihre neue Arbeitsstelle, über ihre schwere Krankheit, wie sie sie bemerkt hat, wie sie reagiert hat, wie man sie behandelt hat, wie sie überlebt hat, was sie geheilt hat. Über meine Partnerschaften, die geschäftlichen und privaten, was meine erste Frau macht, wo meine zweite wohnt, von wem die Kinder sind, wo die Kinder sind, wie lange und wie oft.

     Nein, nein, ich habe schon aufgepasst, ich habe genau zugehört. Doch jetzt geht einfach nichts mehr. Ich versuche es nochmals mit dem Abhören der Aufnahme. Hoffnungslos. Sie ist schlecht verständlich, schlicht unverständlich. Ich stelle es so dar: Elle war interessiert und interessant. Ich zeigte ihr, dass ich offen und ehrlich kommunizieren kann. Nie hätten sich die Sensoren einer Frau ausschalten lassen, sie sind immer anzusprechen und zu befriedigen. Was ich auch tat, so im Allgemeinen, bis zu einem gewissen Grade, aus meiner Sicht.

     Und gerade deshalb: Wie haben es Fontane und Mann gemacht? Aufschreiben ist keine ausreichende Antwort. Sie mussten ein fantastisches Personengedächtnis gehabt haben. Katja Mann berichtet, wie Thomas nach einer Unterhaltung mit dem Sanatoriumsleiter in Davos gesagt hat: „Hab ihn“, meinend, dass er den Mann in seinem Wesen erfasst hatte, durch ein simples Gespräch. Plus tägliches, diszipliniertes, stundenlanges Schreiben am „Zauberberg“. Die Meister in der Beschreibung äußerer Welten wiederum waren selbst oft Maler, wie Stifter oder Keller, befähigt, sich mit Farbe und Stift gleich präzise auszudrücken wie mit Worten.

     Man stelle sich vor, wie die Altmeister ihre Worte zu Papier bringen, wie man heute noch sagt. Von Hand auf mehr oder weniger eng beschriebene Seiten, reine Gedanken wiedergebend, einen Wurf und fertig. Oder wie sie in unzähligen Entwürfen um- und überschreiben, bis das Gelesene ihrem Willen entspricht. Eine Sisyphusarbeit, auch wenn es nur Retuschen gewesen sein mögen, wie Schnitte beim Film. Wiewohl mancher Film erst durch den Schnitt seinen Charakter erhält. Hätte Mozart am Computer anders komponiert? Er hatte doch schon alles fixfertig im Kopf, sagt man, heißt es, dieses Ausnahmetalent, dieses Genie.

     Nein, daran ändert der Computer nichts. Mag es heute mit elektronischen Werkzeugen auch ganz anders sein als früher, also leichter: Mir fällt es nicht leicht, mir fällt es nicht einfach so wieder ein. Und je länger es geht, desto kleiner wird meine Chance auf Erfolg, desto größer meine Angst, es nicht mehr hinzukriegen. Wäre es denn wirklich so schade um dieses Gespräch? Muss ich nicht beinahe glücklich sein darüber, dass die Aufnahme misslungen ist, weil mir sonst ein juristisches Nachspiel drohen würde, das auch im besten Fall die Veröffentlichung der nun folgenden Geschichte verunmöglichte?

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